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15. April 2019, 20:57 Uhr

Am Set von "American Gods"

Mit Fantasy gegen Trump

Aus Toronto berichtet

Neil Gaiman schrieb den Kultroman "American Gods" - lange bevor US-Präsident Trump an die Macht kam. Dass die Serienadaption zur politischen Kritik wurde, war Zufall. SPIEGEL ONLINE besuchte die Dreharbeiten.

Der amerikanische Traum stirbt in Kanada. In einem Filmstudio in Toronto haben sie dazu ein komplettes Bestattungsinstitut nachgebaut. Welke Tapeten, schummriges Licht, ein offener, leerer Sarg, ein Leichentisch. Unter dem Laken ragen nackte Füße hervor.

Fans des Kultromans "American Gods" und der gleichnamigen TV-Serie dürften die Kulisse als einen zentralen Schauplatz der Fantasy-Saga erkennen: Dies ist das Bestattungsinstitut von Mr. Ibis und Mr. Jacquel - in Wahrheit die altägyptischen Götter Thot und Anubis, gestrandet in Cairo, einer kaputten US-Kleinstadt in Illinois.

Aus dem Dunkel schallt eine Stimme. "Let's roll", ruft Regisseurin Stacie Passon. Gedreht wird hier eine Schlüsselszene der zweiten Staffel von "American Gods": Ibis bekommt Besuch vom Spinnengott Anansi, auch der als Mensch getarnt. Der Moment gipfelt in einem Monolog über die Zustände in Amerika, früher wie heute - Sklaverei, Rassismus, Polizeibrutalität, Rechtsradikale. Zehnmal wiederholt der schwarze Comedian Orlando Jones, der Anansi spielt, die Rede, steigert sich immer mehr hinein, bis Regisseurin Passon zufrieden ist: "Cut!"

"American Gods", die Emmy-nominierte Adaption des Bestsellers von Neil Gaiman, handelt vom Krieg zwischen Göttern und Götzen, Mythologie und Technologie, Minderheiten und Mehrheiten. Vor allem aber ist sie ein Fanal auf Amerika, dessen Ethnizitäten und Religionen sich immer schon bekämpften - und heute mehr denn je.

"Unsere Show zeigt Amerika, wie es wirklich ist", sagt Gaiman, 58, der auch ein ausführender Produzent der Serie ist und in einem benachbarten Studio vor einem Kaffee hockt. Glaube, Gewalt, Unterdrückung von Minoritäten: Diese Motive prägten schon den Roman von 2001. Doch auf einmal sind sie brandaktuell - wegen Donald Trump.

Das Timing war ein Glücksfall. Das Konzept zur Serie entstand 2014, die erste Staffel, gefilmt 2016, hatte kurz nach Trumps Amtsantritt Premiere. Die lange verzögerte zweite Staffel, die im März anlief, erinnert einen nun daran, wie krass die Lage seither eskaliert ist. "Amerika war ja nie eine rein weiße Nation", sagt Gaiman, der als Exilbrite in den USA lebt. "Doch plötzlich ist das ein Politikum." Das Einwanderungsland weiß Einwanderer nicht mehr zu schätzen.

"Dieses Krebsgeschwür"

Dutzende Bücher und Comics ("Sandman") hat Gaiman verfasst, doch "American Gods" ist mit gut 40 Millionen verkauften Exemplaren sein populärstes Werk. "Wir dachten nicht, dass wir da etwas Kontroverses machen", sagt Gaiman über die TV-Fassung, die alle Hautfarben, Geschlechter und sexuellen Ausrichtungen feiert. "Wir dachten nicht, dass eine Show, die Immigranten in positivem Licht zeigt und viele schwarze und homosexuelle Figuren hat, heute noch ein Statement sein würde."

Doch dann wurde die Serie, so weit sich eine Fantasyshow das überhaupt anmaßen kann, zum Statement - auch gegen Trump. "Ein Gegenmittel gegen dieses Krebsgeschwür, das sich nun offenbart hat", sagt der schwarze Schauspieler Demore Barnes (Mr. Ibis).

