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Foto: Hans-Joachim Pfeiffer/ ZDF

ZDF-Dokudrama "Stunden der Entscheidung" Merkels Tag der Menschlichkeit

In seinem Dokudrama beleuchtet Christian Twente jenen Tag im September 2015, als die Bundeskanzlerin die Grenzen offen hielt. Er tut es mit Wohlwollen, aber nicht ohne Klischees und Taschenspielertricks.

Der 4. September 2015 ist für die Bundeskanzlerin ein gewöhnlicher Tag. "Nach der Morgenlage fliegen wir nach München", referiert ihr Assistent, "von dort mit der Limousine zu einer MINT-Schule nach Buch am Erlbach, dann zur TU-Garching, Besuch eines Start-up-Unternehmens, danach fliegen wir nach NRW, erst Oberbürgermeisterwahlkampf in Essen, danach mit dem Helikopter nach Köln, dort halten sie ihre Rede auf der 70-Jahre-Feier der Landes-CDU, das geht bis circa acht, dann zurück nach Berlin - und es ist Feierabend!"

Dramaturgischer Fluchtpunkt der Erzählung ist genau dieser Feierabend. Denn der 4. September verläuft turbulenter als Trab und Takt des politischen Betriebs es eigentlich vorsehen. Erst nach Dienstschluss fällt die Kanzlerin ganz allein eine historische Entscheidung. Auf die Grenzen der Bundesrepublik bewegt sich ein Tross von Flüchtlingen zu. Und diese Grenzen werden nicht geschlossen.

Das Ereignis ist längst Gegenstand von Historisierung und Interpretation. In "Stunden der Entscheidung" konzentriert sich Regisseur Christian Twente ganz auf einen einzigen Tag , und dies ist bereits eine Interpretation des Geschehens - auch wenn Vorlauf und Wirkung im Drehbuch von Sandra Stöckmann und Marc Brost ebenfalls ihren Platz finden.

Twente ist auf historische Stoffe spezialisiert, er hat schon Leben und Wirken so unterschiedlicher Gestalten wie Johannes Kepler, Uli Hoeneß, Martin Luther und Karl Marx (mit Mario Adorf) dokudramatisch in Szene gesetzt. Für "Stunden der Entscheidung" hat er mit Heike Reichenwallner eine verdiente Theaterschauspielerin (Beckett, Brecht, Gogol, Shakespeare) als Angela Merkel verpflichtet.

Reichenwallner gibt Merkel finsterer, als man sie aus diesen Tagen in Erinnerung hat. Vermutlich, weil der Film das Innere der Macht beleuchtet, das Kanzleramt, die Hinterzimmer, die Flugbereitschaft. Großteils arbeitet er mit Archivmaterial. Merkel in Essen, Bayern, Berlin. Aber auch Aufnahmen vom Bahnhof in Budapest, wo die Flüchtlinge in Massen gestrandet sind. Leerstellen füllt er mit Spielszenen.

Zu Wort kommen darüber hinaus Journalisten und Politiker, die damals mit am Tisch oder bei den Gleisen saßen. Die Unsicherheit der Flüchtlinge, ob sie in die bereitgestellten Busse steigen sollen, wird unter anderem von Martin Kaul beglaubigt. Der "taz"-Reporter war damals vor Ort. Politischerseits geben Mitstreiter ihre Einschätzungen wieder, alles Leute, die der Kanzlerin zumindest in dieser Angelegenheit gewogen sind. Sigmar Gabriel etwa, Peter Tauber oder Thomas de Maizière: "In Krisensituationen wird die Kanzlerin sehr leise und sehr ruhig, körperlich fast bedächtig".

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Ihre Gegenspieler bleiben - mit Ausnahme von Archivaufnahmen - unsichtbar, der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán und vor allem Horst Seehofer. Dessen Unerreichbarkeit an diesem Tag bildet einen der Spannungsbögen, an einer taktischen Absicht dahinter wird kaum ein Zweifel gelassen.

Nicht nur ist hier authentisches und gespieltes Material fast fugenlos verschränkt, es steht der zaudernden Kanzlerin auch ein entschlossener Anführer aufseiten der Flüchtenden gegenüber. Der junge Syrer Mohammad Zatareih (Aram Arami) war es, der den Treck von Budapest zur österreichischen Grenze initiierte und damit den "March of Hope" organisierte. Beide umkreisen sich, am jeweils anderen Ende der Macht, wie geheime Komplizen der Menschlichkeit.

Dabei trifft Twente eine Entscheidung, die der behaupteten Authentizität zuwiderläuft - und ein Fehler sein könnte. Der Zatareih im Film spricht, anders als der echte Zatareih im Interview, völlig ungebrochenes Deutsch. Er redet sogar dialektfreier als der damalige Präsident des Bundesnachrichtendienstes, Gerhard Schindler. Möglich, dass die Macher dem ZDF-Publikum einfach nur kein untertiteltes Arabisch zumuten wollten.

Möglich aber auch, dass damit eine Nähe erzeugt und die genuine Fremdheit des Fremden - immerhin ein Politikum bis heute - zumindest auf sprachlicher Ebene gelindert werden sollte. Schon klar, es sind alles Menschen. Wären sie das nicht, sprächen sie Arabisch? Wieso wird dann, sind die Flüchtlinge im Bild, die hochdramatische Musik um Arabesken ergänzt? Man erkennt die gute Absicht und ist doch verstimmt über diesen Taschenspielertrick.

Künstlerische Freiheit durchweht auch jene Szenen, in denen sich Angela Merkel an den Mauerfall erinnert - eine konstruierte Parallele, die ebenfalls ins Tendenziöse spielt.

Aber das ist politisches Wasser in einem ansonsten guten Wein. "Stunden der Entscheidung" bemüht sich mit Akribie und Mut zur Verdichtung, die Geschehnisse in eine Dramaturgie zu fassen, die der Realität durchaus nahekommen dürfte.

Wer es genauer wissen will, muss nicht mehr allzu lange auf "Die Getriebenen" warten. In seinem Sachbuch und Bestseller erzählt der Journalist Robin Alexander von 63 Tagen im Jahr 2015, die ARD-Verfilmung ist bereits abgedreht.


"Stunden der Entscheidung", Mittwoch, 4.9., 20.15 - 21.45 Uhr im ZDF (in der Mediathek verfügbar ab 3.9., 20.15 Uhr)

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