»Anne Will« zu härterem Shutdown Sitzen wir bald mit Maske um den Christbaum?

Zentrales Thema bei »Anne Will« war Weihnachten – und ob es in der Pandemie überhaupt noch stattfinden sollte. Bis auf die politischen Entscheiderinnen und Entscheider war sich die Runde einig.
Anne Will mit Gästen: »Drei bis vier Generationen in engen Zimmern«

Anne Will mit Gästen: »Drei bis vier Generationen in engen Zimmern«

Foto: NDR/Wolfgang Borrs

Die Pandemie setzt unsere Gesellschaft unter Dauerstress. Die Kliniken, Schulen, Wirtschaft, Gesundheitsämter, Familien, die Einzelnen und auch die Redaktionen der Talkshows. Seit März 2020 beschäftigt sich »Anne Will« mit dem Virus, die Titel der Sendungen sprechen für sich – und lassen das historische Geschehen recht plastisch Revue passieren:

Wie berechtigt ist die Angst vor dem Coronavirus? Sehr.

Wie drastisch müssen die Maßnahmen werden? Einigermaßen.

Gewinnen wir den Kampf gegen das Coronavirus? Nein.

Wie geht es weiter in Deutschland? Wie immer.

Wo steht Deutschland im Kampf gegen Corona? Geht so.

Wie hart trifft uns die »neue Normalität«? Sehr.

Lockert Deutschland die Corona-Maßnahmen zu forsch? Tja nun.

Hat die Regierung hierfür den richtigen Plan? Haha.

Ist das Corona-Risiko beherrschbar? Wie bitte?

Waren und sind die Grundrechtseingriffe verhältnismäßig? Die einen sagen so, die anderen so.

Geht Deutschland mit der richtigen Strategie in den Herbst?.

Reichen die Maßnahmen aus? Guter Witz.

Am Sonntag, nach dem Beschluss von Bund und Ländern für den »harten« Lockdown noch vor den Feiertagen, spuckte der Corona-Talkshow-Motto-Generator eine weitere generische Frage aus: »Schafft Deutschland so die Pandemie-Wende?«. Wer die bisherigen Debatten verfolgt hat, wird schon selbst auf die Antwort kommen.

Interessanter war der geheime Untertitel dieser Sendung: »Was, zum Teufel, ist denn nun mit Weihnachten?«.

Spaßeshalber nachzublättern wäre, wie eigentlich im Mai 2020 die Muslime in Deutschland das Zuckerfest begangen haben. Da stand, wie damals beispielsweise der Bayerische Rundfunk befriedigt berichtete, »bedingt durch das Coronavirus« leider »nicht das Zusammensein mit der Familie im Vordergrund«. Inschallah!

Beim wichtigsten Fest der konsumistisch geprägten Mehrheitsgesellschaft sieht die Sache anders aus. Im Vordergrund steht offenbar das Zusammensein mit der Familie. 

So sah es neulich Markus Söder für sein »christlich geprägtes Familienland« Bayern, so sieht es nun Armin Laschet, CDU-Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. Laschet sagt heute dies, morgen das, und diesmal sogar beides gleichzeitig. Neulich wollte er noch das Land erst nach Weihnachten »runterfahren«.

Jetzt erklärt er einerseits, wichtig sei »jede Begegnung, die nicht stattfindet«. Andererseits aber könne die Politik nicht »80 Millionen erzählen, wie das zu funktionieren habe an Weihnachten«.

Seine Kollegin Manuela Schwesig, SPD-Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, wurde etwas deutlicher. Wo »virologisch und epidemiologisch eigentlich gar nichts sein darf«, wurde nun doch etwas ermöglicht. Nämlich ein Beisammensein.

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Wer mit wem und wie viel, das ist in den aktuellen Regeln präzise definiert. Demnach dürfe, wie Laschet abliest, »ein Hausstand mit vier weiteren Personen über 14 Jahren zusammenkommen«. So weit, so eindeutig.

