Alexander Kluge zum 80. Geburtstag Guerillero im Gaga-Fernsehen

Biograf, Sammler, Geschichtenerzähler: Alexander Kluge ist eine großartige Mehrfachbegabung. Der Autor und Regisseur ist zugleich Künstler und Geschäftsmann, der uns ein geheimnisvolles Sendefenster im Blöd-TV freigestemmt hat. Ein herzlicher Geburtstagsgruß.
Von Matthias Matussek
Rechner im Auftrag der Poesie: Alexander Kluge wird 80 Jahre alt

Rechner im Auftrag der Poesie: Alexander Kluge wird 80 Jahre alt

Foto: Frank Rumpenhorst/ picture-alliance/ dpa

Wenn Alexander Kluge, der Gesprächskünstler, seine wechselnden Gegenüber befragt - Atomphysiker, Historiker, Konzertpianistinnen - tut er das mit der leisen Indiskretion eines Arztes, der eine Krankengeschichte erforscht. Sanft aber hartnäckig, gleichzeitig kompetent und staunend. Selbstverständlich geht es in diesen, tja: Séancen nicht um Scharlach oder Pocken in der Kindheit, sondern um Gott und die Welt und wie diese zusammengefügt ist. Und wenn von Scharlach die Rede ist, dann nur, wenn er eine Erkenntnis ausgelöst hat.

Er macht seine Gesprächspartner und uns alle zu Komplizen dieser nächtlichen Erkundungen, (die er hier  zu Gärten angelegt hat, zu wundervollen Assoziationsketten über Themen wie "Geld", "Liebe", "Katastrophen"). Alexander Kluge, der Essayist unter den Filmemachern, ist eine dieser seltenen Doppel- und Mehrfachbegabungen, weshalb er heute auch ein 80-jähriger Guerilla-Kämpfer in unserem ideenlosen Fernsehbetrieb ist. Er ist hart verhandelnder Anwalt UND Träumer, hart rechnender Produzent UND Künstler.

Mit seiner Firma DCTP (an der auch der SPIEGEL-Verlag beteiligt ist) hat er dieses geheimnisvolle Sendefenster im Blöd-TV freigestemmt, durch das wir auf Méliès' Mondmenschen schauen, auf den Geschütz-Donner des Ersten Weltkriegs, auf ein Zirkuspferd, das rechnen kann, und kurz darauf hören wir Tristans Liebesleid - und alles greift nach uns in diesem merkwürdigen Zwischenzustand aus Überwachheit und Träumerei. Kluge ist ein Biograf und Sammler und Geschichtenerzähler insofern, als diese immer persönliche Geschichte und Erfahrung ist.

Heute wird dieser Fälscher im Dienste der Aufklärung, dieser Rechner im Auftrag der Poesie also 80. Und alle sollten sich verneigen, all diese Buntlärmer aus dem Fernsehen und die anderen aus den Feuilletons, all diese aufgeregt schnatternden Hipster mit Milchbart in ihrer Kampf- und Denunziationslust, deren schlimmste Erfahrung wahrscheinlich mal ein Alptraum war.

Kluge dagegen hat das Bombardement auf seine Geburtsstadt Halberstadt (noch trägt er ihren Akzent herum wie ein Stück Heimaterde) unter dem Küchentisch der elterlichen Wohnung erlebt und überlebt. Seit Jahrzehnten erzählt er immer wieder auch davon, von der Geschichte aus der Perspektive von Opfern, die eingebettet sein kann in die von Tätern. Wie landen sie auf der einen oder der anderen Seite?

Er hat mir mal erzählt, dass Hitler, 1931 soll das gewesen sein, fast tödlich mit einem Automobil verunglückt sei. Ich habe bis heute nicht rausgekriegt, ob das stimmt. Eines ist klar: Die Menschheitsgeschichte wäre anders verlaufen. Natürlich beschäftigt die Anekdote meine Phantasie bis heute. Vielleicht wird er heute feiern mit seiner Familie in diesem schönen Schwabinger Mietshaus.

Vielleicht wird er aber auch ein Stockwerk darüber sitzen - denn er ist arbeitshungrig und produktiv wie kaum einer - und eine neue fantastische Inszenierung, eine neue Erzählung, ein neues Gespräch bearbeiten, wird Peter Berling als Bischof oder Helge Schneider als Rettungsschwimmer verkleiden, und reden, über Gott und die Welt, sein surreales Fernsehen machen und wissen: Man muss leise sprechen, um die Welt zu zwingen, zuzuhören.

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