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13. November 2017, 06:38 Uhr

#MeToo-Debatte bei Anne Will

"Jede Institution hat einen Weinstein"

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Ändert sich jetzt was? Bei "Anne Will" diskutieren die Gäste über Sexismus als "strukturelles Problem" - und die Kamera zoomt auf die Beine von Verona Pooth. Da muss sich noch was ändern.

Sexismus ist, wenn Laura Himmelreich bei "Anne Will" gerade über Sexismus als "strukturelles Problem" referiert - und der Kameramann auf die rosafarbenen Stilettos von Verona Pooth zoomt, um dann laaangsam die Beine hinaufzufahren. Besser als mit dieser praktischen Übung hätte man #MeToo nicht auf die Meta-Ebene überführen können.

Nun läuft die Debatte schon eine ganze Weile, Argumente und Bullshit sind gewechselt, die Fieberkurve der öffentlichen Erregung sinkt. Weshalb eine Stärke dieser Sendung gerade in ihrer Verspätung lag. Die Debatte über "diese Krankheit unserer Gesellschaft" dürfe nämlich nicht abbrechen, sie müsse "kontinuierlich geführt werden" - sagte der einzige Mann in der Runde, Gerhart Baum (FDP).

Als advocata diaboli, die sich abseits der eingefahrenen Diskussionslinien bewegt, ist Heike-Melba Fendel gebucht. Die Schriftstellerin, PR-Agentin und Künstlerin argumentiert einerseits mit Kenntnis der Szene, andererseits als Anwältin des Sinnlichen: "Wenn sie über Sexismus reden, müssen sie auch über Sex reden!" Im Übrigen sei es jetzt "comme il faut, so etwas zu tun".

"Jede Institution hat einen Weinstein"

Hinter vielen Frauen, die nun #MeToo riefen, vermutet Fendel "Strategen", die ihre Klientinnen dazu ermutigten. Zu verlieren hätte da derzeit keine etwas. "Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen und Marken sind", die würden sich durch ein Outing nicht beschädigen. Und zur Auslöschung des Kevin Spacey: "Damit vergeht man sich am Kino, das geht gar nicht!"

Hier kann Ursula Schele nur ungläubig den Kopf schütteln. Die Dame vom Verein "Frauen gegen Gewalt" unterstreicht, dass jedes Opfer sich die nötige Zeit nehmen dürfe, bis sie über Vorfälle berichte - und oft dauere das eben Jahre. Mit der Prominenz der Opfer habe das nichts zu tun. Verona Pooth nickt. Ihr sei in jungen Jahren auch etwas widerfahren, "aber nie eine Nötigung, die mir geschadet hat".

Allerdings sei die Position einer Frau durchaus in Betracht zu ziehen. Nicht nur in Hollywood, auch in der Bäckerei, der Kanzlei, der Klinik: "Wenn ich dann die Klappe aufmache, bin ich eine starke Frau, aber ich bin meinen Job los". Schele kann da nur zustimmen: "Jede Institution hat einen Weinstein".

Problematisch sei "eine Struktur, die es ermöglicht", einen "Sexismus durchlaufen zu lassen". Dass es in der Debatte bisweilen "drunter und drüber" geht, würde ihr allerdings nicht schaden. Jede Frau, so Schele, könne für sich entscheiden, was sie als sexistisch empfindet. An die Adresse von Fendel fügt sie hinzu: "Sexualität hat nichts mit Sexismus zu tun". Sexualisierte Gewalt, sei auch Gewalt. Fendel kontert: "Frauen haben auch sexuelle Macht!"

Alltagssexismus ist ein Angriff auf die Menschenwürde

Es geht also nach wie vor drunter und drüber. Baum, von Schele versehentlich mit "Herr Brüderle" angesprochen, rückt die Dinge wieder ein wenig zurecht. Im Sexismus, einst in Anlehnung an den Begriff "Rassismus" entwickelt, drücke sich die "Rollenüberheblichkeit des Mannes" aus. Es gebe "männerdominierte Machtstrukturen, die machen die Frauen schwach". Alltagssexismus sei ein Angriff auf die Menschenwürde.

Was tun gegen solche Strukturen? Ändert die Debatte die Verhältnisse? Laura Himmelreich, die vor vier Jahren Rainer Brüderle mit einem Stern-Artikel über dessen altherrenwitzige Anzüglichkeiten politisch auslöschte und die #Aufschrei-Debatte auslöste, ist da optimistisch. Die entsprechende "Anne Will"-Sendung seinerzeit trug den Titel "#Aufschrei - hysterisch oder notwendig?", erinnert sie: "Heute würden wir keiner Frau mehr vorwerfen, hysterisch zu sein."

"Sexismus beseitigen", sagt Himmelreich, "heißt alles beseitigen, was zu Machtungleichheit führt in der Gesellschaft". Weil das sehr groß und utopisch klingt, verweist Baum auf die Erfolge, die es in dieser Hinsicht bisher gab: "Wir reden ja auch über die Selbstbestimmung der Frau." Er erinnert daran, dass es noch 1966 als "ehewidriges Verhalten" gewertet wurde, wenn sich die Frau den sexuellen Ansinnen des Gatten nicht gewogen zeigte: "Diese Debatte ist nie zu Ende."

Das Gaudium des konservativen Männermobs

Mit Ehrfurcht ruft er die legendäre Rede der Grünen Waltraut Schoppe in Erinnerung, die 1983 über Sexualität als Herrschaftsakt, weiblichen Orgasmus und "fahrlässige Penetration" redete - im Bundestag, zum Gaudium des konservativen Männermobs. Bei ihm, Baum, sei damals ein Groschen gefallen. Ungleichheit beseitigen? "Meine Partei ist da ganz anderer Meinung, interessiert mich nicht, aber: Wir brauchen eine Quote!", fordert Baum. Die würde er auch gern seiner FDP verschreiben.

"Herr Brüderle war unglaublich geschockt", erinnert sich Baum: "Er hat das gar nicht realisieren können, dass so etwas passieren könnte. Ich nehme an, der hat das gar nicht als so anstößig empfunden", die ganze Partei habe den Artikel als "Generalangriff" wahrgenommen und die Reihen fest geschlossen. Auch ein Hinweis auf die Strukturen, um die es an diesem Abend geht - wenn auch, was kein Schaden ist, ohne aktive Politiker in der Runde.

Sexistisch ist übrigens auch die Annahme, dass bei "Anne Will" nur Kameramänner arbeiten. Hätte auch eine Frau sein können, die sich sehr für Verona Pooth interessiert.

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