"Neil schrieb das vor vielen Jahren", sagt Ian McShane, 76, der den mysteriösen Mr. Wednesday spielt. "Doch jetzt sind die Themen sehr relevant." Der britische Charakterdarsteller, auch bekannt aus "Game of Thrones" und "Deadwood", verfolgt den Dreh in Hoodie und Shorts und beklagt dabei die Polarisierung Amerikas: "Furchtbar traurig, man kann nur noch den Kopf schütteln."

Dabei sind die Konflikte, die die USA gerade zerreißen, eben nicht neu, sondern nur verstärkt von Trump. "Wir leben in grotesken Zeiten", seufzt Anansi-Darsteller Jones in einer Drehpause. "Menschenrechte, Bürgerrechte, Frauenrechte, alles hängt miteinander zusammen."

Den Monolog im Bestattungsinstitut hat Jones selbst geschrieben, aus eigener Erfahrung. Doch nicht nur für ihn ist das ein persönliches Anliegen. Das ganze Team ist stolz auf seine Diversität, vor und hinter der Kamera. Der Cast stammt aus den USA, Großbritannien, Australien, Nigeria, Iran, Schweden, Deutschland. Frauen - weiße, schwarze, asiatischer Herkunft - haben die Hälfte der neuen Staffel inszeniert.

Querelen hinter den Kulissen

Die Spannbreite offenbart sich wohl am augenfälligsten in Ricky Whittle. Der Ex-Seifenoperstar wurde nicht nur wegen seines Charismas für die Hauptrolle des Shadow gecastet, sondern auch wegen seiner Herkunft: Seine Mutter ist eine weiße Britin, sein schwarzer Vater stammt aus Jamaica. "Unser Held ist ein Schmelztiegel, wie Amerika", sagt Gaiman.

"Was ist das echte Amerika?", fragt Whittle, auf die politische Debatte angesprochen. Der Hüne - der ebenfalls aus Großbritannien stammt, doch in Los Angeles lebt und die US-Staatsbürgerschaft anstrebt - sitzt in Jeans und T-Shirt an einem Crew-Tisch. "Das echte Amerika erhebt sich und sagt 'so nicht'. So behandeln wir Einwanderer nicht." Er sei "dankbar", dass er diese Botschaft "in die Welt bringen" könne.

Fast zwei Jahrzehnte versuchte Gaiman, seine Vision verfilmen zu lassen. 2011 sicherte sich HBO die Rechte, im selben Jahr, als der Bezahlsender mit "Game of Thrones" den größten TV-Fantasyhit landete. Doch HBO, sagt Gaiman, "kriegte das Drehbuch nicht hin". Schließlich landete "American Gods" beim HBO-Rivalen Starz.

Starz investierte pro Folge mehr als zehn Millionen Dollar. Die Sets belegen ein halbes Dutzend Studiohallen, in denen ikonische amerikanische Orte wiederauferstanden sind - darunter ein klassisches Schnellrestaurant, in dem selbst der Ketchup in den alten Glasflaschen echt ist.

Die erste Staffel erntete begeisterte Kritiken, doch die Produktion der Folgesaison litt unter kreativen Querelen. Showrunner wurden gefeuert, Schauspieler schrieben ihre Dialoge um, zwei Stars warfen hin. "Zweite Staffeln sind immer schwierig", sagt Serienveteran McShane.

Das Problem liegt aber vor allem auch im politischen Umfeld - und in Trump: Wie lässt sich eine surrealistische Gesellschaftskritik fortführen, wenn die Gesellschaft selbst immer surrealer wird? Wie und wo unterscheidet sich die zeitlose Fantasy von der Realität?

Trotzdem gab Starz "American Gods" jetzt grünes Licht für eine dritte Staffel. "Wenn die irgendwann mal fertig ist", sinniert Gaiman, "sind die Rassisten vielleicht schon wieder verschwunden, Homosexuelle und Transgender sind voll akzeptiert, und die Leute werden 'American Gods' als Relikt einer untergegangenen Ära sehen."


"American Gods": Montags auf Amazon Prime Video (in den USA auf Starz)

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