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Tragikomödie "Altersglühen": Er trauert, sie will Sex

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Senioren beim Speed-Dating "Ich such was für Hintenraus"

Sie wollen Nähe, sie wollen Sex. Im ARD-Film "Altersglühen" treffen sich Rentner zum Speed-Dating. Ein Ensemble mit Deutschlands Schauspielerelite jenseits der 70, in unverblümter Sprache.

Die Sehnsucht stirbt zuletzt. Man kann sich einen größeren Fernseher anschaffen, man kann sich einen Hund oder Kanarienvogel zulegen, man kann lange Spaziergänge an der frischen Luft machen - diese verdammte Sehnsucht geht offensichtlich nicht weg. Auch nicht mit über 70.

Jedenfalls nicht bei den älteren Herrschaften, die sich in der improvisierten TV-Tragikomödie "Altersglühen", die an diesem Mittwoch Premiere in der ARD feiert, zum Speed-Dating treffen. Die Partner der paarungswilligen Alten sind weggelaufen, längst unter der Erde, oder sie dämmern einfach vor der Glotze weg.

Die sechs Männer und sieben Frauen aber, die sich in einem Restaurant versammelt haben, wollen es noch einmal wissen. Dem anderen schöne Augen machen, mit jemandem die Welt erobern, fremde Haut spüren oder, jetzt bloß nicht blumig werden, einfach nur mal wieder guten Sex haben. Oder überhaupt noch mal Sex. Gerne auch mit wechselnden Partnern.

Kein Oldie-Klischee aus der Fernsehtruhe

Da ist Clara (Angela Winkler), die reisen will. Also richtig reisen. Nicht nach Mallorca mit einem Haufen anderer Alter, sondern ins tiefste Russland. Oder Christa (Brigitte Janner), die zu Hause einen Scheintoten im Bett neben sich liegen hat, aber nicht bereit ist, deshalb ihre körperlichen Bedürfnisse zurückzustellen. Oder Volker (Michael Gwisdek), der zusammen mit einem Kumpel in einer Laube wohnt und bei dem Sammel-Date in Bezug auf Alter und Partnerschaft etwas "für Hintenraus" sucht. Das ist wahrscheinlich weniger schmutzig als es klingt.

Die Sprache ist ungewöhnlich für eine Fernsehproduktion zur Primetime, bei der die ergrauten Granden der deutschen Filmunterhaltung mitspielen. Nicht gesalbt, nicht gestelzt authentisch. Den Typus des abgeklärten Lebensweisen sucht man hier ebenso vergeblich wie den drolligen Greis; kein Oldie-Klischee aus der Fernsehtruhe weit und breit. Das liegt am Konzept: Die Dialoge standen in keinem Drehbuch, sie entwickelten sich im freien Spiel, 19 Kameras schnitten das Geschehen mit, Szenen wurden bewusst nicht wiederholt.

Die Idee stammt vom Schauspieler und Regisseur Jan Georg Schütte, der als Nebendarsteller mit einem kunstvoll schnoddrigen, an allen Fernsehredaktionen vorbei entwickelten Straßensound so manchen "Polizeiruf" und "Tatort" veredelt hat. Mit "Swinger Club" (2006) und "Die Glücklichen" (2008) hat sich Schütte schon mal als Regisseur bei großangelegten Improvisationen versucht. Er ist auf dem Terrain des freien Spiels also ein alter Hase; das Risiko bleibt.

Wer Nähe will, muss aufmachen

Und so tritt sein Poussier-Marathon 70 plus gelegentlich auf der Stelle, die Schauspieler kämpfen und schwitzen, die Dialoge rattern jedoch schon mal im Leerlauf. Aber so ist es ja auch bei einer Speed-Dating-Veranstaltung: Man stellt sich wieder und wieder im Sieben-Minuten-Takt mit den gleichen Worten einem anderen vor. Ein eigentlich monotoner Ablauf - im Spiegel des Gegenübers kann es dann aber eben doch zu Verschiebungen der Selbstwahrnehmung kommen.

Schütte nutzt das Schwebende in dieser Situation, um alle Facetten der Sehnsucht und des Begehrens im Alter darzustellen. Wie die einen durchs Feedback im Flirt-Parcours in eine neue Rolle finden, wie sich die anderen immer tiefer in die Einsamkeit reden, weil sie sich die eigene Realität nicht eingestehen können.

Da ist zum Beispiel Maria (Senta Berger), ehemalige Unternehmerin, die mit ironischer Noblesse auf sämtliche Bewerber herunterschaut, bis die sich freiwillig trollen. Oder Johann (Mario Adorf), der schon ein bisschen zu lange trauernde Witwer, der eigentlich sofort wieder aussteigen will aus der Dating-Chose, sich dann aber doch noch öffnet. Oder Martha (Hildegard Schmahl), die die vergangenen 20 Jahre allein gelebt hat, aber sich jetzt endlich ihre sexuellen Träume erfüllen will und bei jedem weiteren Mann, vor dem sie sitzt, mutiger und expliziter ihre Wünsche offenbart.

In keinem Moment wirkt das grell oder voyeuristisch, geschenkt wird den Alten aber auch nichts. In diesem Punkt ist dieser tragikomische Rentner-Reigen so reell wie realistisch: Wer Nähe will, muss aufmachen.


"Altersglühen - Speed Dating für Senioren", Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD