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06. Juni 2016, 02:08 Uhr

"Anne Will" über Rassismus

"Dass Sie mich reingelegt haben, ist doch völlig klar"

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"Wie rassistisch ist Deutschland?", wollte Anne Will unter anderem von Alexander Gauland wissen. Der AfD-Mann lobte NPD-Parolen als "sehr klug" - und hatte mit dem FAZ-Journalisten Eckart Lohse noch eine Rechnung offen.

Anne Will hatte ihre Sendung unter folgendes Motto gestellt: "Guter Nachbar, schlechter Nachbar - Wie rassistisch ist Deutschland?" Auf der Suche nach Antworten auf diese Frage stellte sich noch eine weitere: Wie doof genau ist eigentlich Alexander Gauland?

Jedenfalls hat sich der nationalkonservative AfD-Vize nach seinen umstrittenen Aussagen der vergangenen Tage in die Arena gewagt, umzingelt von Gegnern und beschützt nur symbolisch von sehr vielen Hunden auf seiner Krawatte. Zu den Gegnern zählte Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD), der in sozialen Medien gegen den dort üblichen Jargon von Gaulands Geistesgenossen durchzugreifen versucht. Eine Gegnerin war auch die Migrationsforscherin Bilgin Ayata, deren wissenschaftlicher Rassismusbegriff weit über das hinausgeht, was Gauland für rassistisch hält.

Gauland fühlt sich reingelegt

Immerhin hatte Gauland mit Werner Patzelt von der TU Dresden zwar keinen Bundesgenossen an seiner Seite - aber doch einen Wissenschaftler, der aus professoraler Perspektive um Verständnis für Phänomene wie Pegida warb. Direkt neben Gauland aber saß Eckart Lohse von der "Lügenpresse" (FAZ), der Gauland den Satz mit Jérôme Boateng entlockt hat. Da sind Rechnungen offen, die wollten beglichen werden: "Entschuldigung, also, dass Sie mich reingelegt haben, ist doch völlig klar."

Erst ein Anruf von Beatrix von Storch ("Wissen Sie, was Sie da gesagt haben?") habe ihn auf den Trichter gebracht, dass "Boateng farbig ist". Das habe er gar nicht geahnt, sagte Gauland und wollte von Lohse wissen, warum der ihm in einem ausdrücklichen Hintergrundgespräch ("Das haben wir gar nicht gesagt!" - "Doch, das haben Sie gesagt!") einen "farbigen deutschen Christen" als Beispiel untergeschoben habe: "Ist das nicht selber Rassismus, dass Sie mich das gefragt haben?"

Name hin, Hautfarbe her, Boateng bleibe "ein Fremder bei uns", sagte Gauland. Und die "Mannschaften von '54 oder '72" findet er einfach "schön", weil da "ganz andere Namen drin" sind. Da könne man mal sehen, "dass sich Deutschland sehr verändert hat".

"Herr Gauland, schüren Sie diese Ängste ganz bewusst?"

Bilgin Ayata nutzte die Gelegenheit für den freundlichen Hinweis, dies sei doch "ein wunderbares Beispiel, warum Menschen mit einem fremd klingenden Namen es so schwer haben auf dem Wohnungsmarkt". Gaulands Rhetorik tauge dazu, "die Stimmung weiter aufzuheizen und das Unsagbare wieder zu sagen", Deutschland also nach rechts rücken zu lassen.

Moderatorin Will versuchte es direkt: "Herr Gauland, schüren Sie diese Ängste ganz bewusst?" - "Nein, das tun wir natürlich nicht", sagte Gauland. Seine Partei gäbe lediglich den Menschen "ganz unten" wieder eine Stimme. Dem pflichtete Patzelt bei. "Begleitschwierigkeiten" eines Landes auf dem Weg zur Einwanderungsgesellschaft seien nicht notwendigerweise mit Rassismus zu verwechseln. Wir sollten "von unseren Landsleuten nicht unbedingt das Schlechteste denken", die hockten unter Umständen in ihrem Elend und wären mit Veränderungen konfrontiert, nach deren Herbeiführung "man sie nicht um Erlaubnis gefragt" habe.

