"Aktenzeichen XY... ungelöst" Voll auf die Tränendrüse

ZDF

Von


Warum ist "Aktenzeichen XY... ungelöst" so erfolgreich? Der Grund zeigte sich beim Vermisstenspezial "Wo ist mein Kind?": eine Real-Life-Doku-Soap mit ganz viel Gefühl. Doch genau das ist auch das Problem der Sendung.

40 Prozent: So hoch soll die Aufklärungsquote bei "Aktenzeichen XY… ungelöst" liegen. Diese 40 Prozent sind nicht das beste, sondern einfach das einzige Argument für die Existenz dieser Sendung. Abgesehen natürlich von der Quote.

Geht das ZDF auf Verbrecherjagd, beteiligen sich daran regelmäßig mehr als fünf Millionen Zuschauer. Damit ist dieser Klassiker - seit 1967 im Programm -, was "Wetten, das..?" für eine Weile gewesen sein mag: Ein Lagerfeuer der Nation. Nur eben ein Lagerfeuer, vor dem man sich Gruselgeschichten erzählen lässt.

Ebenso gut könnte man das Format auch als eine interaktive Real-Life-Doku-Soap-Version des "Tatorts" vergleichen, der anderen großen Linderungsmaschine des deutschen Fernsehens. Hier wie dort wird das Grauen besichtigt, und hier wie dort sollen Wunden rituell geschlossen werden. Dieser ungehemmt emotionalisierende Real-Life-Doku-Soap-Aspekt ist das Problem, wie am Mittwochabend beim XY-Spezial "Wo ist mein Kind?" besonders deutlich zutage trat.

Vom schattenhaften Täter in ein schattenhaftes Auto gezerrt

Schon der Teaser mobilisiert nach Kräften die entsetzlichsten Urängste aller Eltern. Ein süßes Mädchen, dem ein schattenhafter Täter nachstellt. Ein süßer Junge, den ein schattenhafter Täter verfolgt. Eine Jugendliche, die von einem schattenhaften Täter in ein schattenhaftes Auto gezerrt wird. Die Fälle sind rekonstruiert und in dezent nachgedunkelten Szenen von Laien gespielt. Manchmal stehen Kommissare an einer Bushaltestelle und sagen: "Hier muss Anita Richter ausgestiegen sein." Freunde und Verwandte dürfen sich liebevoll erinnern ("Ihren Sohn zu verlassen, das hätte sie nicht gemacht") oder in düsteren Spekulationen ("Der ist in den Wald und hat sich was angetan") ergehen. Den emotionale Glutkern der Sendung aber heizen die Eltern an, wie sie mit ihrer versteinerten Verzweiflung im Studio sitzen.

Es geht zu Herzen, wenn eine Mutter sich möglichst unauffällig die Tränen aus dem Gesicht wischt, während sie mit bebender Stimme von der letzten flüchtigen Begegnung mit ihrem Kind spricht und von den Vorwürfen, die sie sich deswegen macht. Es geht zu Herzen, dass die Eltern eines 1999 verschwundenen Mädchens seitdem unzählige Male ihr Türschloss reparieren und eben nicht haben auswechseln lassen, "damit ihr Schlüssel immer noch passt". Weiß denn der verlassene kleine Sohn der verschollenen Mutter auch wirklich, was er tun wird, wenn er seine Mama wiedersehen sollte? Klar doch: "Sie anspringen und umarmen!"

"Strafverfolgungspornografie"

Dass Unappetitliche an derlei Drüsendrückerei ist, dass sie funktioniert. Und dabei doch weniger der Wahrheitsfindung als vielmehr zur Erzeugung einer Erregung dient, die der Medienkritiker Georg Seeßlen einmal treffend als "Strafverfolgungspornografie" bezeichnet hat. Was aber, wenn der Täter selbst die Tränen sieht, sich davon gar erweichen lässt? 40 Prozent! Die Fälle selbst werden vom nackten Entsetzen auf fernsehkompatible Rührseligkeit heruntergekocht, besinnliche Pianoklänge inklusive. Bisweilen fühlt man sich sogar in eine Sendung wie "Bauer sucht Frau" versetzt: Das Opfer "lernt den einfühlsamen Steffen kennen", gewisse Großeltern "lieben den liebenswerten Jungen deshalb ganz besonders", und zu wem könnte "der sensible junge Mann" ins Auto gestiegen sein?

