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"American Factory": Zusammenprall der Kulturen

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Wirtschaftsdoku "American Factory" Warum die Obamas diese Netflix-Produktion pushen

Was passiert, wenn ein chinesischer Konzern in den USA als Arbeitgeber auftritt? "American Factory" ist ein packender Film, der dank eines Deals zwischen den Obamas und Netflix nun weltweit zu sehen ist.

Sogar der Senator des Bundesstaates Ohio kommt zur Eröffnung der neuen Fabrik in Dayton. Aber der hohe Gast hat sein Willkommensrecht ganz schnell verwirkt, als er in seiner Rede sagt, er begrüße Bestrebungen von Teilen der Belegschaft, sich gewerkschaftlich zu organisieren.

"Das war nicht abgesprochen", bebt einer der Manager der Firma vor Wut. "Am liebsten würde ich ihm den Kopf abschneiden." Dayton, Ohio, mag zwar im Mittleren Westen der USA liegen. Aber auf dem Fabrikareal hat jetzt der chinesische Milliardär Cao Dewang mit seinem Konzern Fuyao das Sagen. Was Cao in Dayton sehen will, ist Rendite. Keine gewerkschaftlichen Umtriebe.

Chinesische Konzerne sind im wirtschaftlichen Raum eher eine abstrakte Größe: Herausforderer und große Konkurrenten des Westens, Lieferanten von Elektronikartikeln und Plastikspielzeug. Aber selten Arbeitgeber. Bei Fuyao, einem weltweit agierenden Unternehmen, das Autoglas produziert, ist das anders.

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"American Factory": Zusammenprall der Kulturen

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Die Europazentrale des Konzerns ist in der Nähe von Heilbronn ansässig, die Fabrik in Dayton eröffnete 2014. Die US-amerikanischen Doku-Filmemacher Julia Reichert und Steven Bognar begleiten in "American Factory" den heftigen Zusammenprall zweier Kulturen, der zukunftsweisend sein könnte.

Sie machen daraus ein schmerzhaft komisches Epos über den Abstieg der Arbeiterklasse, die es ja immer noch gibt, auch wenn sie medial so selten präsent ist. Ein großes Werk über ein großes Thema zweifellos, noch dazu von Filmemachern, die sich über Jahrzehnte einen Namen als Chronisten sozialer Fragen gemacht haben: Julia Reichert wurde zwei Mal für den Doku-Oscar nominiert.

"Die Welt ein klein bisschen besser machen"

Beim diesjährigen Sundance Film Festival erhielten Reichert und Bognar für "American Factory" nun den Regiepreis. Trotzdem darf man sicher davon ausgehen, dass auch diese Auszeichnung ihrem Film nicht zu großer Bekanntheit verholfen hätte. Dazu bedurfte es anderer Unterstützer: Netflix, wo "American Factory" ab heute in 190 Ländern zu sehen sein wird. Und Barack und Michelle Obama, die einen Produktionsdeal mit dem Konzern schlossen. Die Doku ist das erste gemeinsame Projekt.

Barack und Michelle Obama haben viel vor in ihrer Karriere nach der Polit-Karriere. Unter anderem schlossen sie einen Produktionsdeal mit Netflix

Barack und Michelle Obama haben viel vor in ihrer Karriere nach der Polit-Karriere. Unter anderem schlossen sie einen Produktionsdeal mit Netflix

Foto: Mark Wilson/ Getty Images

Die Obamas waren nie direkt in die Produktion einbezogen, ihre Mitarbeiter akquirierten sie erst nach der Sundance-Premiere. Trotzdem wird "American Factory" jetzt als die erste Obama-Produktion gefeiert und profitiert von der ungebrochenen Anziehungskraft des Polit-Glamour-Paares. Gemeinsam mit Netflix können sie Themen setzen und damit ein globales Publikum erreichen. Bisher sind fünf weitere Produktionen geplant, darunter zwei fiktionale Serien und Doku-Reihen wie "Listen To Your Vegetables & Eat Your Parents", die gesunde Ernährung für Kinder propagieren will.

