Merkel bei Anne Will Klingt vernünftig, sehen wir dann

Angela Merkel erklärt im Interview mit Anne Will ihre erneute Kanzlerkandidatur. Wer bis zum Schluss wach bleiben konnte, muss vorher viel Kaffee getrunken haben. Sehr viel Kaffee.

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Sie tritt also noch mal an als Kanzlerkandidatin der CDU, das ist jetzt wirklich keine Überraschung, die Frage ist nur: Warum tut Angela Merkel das? Welche Botschaft, welches Programm hat sie nach elf Jahren im Kanzleramt anzubieten, mit welchem Versprechen will sie um die Stimmen der Deutschen werben?

Selbst mit bestem Willen waren dem etwa 25-minütigen Interview, das Angela Merkel am Sonntag Anne Will gab, keine konkreten Anhaltspunkte zu entnehmen. "Nach elf Jahren ist es anders als nach vier oder nach acht Jahren", sprach die Kanzlerin. Stimmt. "Es geht darum, 'ne Vorstellung zu entwickeln, was passiert 2017 bis 2021 mit Deutschland und was kann ich mit meinen Überzeugungen und den Überzeugungen der CDU dazu einbringen", sagte sie.

Genau, darum geht es. Und? "Die Frage ist doch: Kann ich etwas tun für den Zusammenhalt in einer so polarisierten Gesellschaft? Und da glaube ich, dass ich sowohl von der Tonalität etwas tun kann, wir wollen uns nicht gegenseitig hassen, sondern wir wollen miteinander diskutieren, wie Demokraten diskutieren. Und ich glaube, dass ich in der Sache gute Argumente habe, und Wahlkämpfe sind ja auch Möglichkeiten, mit dem Menschen mehr darüber zu sprechen, als in anderen Zeiten." Ja, mag sein, klingt vernünftig, sehen wir dann.

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Nicht aufgeben, vielleicht kommt noch etwas

Viel ist geredet worden über Merkels Verantwortung angesichts der globalen Unsicherheit nach der Wahl Donald Trumps, angesichts der fortgesetzten Differenzen mit Russland unter Wladimir Putin, der Herausforderungen durch die kommenden kritischen Entscheidungen in Österreich und Frankreich und des allmählichen Auseinanderdriftens der Europäischen Union. Über all diese düsteren Probleme ist eine Grundkonstante der deutschen Politik fast in Vergessenheit geraten: Kaum etwas auf der Welt wirkt so schnell und gründlich einschläfernd wie das gesprochene Wort Angela Merkels.

Aber geben wir nicht auf, vielleicht kommt ja noch etwas, das wird jetzt leider sehr langweilig, aber hilft nichts, da müssen wir durch in voller Länge: "Ich suche die Lösung dort, wo die CDU mit Überzeugung immer verankert ist, das ist die soziale Marktwirtschaft, das ist der freiheitlich-demokratische Rechtsstaat, und ich halte gar nichts davon, jetzt durch Abschottung, Abkapslung, auch durch Ablehnung die Probleme zu lösen, sondern ich glaube, wir müssen offen sein. Offen natürlich hinzuhören, aber offen auch in unseren Antworten. Ein Zurück in Zeiten vor der Digitalisierung, in Zeiten vor der Globalisierung wird es nicht geben, aber wir müssen den Menschen schon den Eindruck vermitteln, und nicht nur den Eindruck vermitteln, sondern die Dinge auch so lösen, dass sie Halt haben, dass sie Orientierung haben."

Merkel redet in durchgehend gleichbleibendem Tonfall, unweigerlich schweifen beim Zuhören die Gedanken ab. Klar, die Vorstellung, sie sei die letzte Stütze der demokratischen Ordnung in Europa und im Rest der Welt, ist grotesk, wie Merkel selbst betont.

Aber wofür steht sie dann? Die Flüchtlingskanzlerin gibt sie nicht einmal mehr in ihrer Rhetorik - damit offensiv zu werben, hat ihr die beständige Kritik aus der sogenannten Schwesterpartei CSU ausgetrieben, von ihrer Willkommenskultur ist kaum noch etwas übrig. Werden also jene, die sie für ihre zunächst offene Flüchtlingspolitik schätzen gelernt haben, viele davon klassische SPD- und Grünen-Wähler, im Herbst trotzdem Merkel wählen? Oder wird sie mit ihrem Kurswechsel genügend verprellte Konservative zurückgewinnen können? Welche Konstellation strebt sie überhaupt an? Eine weitere Große Koalition? Oder doch Schwarz-Grün?

Wird man sehen, wird schon kommen, kann man jetzt noch nicht sagen.

"Der Kapitalismus ist am Ende"

Im Anschluss diskutiert Anne Will mit ihren Gästen Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), Klaus Wowereit (SPD), Giovanni di Lorenzo ("Die Zeit") und dem Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz über die erneute Kandidatur Merkels. Es bleibt vor allem der Letztgenannte in Erinnerung. Maaz, pensionierter Chefarzt einer Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik in Halle, findet es nicht gut, dass die Union keinen anderen Kandidaten gefunden hat: "Vor allem die Männer verstecken sich hinter Mutti."