Irgendwer wartet immer auf das "lebhafte und kontaktfreudige" Opfer, aber "das sanfte blonde Mädchen mit den blauen Augen ist verschwunden". Piano. Nicht die eigentliche Tat, sondern der unerklärliche Verlust wird dramatisiert - und zwar ebenso laienhaft, wie die Darsteller chargieren. Da schauen sich die Eltern alte Videos von ihrer Tochter an, und die weibliche Stimme aus dem Off kommentiert, das sei jetzt "ganz besonders schmerzhaft". Wenige Sekunden später beteuert der Vater, man schaue sich diese Filme "sehr gerne an, immer wieder". Auf jede opulente Krankamerafahrt an Orginalschauplätzen kommt ein handwerklicher Fehler. Etwa, wenn bestimmte Geschichten nicht stimmig erzählt sind oder ein "nachtblauer Golf IV" als "sehr auffälliges Auto" bezeichnet wird.

Ein schmales Repertoire an Fragen

Besonders grausam allerdings wird es im Studio, wenn die Angehörigen in den Fängen von Rudi Cerne sind. Der ehemalige Eiskunstläufer und Sportmoderator wirkt immer mehr wie der linkische Autohändler, den William H. Macy in "Fargo" verkörpert. Es dürfte nur ein schmales Repertoire an Fragen geben, mit denen man traumatisierten Eltern auf den Leib rücken kann. Cerne liest sie alle ab: "Haben Sie eine Strategie entwickelt, mit dieser Ungewissheit umzugehen?" - "Welches sind die schönsten Erinnerungen, die sie an Anita haben?" - "Ist die Familie durch diesen Fall nun noch enger zusammengerückt?" - "Auch an Sie natürlich die Frage: Wie geht man mit dieser schrecklichen Ungewissheit um?"

Einmal erkundigt sich Cerne nach der Prüfungsangst einer Vermissten, worauf die Mutter antwortet: "Gute Frage … ich will da jetzt gar nicht drüber reden". Als die Eltern eines geistig zurückgebliebenen Jungen erklären, sie wünschten sich die Nachricht von seinem Tod herbei, weil sie dann wüssten, dass ihm nicht irgendein perverser Entführer "unendliche Qualen" bereitet, moderiert Cerne das Grauen allen Ernstes mit dieser mechanischen Einfühlsamkeit ab, für die ein Markus Lanz so sehr geschätzt wird: "Das klingt am Ende doch ein wenig wie ein Lichtblick!"

Moderator Cerne auf Autopilot

Ganz wie bei "Wetten, dass ..?" übrigens gab's diesmal auch bei "Aktenzeichen XY" einen Stargast aus den USA. Geladen war Michelle Knight, eines der drei Mädchen aus Cleveland, die erst im vergangenen Jahr aus der elfjährigen Gefangenschaft ihres Peinigers befreit wurden. Cerne besinnungslos: "You are fantastic!" Irgendwann sagt die noch deutlich angeschlagene junge Frau einen dieser Sätze, die die Erinnerung an das Martyrium in Schach halten sollen: "Ich bin durch die Hölle gegangen mit einem Lächeln auf dem Gesicht." Darauf Cerne, nun vollends auf Autopilot: "This is really wonderful!"

Verkauft wurde Michelle Knight gewissermaßen als Verkörperung der Kernidee der Sendung, dass es immer noch Hoffnung gibt. 40 Prozent. Und bis zur ungewissen Erfüllung dieser Hoffnung weiden wir uns an der Agonie der Angehörigen, die zuverlässig für Quote sorgt. Fünf Millionen. Mindestens. Piano.

Diskutieren Sie mit!
35 Leserkommentare
fritz2000 22.05.2014
fritz2000 22.05.2014
verbalix 22.05.2014
et420 22.05.2014
Der_Chrissi 22.05.2014
mr.hans1960 22.05.2014
heiko77 22.05.2014
münchner33 22.05.2014
cptmauser90 22.05.2014
finchen0598 22.05.2014
doitwithsed 22.05.2014
kingalex 22.05.2014
segelschiffchen_ 22.05.2014
pluuto 22.05.2014
Criticz 22.05.2014
my_goodness 22.05.2014
mirmel 22.05.2014
mustafa20 22.05.2014
wohin 22.05.2014
Maria-Galeria 22.05.2014
hesekiel2517 22.05.2014
mlu 22.05.2014
hesekiel2517 22.05.2014
Kvert 22.05.2014
mittagspause 22.05.2014
hesekiel2517 22.05.2014
blubberdieblubb 22.05.2014
elffreunde 22.05.2014
katiez 22.05.2014
hesekiel2517 22.05.2014
finchen0598 22.05.2014
tüttel 22.05.2014
hhismanic 22.05.2014
PeterPan95 23.05.2014
spitzaufknoof 24.09.2015

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.