"Eine gute Geschichte hilft uns, die Welt außerhalb von uns selbst zu sehen. Sie hilft uns, Solidarität füreinander zu empfinden", schrieb Obama auf Instagram. Das sei eines der größten Ziele seiner Produktionsfirma Higher Ground. "Teil des Projektes ist es, zu versuchen, die Welt ein klein bisschen besser zu machen für unsere Kinder und Enkel."

Die Zuschauer profitieren im Fall von "American Factory" ungemein. Denn die Obamas dürfte nicht das sozialpolitisch hochwichtige Thema allein gereizt haben, sondern auch die bezwingende Umsetzung von Reichert und Bognar. Ihr Film ist unmittelbar, packend, spannend, tragikomisch, kurz: allerbeste Unterhaltung.

Die Kamera selbst wird hier zum Seelen-Seismographen amerikanischer Arbeiter, und gleichzeitig blickt der Zuschauer gewissermaßen in den Maschinenraum der Globalisierung. Mit den Mitteln des direct cinema, also nur mit der Kamera und ohne einordnenden Kommentar, erzählen die Filmemacher eine Geschichte von tiefem Fall und scheinbarem Wiederaufstieg unter neuen Bedingungen.

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"Fuyao ist gerade der beste Arbeitgeber der Stadt, ich bin so froh, dass ich wieder Geld verdiene", sagt einer der Angestellten nach der Eröffnung euphorisiert. Die Einschätzung seiner Kollegin ist realistischer: "Früher, als hier noch GM Autos baute, habe ich 29 Dollar in der Stunde verdient. Jetzt sind es 12,84 Dollar." Dennoch: Eine andere Kollegin kann sich endlich wieder ein eigenes Apartment leisten und bei ihrer Schwester ausziehen.

Nach dem schmerzhaften Niedergang der Autoindustrie in der Gegend fügen sich viele Angestellte in ihr Schicksal und akzeptieren schlechtere Bedingungen. Sie haben es immer noch wesentlich besser als ihre chinesischen Kollegen, die sie einarbeiten: Die müssen sich für zwei Jahre Arbeit in den USA verpflichten und arbeiten auch an den Wochenenden.

Aus der Gegenüberstellung zweier komplett unterschiedlicher Arbeitskulturen zieht "American Factory" seine besondere dramatische Kraft. Die über Jahrzehnte von amerikanischen Arbeitern erkämpften Rechte werden plötzlich wieder Verhandlungsmasse, wenn sie chinesischen Kollegen gegenüberstehen, für die diese Rechte von einem anderen Stern kommen.

Intime Nähe zu den Protagonisten

"Die Arbeit ist zentral in unserem Leben", sagt ein Beschäftigter aus China. Dass er seine Familie zwei Jahre lang nicht sieht, ist für ihn schlimm, wie er den Filmemachern anvertraut. Öffentlich sagen würde er das aber nie.

Reichert und Bognar wohnen selbst gleich um die Ecke der Fabrik, sie kennen ihre Geschichte: Schon ihre für den Oscar nominierte Kurz-Doku "The Last Truck: Closing of a GM Plant" spielte hier. Entsprechend intim ist ihre Nähe zu den Protagonisten. Dass das für beide Seiten gilt, ist die größte Stärke von "American Factory".

Einmal sinniert Konzernchef Cao Dewang mit entwaffnender Offenheit, er vermisse die Geräusche seiner Kindheit: quakende Frösche, der Wind in den Bäumen. Er habe Fabriken auf der ganzen Welt gegründet, unglücklich sei er dennoch oft.

Seinen unternehmerischen Weg geht er dennoch konsequent weiter. Am Ende, als der Kampf um die Gewerkschaft und schlechte Arbeitsbedingungen schon jegliches Vertrauen zerstört hat, stehen in den Fabrikhallen Mitarbeiter, die keinerlei Ansprüche stellen: Roboter. Die Zukunft der Arbeit, sie hat schon längst begonnen.

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