Auch Gauland hat es nicht besonders mit Veränderungen. "Ich bin nicht bereit, diesen Unsinn mit der Globalisierung mitzumachen", sagte er. Und dass er Deutschland so "behalten" wolle, wie er es "von seinen "Vätern ererbt" habe. Angela Merkel wolle das nicht. Die Kanzlerin will laut Gauland stattdessen "das deutsche Volk ergänzen und ersetzen".

Schwurbel bleibt Schwurbel

Ergänzen, okay. Aber ersetzen? Wieder sprang Patzelt bei und übersetzte den populistischen Schwurbel in politikwissenschaftlichen Schwurbel. Es würden in demografischer Hinsicht durch Zuzug durchaus "die ausbleibenden deutschen Geburten ersetzt", also "jene, die zu zeugen die Deutschen nicht mehr willens sind". Genau genommen, schränkte Patzelt ein, würde nicht das Volk ersetzt. Es ändere sich.

Was aber Gauland bekanntlich nicht behagt. Da kämen "junge Männer, das sind Ungebildete!" Maas hielt dagegen: "Ungebildete kann man bilden." Er wehrte sich auch gegen Gaulands Versuch, das restriktive neue Zuwanderungsgesetz als indirekten Erfolg der AfD zu verbuchen.

Mit Fortschreiten des Abends wirkte Gauland immer mehr wie ein Stier in den Straßen von Pamplona. Mit seinem Wort von der "Kanzler-Diktatorin" konfrontiert, ruderte Gauland nicht zurück, sondern irgendwie seitwärts. Das sei ein Satz von Björn Höcke gewesen, den finde er gut, "ich habe ihn aber nicht gebraucht". Keine fünfzehn Sekunden später hatte ihm Will diesen Gebrauch per Einspieler nachgewiesen. Gauland räumte ein, den Satz "wiederholt" zu haben.

Auch der Slogan "Heute sind wir tolerant, morgen fremd im eigenen Land" sei nicht auf seinem Mist gewachsen, den habe er zufällig auf einem Plakat gesehen und fand ihn "einleuchtend und sehr klug". Maas, inzwischen sichtlich gelangweilt von der fehlenden intellektuellen Satisfaktionsfähigkeit seines Gegenübers, referierte kurz die rechtsextreme Geschichte und Verwendung der fraglichen Sentenz.

Es ist also nachweislich nicht so, dass Alexander Gauland fremdenfeindliche Parolen in den Mund gelegt würden. Er "wiederholt" einfach nur, was er zufällig auf Pappschildern, im Internet oder in NPD-Broschüren liest, wenn es ihm "einleuchtend und sehr klug" erscheint.

Will versuchte es indirekt: "Nehmen Sie für sich in Anspruch, die Situation zu beruhigen?" Gauland verstand nicht, ließ sich die Frage wiederholen und empfand sie dann als Zudringlichkeit: "Ich nehme für mich weder in Anspruch, die Situation zu beruhigen noch zu verstärken, das kann ich überhaupt nicht." Maas: "Was können Sie denn überhaupt?"

Um auf das eigentliche Thema zurückzukommen...

Da erwachte in Gauland noch einmal der historische Publizist aus dem Koma, und er erinnerte sich an Adorno, Marcuse, Horkheimer. Es könne doch nicht sein, dass eine politische Diskussion etwas auslöse! Schon in den Siebzigerjahren habe er die Theoretiker der Frankfurter Schule gegen den Vorwurf in Schutz genommen, dem Terror der Roten Armee Fraktion den Boden bereitet zu haben. Dieser Vergleich ist so obszön, dass Gauland nicht einmal ausgelacht wurde.

Bilgin Ayata führte die Sendung am Ende im Alleingang zu ihrem eigentlichen Thema zurück. Wie rassistisch war noch mal Deutschland? So rassistisch wie eh und je, nur eben ein wenig dümmer. Alltagsrassismus und institutioneller Rassismus seien alt, äußerten sich inzwischen aber "enthemmter und salopper".

Auch bekämen Rassisten leider zu "viel Raum in den Medien", sagte Ayata zuletzt und schenkte Will ein treuherziges Lächeln. Die lächelte zurück und kündigte die Sommerpause an, wegen Fußball und so. Es wird, hört man, eine deutsche Mannschaft mit vielen fremd klingenden Namen spielen.

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