Serie über Fifa-Skandal Das schönste Geschäft der Welt

Die EM fällt aus, dafür gibt's erhellende Einblicke ins globale Fußball-Business: Die Amazon-Serie "El Presidente" schildert die Hintergründe des Fifa-Korruptionsskandals von 2015 als große Mafiasaga.
Kein Charisma, trotzdem ganz oben: Der korrupte Fußballfunktionär Jadue (Andrés Parra)

Kein Charisma, trotzdem ganz oben: Der korrupte Fußballfunktionär Jadue (Andrés Parra)

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Zu den Gesetzen des Mafiafilms gehört es, dass der kriminelle Protagonist bei aller Schlechtigkeit eine Faszination ausstrahlen muss, die den Zuschauer an seinem Schicksal Anteil nehmen lässt. Diese Regel, erprobt von "Der Pate" bis "American Gangster", hat auch der argentinische Drehbuchautor und Regisseur Armando Bo (Oscar-Preisträger für "Birdman") bei seiner Serie über Korruption im globalen Fußballgeschäft beherzigt - wenngleich auf ungewöhnliche Weise: Seine Hauptfigur Sergio Jadue (Andrés Parra) ist ein unscheinbarer Mann mit Dreiviertelglatze und Bauchansatz, ein bisschen ungelenk und frei von jeglichem Charisma.

Wenn der Präsident des chilenischen Provinzklubs La Calera zunächst dennoch als Sympathieträger durchgeht, so liegt das einzig und allein an seinem Underdog-Status, an seiner tragikomischen Aura: Als sein Verein die Chance hat, in die erste Profiliga aufzusteigen, rast das Publikum auf den windschiefen Tribünen, die Spieler aber traben nur über den Rasen und weisen mit Gesten auf ihre ausstehenden Gehälter hin.

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"El Presidente"

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Jadue ist drauf und dran, in der Halbzeitpause mit einem Knüppel in die Kabine zu stürmen, gerade noch kann seine Frau Nené (Paulina Gaitán) ihn davon abhalten. Erst nachdem er den Spielern in der Umkleide das Versprechen auf einen Zettel gekritzelt hat, sie gleich am nächsten Montag auszuzahlen, gewinnen die das Spiel, und der 31-Jährige steigt zum jüngsten Erstliga-Präsidenten Chiles auf.

Die Diskrepanz zwischen dem hochfliegenden Titel und den prekären Gegebenheiten macht zu Beginn einen großen Teil des Unterhaltungswerts von "El Presidente" aus. Als Jadue dann doch nicht zahlt und in seinem klapprigen Suzuki vom Vereinsgelände flüchten will, wird sein Auto mit Steinen beworfen. Beim ersten Funktionärstreffen will der Pförtner ihn nicht durchlassen. Und beim Antrittsbesuch bei der Nationalelf schleicht er rückwärts vom Rasen, weil die Spieler über sein deplatziertes Schuhwerk spotten.

Doch allen Demütigungen zum Trotz setzt sich sein Aufstieg unaufhaltsam fort: Weil die Vereinspräsidenten der Liga einen Strohmann für eine unpopuläre Entscheidung brauchen, avanciert das Greenhorn auch noch zum Chef des nationalen Dachverbands ANFP.

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Je höher Jadue aufsteigt, desto näher kommt Armando Bos Serie ihrem Kernthema: der real existierenden Korruption im internationalen Fußballgeschäft, aktenkundig als Fifa-Gate des Jahres 2015. Damals stürmten Polizisten das Züricher Luxushotel Baur au Lac, nahmen diverse hohe Verbandsfunktionäre wegen Bestechung und Geldwäsche fest und setzten der Ära Joseph Blatter ein Ende. Und der echte Jadue spielte für die nachfolgenden Ermittlungen eine wichtige Rolle.

Erfrischend respektlos legt "El Presidente" die Mechanismen der Branche offen, zerlegt die Geldmaschine Fußball in ihre Einzelteile. Zwischendurch informieren Einblendungen etwa darüber, dass in Katar, dem Austragungsort der WM 2022, "bis 2019 mindestens 1400 Arbeiter beim Bau von WM-Stadien gestorben sind".

Der beste dramaturgische Kniff aber ist, dass die Ereignisse von einem Toten erzählt werden: dem 2014 verstorbenen argentinischen Verbandspräsidenten Julio Grondona (Luis Margani), der 26 Jahre lang dem Fifa-Exekutivkomitee angehörte, den unbedarften Jadue protegierte und mit ein paar Weisheiten für die Hinterzimmerrunden der feisten alten Fifa-Herren versorgte ("Entweder essen wir alle oder keiner").

Diese jenseitige Perspektive ermöglicht nicht nur eine Schilderung ohne falsche irdische Rücksichtnahme, sie knüpft auch schlüssig an die Tradition des magischen Realismus an. Dazu gehören gelegentliche Übertreibungen und Ausschmückungen, die dann ganz unverblümt als solche eingeräumt werden.        

Sergio Jadue indes, angestachelt von seiner konsumfreudigen Frau, aber auch von der eigenen Gewöhnung an Status und Luxus, begeht bald den Fehler, der das System zum Einsturz bringt: Er nimmt nicht nur Bestechungsgeld für die Vergabe von TV-Übertragungsrechten an, er lässt sich auch mit der FBI-Agentin Rosario alias Lisa Harris (Karla Souza) ein, die ihn mit einem Mikrofon ausstattet. So ist es auch seine Spitzeltätigkeit, die den Zugriff in Zürich ermöglicht.

Am Ende der acht famosen Folgen werden zu James Browns "Living in America" die (Geld-)Strafen der verhafteten Fifa-Größen verlesen, die teils mit Fußfessel, insgesamt aber doch in recht komfortablen Umständen zu sehen sind. Und Erzähler Julio Grondona hat auf seiner Wolke Gesellschaft bekommen: João Havelange, Blatters Vorgänger als Fifa-Präsident von 1974 bis 1998, äußert Lust, nun auch seine Sicht der Dinge preiszugeben. Nur zu, nur zu.

"El Presidente" ist verfügbar bei Amazon Prime Video