Diese vier Personen müssten laut Beschluss aus dem »engsten« Familienkreis kommen, zu welchem Ehegatten, Lebenspartner, Partner einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft sowie Verwandte in gerader Linie, Geschwister, Geschwisterkinder und deren jeweilige Haushaltsangehörige gehören.

Über Vettern und Cousinen dritten Grades, angeheiratete Schwippschwager, Bekannte von Tinder, »friends with benefits«, geschiedenen Tanten und deren Nerze aus dänischer Zucht ist nichts bekannt. Hinzu kommen aber Kinder bis 14 Jahren aller beteiligter Personen. Es ist, kurzum, die Verwirrung fast und dann endgültig komplett, als ein schwimmender Laschet sich festlegt: »Ein Hausstand plus vier weitere Personen!«

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Damit widerspricht er der an Corona erkrankten, Corona überlebt und Familienmitglieder mit Corona angesteckt habenden Journalistin Kristina Dunz. Die befürchtet für Heiligabend ein Horrorszenario von »bald 15, 20 Leuten« in überheizten Räumen. 

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Er widerspricht auch dem Philosophen Julian Nida-Rümelin, der auf signifikant gestiegene Zahlen nach Thanksgiving in den USA verweist und fürchtet, dass auch in Deutschland zum feierlichen Anlass »drei bis vier Generationen in engen Zimmern« beisammen hocken und Lieder singen. Er selbst habe da »einen Siebenjährigen, der wird natürlich auf dem Schoß seines Großvaters sitzen«. Eigentlich aber müsste die nur halbfrohe Botschaft lauten: »Diesmal wird Weihnachten anders, leider«.

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Ähnlich sieht das Uwe Janssen vom Bundesverband der Intensivmediziner. Er findet, es sei »fünf nach zwölf« und will nicht von einem »harten«, lieber von einem »nachhaltigen« und »durchdringenden« Lockdown sprechen. Deutschland vergleicht er mit einem Patienten, der zuletzt »von sechzehn Ärzten behandelt wurde« statt nur von ihm, Janssen. Zu viele medizinische Meinungen seien »durchs Land getragen worden«, jetzt habe es den Salat.

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Das Virus nennt er »hochgradig bösartig«. Weihnachten, recht verstanden als »Fest der Liebe«, bedeute auch eine Sorge um den Schutz der anderen: »Eigentlich müsste man, wenn man ehrlich ist, sagen: Beschränkt euch auf das Notwendigste«. Denkbar sei, »auch wenn man jetzt lacht«, ein Fest mit Maske. Andernfalls gefährde man die Liebsten. Und das, sagt Dunz aus Erfahrung, das sei eine Last und »schwer zu tragen«.

Gesprochen wurde auch darüber, warum erst jetzt und so spät reagiert wurde auf die steigenden Zahlen. Erwähnt wurde auch das »Tübinger Modell« mit Schnelltests und Schutzmasken in Pflegeheimen, das von Laschet wie Schwesig unisono gelobt wird.

Nida-Rümelin, der auf »gruselige Entwicklungen« vor allem im »Globalen Süden« verweist, macht noch ein anderes Fass auf. Ab dem 10. Januar bräuchte man, »ich sag's jetzt ganz hart«, eine erweiterte oder besser brandneue Tracking-App »mit GPS und Bluetooth«, damit eine Nachverfolgung nach südostasiatisch-demokratischem Vorbild erfolgen könne.

Laschet findet das interessant, aber voreilig: »Ich bin nun auch kein Nerd, der ihnen diese App jetzt hier entwickeln könnte«. Für eine Debatte zur heiklen Frage, ob wir das Recht auf informationelle Selbstbestimmung zu Recht oder bornierterweise »absolut« setzen, blieb leider keine Zeit.

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Das Thema wird uns sicher in einer der nächsten Sendungen beschäftigen. Titel-Tipp: »Datenschützen sich die Deutschen zu Tode?«

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