Immer wieder redet sich Maaz in Rage, die Kanzlerin betreibe Populismus, sie rede in Phrasen, wenn es so weitergehe, könne es nur schlimmer werden, das müsse man doch endlich mal begreifen: "Wie wir leben, das geht über unsere Möglichkeiten, wir verderben das Klima, wir zerstören die Umwelt, wir schaffen Ungerechtigkeit auf der Welt."

Wowereit fragt sanft nach, was die Kanzlerin denn tun solle, ginge es nach Maaz? "Sie müsste das Land, die Menschen dahin führen, dass wir vor einer riesigen Aufgabe der Veränderung, des Wandels stehen." Merkels Parteifreundin Kramp-Karrenbauer will schon ansetzen und sagen, dass Merkel doch genau das tue, aber dann präzisiert Maaz einigermaßen überraschend, auf welche Veränderung Merkel das Land vorbereiten soll: "Der Kapitalismus in dieser Form ist am Ende, das müsste ein Politiker tun, das ist eine riesige und mutige Aufgabe."

Obwohl Merkel wenig Inhaltliches preisgegeben hat: Die Abschaffung des Kapitalismus als Kernforderung im Bundestagswahlkampf ist kaum von ihr zu erwarten. Mehr Erfolg verspräche ihr wohl eher die Haltung, die Giovanni di Lorenzo Maaz entgegenhält: Man solle doch, bei allen Problemen, auch einmal sehen, was alles gut funktioniert in unserem Land.

Ja, das wäre eine Botschaft für Angela Merkels Wahlkampf: Die AfD redet das Land schlecht, doch die Kanzlerin setzt der Angstmacherei ihren pragmatischen Patriotismus entgegen, mit Leidenschaft und mitreißend vorgetragen. "Deutschland ist stark" wäre doch ein guter Slogan, oder, Moment, noch besser: "Wir schaffen das".

Hm. Vielleicht denkt sie doch besser noch mal über die Abschaffung des Kapitalismus nach.



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schoenwetterschreiberling 21.11.2016
1. im grauen Nebel
Die CDU steht für die soziale Marktwirtschaft und die freiheitlich, demokratische Grundordnung. Wenn das die einzigen Säulen sind, frage ich mich, was diese Partei dann von den anderen unterscheiden soll? Der Rückzug auf Allgemeinplätze wird als Strategie für den zu erwartenden politisierten und polarisierenden Wahlkampf nicht reichen.
deno15 21.11.2016
2. Was alles gut funktioniert in unserem Land!?
Welchen Sinn macht es Ressourcen in Form von Zeit und Gehirnschmalz in etwas zu investieren das toll ist? Über ungelöste Probleme muss gesprochen werden damit diese gelöst werden!
pauschaltourist 21.11.2016
3.
Zur erneuten Kanidatur dieser nichtstuenden Dame fällt mir gar nichts mehr ein. Auch nicht zur Einladung des Dauerversagers Wowereit in die Talkshow. Warum wird diesem profilneurotischen Milliardenverschwender noch eine Plattform geboten? Da fehlte eigentlich nur noch der Pfälzer Beck in dieser illustren Runde...
i.dietz 21.11.2016
4. An der Instabilität von Europa
trägt m. E. Frau Merkel eine riesengroße Schuld mit ! Nochmals vier weitere Merkeljahre (abwarten, aussitzen, Hinterzimmergeklüngel) - wahrlich, die BRD hat neue Gesichter, neue Ideen, neue Impulse - eben neue Leute verdient !
Coco Chanel 21.11.2016
5. Genau, alles Phrasen!
Frau Merkel und die CDU sind diejenigen, die von vorgestern sind: Sie wird die Politik-Verdrossenen und die von ihrer Politik enttäuschten Wähler nicht mehr beeindrucken können, die werden AfD wählen. Diese Geister hat sie selbst gerufen und der Mittelstand? Der saß gestern vorm Fernsehern oder am Computer und hat sich gedacht: Wenn wähl ich jetzt? Aus Verzweiflung rot-rot-grün, nur um die AfD nicht wählen zu müssen.... Frau Merkel wird das Land weiter spalten, denn die CDU will das Rentenalter erhöhen, also faktisch die Renrten kürzen, anstatt das Rentensystem zukunftsfähig umzubauen... die CDU wird wieder kein Einwanderungsgesetz auf den Weg bringen und sie wird wieder zu wenig in die Infrastruktur investieren und die Investitionen für Bildung weiter vernachlässigen und sie will die Autobahnen privatisieren, um eine Rechtfertigung für die Pkw-Maut zu haben und sie wird auch die EU weiter spalten, weil sie allen ihren Willen aufzwingen will und sie wird damit nur die Reichen und Superreichen stützen, denn die können weitere 4 Jahre so weiter machen, wie bisher.... das finde ich alles sehr beunruhigend! Der Kapitalismus ist nicht am Ende, sondern nur in der bisherigen Form. Wir stehen an einer Zeitenwende und es braucht mutige Politiker, die das angehen, vielleicht wäre rot-rot-grûn die radikale Antwort zu Donald Trump??? Aber sicher nicht Frau Merkel, da schläft der ja ein....
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