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Amoklauf-Drama auf Arte: Die Stille nach dem Schuss

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Amoklauf-Film "Die Lehrerin" Heilige mit Schmollmund

Reifen im Schatten der Katastrophe: In dem TV-Drama "Die Lehrerin" zückt ein gemobbter Schüler das Gewehr - und eine Pädagogin muss nach dem Amoklauf mit den Folgen leben. Weil Schauspielerin Anna Loos das so still und mit viel Gespür für ihre Heldin tut, erlebt man höchste Fernsehkunst.
Von Nikolaus von Festenberg

Die Frau des Stasischweins ist Lehrerin und Alkoholikerin. Sie kommt vom Entzug in die Schule zurück und erlebt sogleich das, was sie krank gemacht hat. Sie muss im Auftrag der Obrigkeit einen missliebigen, aber begabten Schüler benachteiligen, Regimetreue geht vor Leistung. Man sieht in knappen Szenen, wie die Pädagogin äußerlich zerbricht und zugleich ihre innere Würde entdeckt - es war eine der ergreifendsten Episoden in der Serie "Weißensee" über den inneren Verfall der DDR. Schlimmeres und Genaueres lässt sich in der Fiktion über diesen Staat nicht sagen.

Die Darstellerin Anna Loos, selber mit 17 aus der DDR geflohen, spielte diese Lehrerin mit überwältigender Präzision. "Glaubhaft" und "natürlich" möchte man naiv schreiben, aber da ist natürlich Kunst am Werk, und was für welche.

In dem Film "Die Lehrerin" kann man diese Kunst wieder erleben - im Wachsen gegen die Schläge des Schicksals, im weiblichen Zorn, der nichts als Pflichterfüllung und Treue gegenüber Schutzbefohlenen ist. Der kein Jammern und Quatschen zulässt, sondern zum Handeln drängt.

13 Jahre Schule sind genug

Loos spielt die Lehrerin Andrea. Sie ist seit 13 Jahren im Schuldienst, ein Arbeitspferd, das dabei ist, seine Hufe zu spüren, weil die nicht mehr wie früher von der einstigen Begeisterung mitgetragen werden. Sie hat zu Anfang ihre Reibereien mit einer Kollegin, der kreativen und leicht chaotischen Quereinsteigerin Katja (Meret Becker). Aber bald entsteht auf beiden Seiten Achtung und bei Andrea die Gewissheit, dass sie als Biologielehrerin nie so einen pädagogischen Furor entfalten kann, wie die Janis-Joplin-Liebhaberin Katja. Mit der Kündigung in der Tasche will Andrea die Konsequenzen ziehen - 13 Jahre Schule sind genug.

Da geschieht die Katastrophe. Mitten im Unterricht zückt ein gemobbter Schüler ein Gewehr und will den Oberzyniker der Klasse erschießen. Katja wirft sich dem Attentäter entgegen, erleidet schwerste Verletzungen, fällt ins Koma.

An dieser Stelle nimmt der Film eine in der heute so bilderselig-katastrophisch gestimmten Fernsehlandschaft eine überraschende Wende. Er bleibt bei den Opfern. Er bleibt still. Er bleibt weiblich (Drehbuch: Laila Stiehler), also hilfreich. Er verzichtet auf die Lust an der Destruktion, auf das Schwelgen in Ausweglosigkeit, sondern sieht einer Frau zu, die heil zu machen versucht, was kaum heil zu machen ist.

Ein Schutzengel mit viel Geduld

Das sieht sich natürlich nicht so erregend an wie ein Dominik-Graf-"Polizeiruf". Aber höchste TV-Kunst erfordert es trotzdem. Der Schock hat nicht nur Andrea zertrümmert, sondern vor allem auch die seelische Verfassung der Schüler. Eine Flucht vor der Verantwortung ist für die Lehrerin nicht möglich. All die frühreifen Macho-Macken der Schutzbefohlenen sind zusammengebrochen. Andrea muss mehr sein als nur Klassen- und Fachlehrerin sein, sie wird in eine Mutterrolle gedrängt. Man sieht dem schmollenden Mund der Schauspielerin Loos an, dass sie auf die Funktion einer Heiligen eigentlich keine Lust hat, aber Not nimmt keine Rücksicht auf die innere Verfassung.

Wir sehen ziemlich gerührt, wie sich eine Erwachsene den Ängsten von Kindern stellt. Wie sie aus purer Verzweiflung das eigentlich ziemlich uncoole Projekt der Anlage eines Schulgartens anstößt - schon Luther wollte bekanntlich im Angesicht einer bevorstehenden Apokalypse schnell noch ein Apfelbäumchen pflanzen. So was ist sinnlos, aber es tröstet.

Die komatöse Kollegin wird, so zeigt dieser von Tim Trageser ( "Einer bleibt sitzen") stilsicher und unaufdringlich inszenierte Film, in die Trauerarbeit einbezogen. Die Kinder bringen ihr Früchte aus dem Schulgarten, Andrea nutzt die Sterbende als Projektionsfigur und Trostquelle, und der Film hat keine Scheu, diese Projektionen auszumalen. Wenn Katja zwischenzeitig vom Sterbelager aufsteht, schildert der Film die harmlose Spökenkiekerei, als wäre sie Realität. Axel Prahl spielt einen Psychologen, der das Beste tut, was ein Seelenklempner in einer solchen Katastrophe tun kann: ein Schutzengel mit viel Geduld sein.

Am Ende kehrt Andrea in den Schuldienst einigermaßen wiederhergestellt zurück. Ihre Kündigung, die sie in einem Schubfach neben dem Krankenbett Katjas vergessen hatte, findet sie wieder - zerrissen. Ein bisschen Wunder und Rätsel braucht eine liebevolle TV-Geschichte auch.

"Die Lehrerin", Freitag 20.15 Uhr, Arte

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