Flüchtlings-Talk bei Anne Will Endstation Burbach

Sind Notleidende in Deutschland willkommen? Na klar, lautet die Antwort der Runde bei Anne Will. Wer um sein Leben fürchten muss, dürfe um Zuflucht bitten - aber nur dann. Und den Supermarkt von Burbach bitte nur einzeln betreten.

Wartende Flüchtlinge: Bitte nicht zu viele auf einmal - das war die Devise der CDU-CSU-Politiker bei Anne Will
AP/dpa

Wartende Flüchtlinge: Bitte nicht zu viele auf einmal - das war die Devise der CDU-CSU-Politiker bei Anne Will


Es weihnachtet sehr, doch mit den christlich-abendländischen Werten scheint es in diesen Tagen so eine Sache zu sein, vor allem mit der Barmherzigkeit. Geht es darum, sie Flüchtlingen entgegenzubringen, werden entsprechende Äußerungen gern mit einem "aber" ergänzt.

Bei Anne Will, die wissen wollte, wie es denn nun im reichen Deutschland um die Willkommenskultur für Notleidende bestellt ist, waren solche Aber-Sätze dann auch wieder vielfach zu hören - in Einspielern von der Straße vor Asylbewerberunterkünften, aber auch von Politikern sich christlich nennender Parteien.

Selbstverständlich ist Deutschland ein weltoffenes, gastfreundliches Land, wussten sowohl der CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach als auch die CSU-Europapolitikerin Monika Hohlmeier ein ums andere Mal zu versichern. Und natürlich sollen diejenigen Schutz genießen, die ihr nacktes Leben vor Krieg und Terror in Syrien und im Irak zu retten versuchen - aber eben auch nur die, und bitte möglichst nicht zu viele.

Kommen soll nur, wer "richtig bedroht" wurde

Sonst drohe "Überforderung", schließlich "können wir hier nicht alle humanitären Probleme der Welt lösen" (Bosbach). Da zählt dann auch alle arithmetische Relativierung nicht, wie etwa der Hinweis darauf, dass hierzulande bisher rund 180.000 Flüchtlinge angekommen sind, der kleine Libanon aber bereits eine Million aufgenommen hat.

Und von "Armutsflüchtlingen" möchte man am liebsten ganz verschont bleiben. Es war bemerkenswert, mit welcher Deutlichkeit diese Unterscheidung von den beiden Unionspolitikern getroffen wurde, als die Moderatorin auf der Frage beharrte, ob es denn nun gute und schlechte Flüchtlinge gebe. Erwartungsgemäß gab es da Widerspruch von Sevim Dagdelen, Migrationspolitikerin der Linksfraktion, und Luise Amtsberg, der flüchtlingspolitischen Fraktionssprecherin der Grünen, die auch ansonsten bemüht waren, gegenzuhalten.

Aber wenn auch an diesem Abend kein einziges Mal der Name der unseligen Pegida fiel und die Bekundungen, man müsse die Ängste und Sorgen der Bürger ernst nehmen, nicht übermäßig anbiedernd klangen, so durchzog die Diskussion doch immer wieder ein bestimmter Grundton, der besagt, dass Flüchtlinge vor allem ein Problem sind. Insbesondere, wenn sie einfach so herkommen, ohne richtig bedroht gewesen zu sein, höchstens von wirtschaftlicher Not.

Die O-Töne hierzu lieferte Frank Quandel, Sprecher einer Bürgerinitiative für "Sicherheit und Gemeinsamkeit" in jenem Burbach, das unlängst durch Misshandlungen in einem Flüchtlingsheim unrühmlich bekannt wurde. Mit den echten Kriegsflüchtlingen komme man ja inzwischen ganz gut zurecht, aber da seien eben auch noch die Männer aus Nordafrika, die auf Parkbänken oder gar auf dem christlichen Friedhof Bier tränken und in Gruppen einkaufen gingen, sodass die Burbacher sich zunehmend genötigt sähen, im Nachbarort einzukaufen. Und man wisse ja auch nicht einmal, ob diese Flüchtlinge gesund seien.

