Flüchtlingstalk bei Anne Will Die grandiose Kanzlerin und der böse Bube aus Budapest

Anne Will ist aus dem Urlaub zurück und auch bei ihrer Talkshow ging es natürlich um die Flüchtlingskrise. Die Sendung im Schnellcheck.

NDR/ Wolfgang Borrs

Sujet: Kein wirklich neuer Stoff, aber so dauerbrisant, dass er sich immer wieder verwenden lässt, und das wahrscheinlich noch lange. Oder, um es sorgenvoll mit Frau Will zu formulieren: Scheitert Europa an der Flüchtlingsfrage?

Besetzung: Stark ministerlastig. Drei leibhaftige Amtsinhaber, zuständig für deutsche Innen-, luxemburgische Außenpolitik sowie Ungarns "gesellschaftliche Ressourcen", wozu unter anderem sowohl Sport, Gesundheit und Kirchen als auch die Integration der Roma und anderer Minderheiten zählen, machten mehr oder weniger deutlich, weshalb die Lage ist, wie sie ist, nämlich einstweilen ziemlich kompliziert. In weiteren Rollen: Zwei bewährte moralische Fachkräfte.

Regie: Stringent bis gnadenlos. Irgendwann mahnte Thomas de Maizière: "Nun lassen Sie mal die Ungarn in Ruhe." Und der unerschütterliche EU-Optimist Jean Asselborn fand: "Madame Will, Sie sind zu streng mit Europa."

Dramaturgie: Die lebte größtenteils vom ungarischen Faktor, verkörpert durch Orbáns Allround-Minister Zoltán Balog, der vieles zu erklären hatte, was ihm aber kaum zur Zufriedenheit der übrigen Anwesenden gelang. Selbst sein sichtlich um Ausgleich bemühter deutscher Kollege konnte ihm den Vorwurf der Unverhältnismäßigkeit nicht ersparen, ehe er dann aber doch davon abriet, die ganze Sendung zu einem Ungarn-Tribunal umzufunktionieren.

Action: Kurz, aber heftig anhand der entsprechenden Einspieler von Szenen mit Tränengas und Wasserwerfern. Balog kommentierte sie dergestalt, dass es sich um Verteidigungsmaßnahmen gegen gesetzeswidrige Handlungen gehandelt habe. Und natürlich sei das Ganze ein Schock gewesen - für die Ungarn angesichts der vielen Flüchtlinge.

Überzeugendste Leistung: Zoltán Balog in der Rolle des bösen Buben, der sich völlig unbeeindruckt zeigt von sämtlichen Beschwörungen europäischer Werte. Daran änderte auch Katrin Göring-Eckardts Einwurf nichts, man mache es sich etwas zu leicht, wenn man allein die Ungarn als Bad Guys abstempele.

Schwächste Leistung: Balog, gelernter Pfarrer, in der Rolle des milden Menschenfreundes, der lediglich darauf pocht, dass die Regierung eines christlichen Landes ja wohl doch ein bisschen national-souverän selbst entscheiden dürfe, ob sie außer den bisherigen 0,05 Prozent noch mehr Muslime hereinlasse.

Emotionalster Moment: Heribert Prantl, sonst eher regierungskritischer "SZ"-Journalist, wandte sich mit auch körpersprachlich zum Ausdruck gebrachtem Pathos an seinen Innenminister, um ihm zu bescheinigen: "Sie haben es schwer, aber auch leicht." Denn es gebe da ja heute diese "großartige Kraft der Zivilgesellschaft" und außerdem eine Kanzlerin, die "auf grandiose, bewegende Weise" reagiert habe. Da war der Herr Minister fast ein bisschen perplex.

Atmosphäre: Insgesamt harmonisch, abgesehen von Ungarn. Die Grüne und der CDU-Minister waren sich einig, dass es dank der Flüchtlinge nun die große Idee geben müsse, "das Land neu zu denken." Und die Notwendigkeit, zeitweise wieder Grenzkontrollen einzuführen, wusste der Minister so vernünftig und sachlich zu begründen, dass richtiger Zoff trotz Frau Wills Bemühungen nicht aufkommen wollte. Nachdem bisher "erstklassig improvisiert" worden sei, gelte es nun, erst mal wieder Ordnung zu schaffen. Wer hätte dafür nicht irgendwie Verständnis?

Mimik: Das Gesicht von Jean Asselborn sprach immer wieder Bände, wenn der Kollege aus Budapest das Wort hatte.

Prägnantester Satz: "Sie sind ein schlimmer Verdreher." (Asselborn an die Adresse Balogs)

Überflüssigste Bemerkung: Wenn die Leute Angst vor muslimischer Überfremdung hätten, sollten sie doch einfach christlicher werden, empfahl Frau Göring-Eckardt.

Merkwürdigster Dialog: De Maizière sprach davon, dass es auch "veritable Sicherheitsgründe" für Kontrollen gebe. Prompt meinte die Grüne darauf hinweisen zu müssen, dass es aber nicht nur muslimische, sondern auch deutsche agnostische Gesetzesbrecher gebe.

Resümee: Konnte man sich ruhig ansehen.

insgesamt 134 Beiträge
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kaltwasser 17.09.2015
1. Tja,
nichts Neues von der Talkrundenfront. Könnte man nicht zur Abwechslung auch mal die Gegenseite einladen. So langsam wird's monoton.
marthaimschnee 17.09.2015
2.
Ich halte die Empfehlung, christlicher zu werden, keineswegs für eine überflüssige Bemerkung. Ganz besonders diejenigen, die unter dem Banner der CxU marschieren, scheinen sich vielfach überhaupt nicht im Klaren, wofür das C eigentlich steht und daß diese Christlichkeit mehr bedeutet, als an Gott zu glauben und in die Kirche zu gehen. Und da braucht man keine Flüchtlingsströme für, auch im Umgang mit Griechenland hätte man sich bereits darauf besinnen können.
civis0815 17.09.2015
3. Peinlich
Reines Ungarn-Bashing, voellig am Thema vorbei. Ungarn ist schrecklich und die Deutschen sind super, aber ueber die Probleme in der EU hat keiner geredet.
malocher77 17.09.2015
4. Die Grünen
Die kritisieren auch alles,wenn Innenminister Sorgen um die Sicherheit hat,dann sind die Grenzkontrollen das richtige Mittel.Sogar linker Realo Bodelow versteht es,die Grünen sind anscheinend so gutmenschlich,dass die auf die Risiken der inneren Sicherheit keinen Wert legen.Warum man auch einer 8% Partei so viel Bühne bietet versteht wahrscheinlich auch keiner.
dtz96683 17.09.2015
5. Wahrnehmung
So unterschiedlich sind die Wahrnehmungen! Für mich war der Ungar der Beste Debattenteilnehmer. Er hatte die wachesten Augen und hat frei heraus geredet- Wenig political Corectness kam von ihm! Und ich teile seine Meinung! Den Osteuropäern vorzuwerfen sie kennen ja das Fremde/ Islam nicht, ist, wenn man sich die geographisch Lage ansieht - ein Witz! Die Osteuropäer sind islamischen Gesellschaften räumlich näher als die Deutschen und werden schon wissen warum Sie so handeln- wie Sie handeln!
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