Trostloses Hin- und Hergeschiebe

Im Übrigen ließ der Mann aus Burbach wenig Sympathie für die gesamte Veranstaltung ("oberflächlicher Unsinn") wie überhaupt für die Politik erkennen, was Bosbach zu dem Eingeständnis veranlasste, auch er verzweifle oft an dieser. Fast wäre man dann auch tatsächlich zu den tieferen politischen Ursachen und Zusammenhängen von Kriegen, Armut und westlicher Mitverantwortung hierfür vorgedrungen.

Aber viel weiter als bis zu einem eher allgemeinen Blick auf das trostlose Hin- und Hergeschiebe von Zuständigkeiten, die Finanzprobleme zwischen Kommunen, Ländern und Bund, das uneinheitliche Aufnahme-Agieren der EU-Staaten sowie die fehlenden Standards hinsichtlich der Unterbringung und Betreuung von Flüchtlingen kam man letzten Endes nicht.

Die Erinnerung an die Rede des Papstes vor dem EU-Parlament, in der dieser kürzlich den massenhaften Flüchtlingstod im Mittelmeer als Schande angeprangert und gefordert hatte, Europa müsse "seine gute Seele wiederfinden", war für Bosbach wie für Hohlmeier in erster Linie der Anlass zu markigen Forderungen, den Schleusern und Menschenhändlern das Handwerk zu legen.

Wobei die CSU-Frau allerdings auch dafür plädierte, mehr legale Wege nach Europa zu eröffnen, was die Grünen-Politikerin nur begrüßen konnte, während Bosbach sinnierte, wer denn nun noch alles kommen solle. So kam es, dass die Linke Dagdelen am Ende ein Fazit ziehen konnte, mit dem sie womöglich nicht allein steht: dass nämlich die gesamte Flüchtlingspolitik von einer Abwehrhaltung geprägt ist.



insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
gullliver 18.12.2014
1. Vielleicht ...
wären Volksabstimmungen doch mal ganz sinnvoll. Dann kann keiner mehr sagen, dass Politik gegen Volkeswille gemacht wird.
orthos 18.12.2014
2. Als Bürger...
Als Bürger einer Stadt in nächster Nähe zu Burbach bekomme ich mit, was dort so abgeht. Und ich weiß ich was ich nächstes mal wählen werde. Links wird es nicht!
Zaphod 18.12.2014
3. Gefahr für Deutschland
Die größte Gefahr für Deutschland sind die irrationalen Ängste der Deutschen. "Man wird sich doch noch fürchten dürfen", so denken derzeit sehr viele Menschen und leben ihre hysterischen Ängste und Vorurteile schamlos aus. Die Politik ist zu Recht ratlos über dieses unaufgeklärte Verhalten. Politik sollte nicht auf der Basis von irgendwelchen Gefühlen gemacht werden, sondern auf der Basis von rationalen und aufgeklärten Entscheidungen. Wer Rationalität im politischen Diskurs verweigert, sollte eigentlich sein Recht auf Gehör verlieren. Leider können wir die Dummen und Dumpfen nicht ignorieren, sondern müssen versuchen, sie dort abzuholen, wo sie stehen, auch wenn wir dazu sehr weit und in sehr unappetittliche Gegenden gehen müssen!
abby_thur 18.12.2014
4.
"die Männer aus Nordafrika, die auf Parkbänken oder gar auf dem christlichen Friedhof Bier tränken und in Gruppen einkaufen gingen, sodass die Burbacher sich zunehmend genötigt sähen, im Nachbarort einzukaufen. Und man wisse ja auch nicht einmal, ob diese Flüchtlinge gesund seien." Wie gut, dass deutsche Obdachlose nicht machen ;-) Und das man bei denen weiß, dass die alle gesund sind. NICHT.
hermann_huber 18.12.2014
5. Zum Schämen
Ich bin sehr oft beruflich im Ausland unterwegs. Da sieht man oft wie freundlich Menschen sind. Und ich stelle fest wie kleinbürgerlichen beschränkt die Sicht in D ist wenn ich wieder nach Hause komme. Da bin ich immer wieder entsetzt wenn ich das rassistische Gemaule des deutschen Kleinbürger höre. Deutschland ist offensichtlich bald mit allem Überfordert
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