Anne-Will-Talk zur MH17-Katastrophe Eine Zumutung, aber lehrreich

Ein russischer und ein ukrainischer Diplomat sitzen nebeneinander: Das war die Konstellation in Anne Wills Talkshow. Wie wenig sich die beiden zu sagen hatten, war erschreckend - und erhellend.

NDR/ Wolfgang Borrs

Die Niederlande in Trauer, die Welt empört: Der Abschuss von Flug MH17 ist das Thema dieser Tage. Und dann das diplomatische Kontrastprogramm: Floskeln, Ausweichmanöver, wechselseitige Schuldzuweisungen. Ja, in weiten Teilen konnte man Anne Wills Talkshow durchaus als Zumutung empfinden, allerdings eine mit zumindest indirektem Erkenntnisgewinn. Denn es hatte auch etwas Erhellendes, wie da zwei hochrangige Vertreter Kiews und Moskaus aneinander vorbei monologisierten, nebeneinander sitzend und doch sehr weit voneinander entfernt.

Die Gastgeberin hielt es sich zugute, die beiden überhaupt zusammen ins Studio bekommen zu haben, Vasyl Khymynets, den Leiter der ukrainischen Botschaft in Berlin und den russischen Gesandten Oleg Krasnitskiy. Womöglich lag allein in eben dieser Konstellation das kleine bisschen Hoffnung, das nach 75 eher trostlosen Minuten am Ende blieb. Da wurde kein Blick getauscht oder gar auch nur einmal das Wort an den anderen gerichtet. Stattdessen gab es immer wieder Szenen, die das ganze Ausmaß der wortreichen Sprachlosigkeit deutlich werden ließen.

Von der Moderatorin auf den respektlosen Umgang der Separatisten mit den Toten angesprochen, ließ der russische Diplomat verlauten, nun, nach Flugzeugkatastrophen komme es nun mal zu schrecklichen Szenen. Für die Sicherheit in diesem Gebiet sei Kiew zuständig. Und als der Ukrainer gefragt wurde, ob die Tragödie nicht auch für die Regierung in Kiew ein Anlass zum Innehalten hätte sein müssen statt für eine Teilmobilmachung, gab er zu Protokoll, sein Land müsse sich eben verteidigen.

Bedächtige Worte von einem Ex-General

Entsprechend erwartbar fielen die Antworten dieser beiden Gäste zur Kernfrage des Abends aus, wie es denn um die Verantwortung Wladimir Putins für das Desaster bestellt sei. Nein, eine Verantwortung Russlands gebe es überhaupt nicht, war von Herrn Krasnitskiy zu hören, während sein Kollege Khymynets zu Protokoll gab, Moskau sei verantwortlich und außerdem dabei, "sich an der Ukraine für ihren Weg nach Europa zu rächen".

Dass dennoch eine Diskussion in Gang kam, war weniger den beiden Diplomaten zu verdanken, die selbstverständlich irgendwann auch ihr jeweiliges wohlklingendes Bekenntnis zu einer wünschenswerten politischen Lösung des Konflikts ablegten, sondern den übrigen Gästen, in erster Linie dem früheren Bundeswehr-Generalinspekteur Harald Kujat, der eindringlich vor übereilten Urteilen warnte. Nichts sei bislang bewiesen, es gebe lediglich Indizien. Ob etwa die Separatisten die Flugabwehrraketen von den Ukrainern erbeutet oder von Moskau geliefert bekommen hätten, lasse sich einstweilen gar nicht sagen.

Auch "SZ"-Korrespondentin Cathrin Kahlweit bemühte sich um Differenzierung, war sich aber ziemlich sicher, dass es sich bei dem Abschuss um ein "dummes Versehen" der Separatisten gehandelt habe. Putin habe mittlerweile angesichts des weltweiten Reputationsverlusts erkannt, dass da etwas "nicht gut gelaufen" sei.

Die ganze Ambivalenz der westlichen Außenpolitik

Ein etwas irritierendes Bild gab CDU-Außenpolitiker Karl-Georg Wellmann ab, für den es keine offenen Fragen mehr zu geben schien. Die von Russland geführten Söldner hätten das Flugzeug "abgeknallt", befand er kurzum und bekam Beifall aus dem Publikum für die nicht sonderlich originelle Feststellung: "Ohne Russland gäbe es keinen Krieg in der Ukraine." Der Drang zum starken Wort hinderte ihn aber nicht, fast im selben Atemzug für eine Verhandlungslösung zu werben. In gewisser Weise verkörperte er die ganze Ambivalenz der deutschen und der westlichen Außen- und Sicherheitspolitik - nicht zuletzt durch seine Mitgliedschaften in der ukrainisch-deutschen und der russisch-deutschen Parlamentariergruppe.

Es war immer wieder Kujat, der erfahrene Stratege, der auf die einschlägigen Defizite hinwies und bemängelte, dass es bis dato an einem schlüssigen außenpolitischen Konzept, an einem politischen Fahrplan fehle. Gewiss, der Abschuss von MH17 sei ein "unglaublicher Terrorakt", ein "maßloses Verbrechen, das gesühnt werden muss." Doch mit direkten Schuldzuweisungen gelte es vorsichtig zu sein, und schon gar nicht helfe es, "Putin zu dämonisieren". Eine Verhandlungslösung könne es nur mit Russland geben. Von neuen, schärferen Sanktionen mochte Kujat auch nichts wissen, die seien kein konstruktiver Beitrag. Dass Kreml-Diplomat Krasnitskiy das genauso sah ("die bringen nix"), versteht sich von selbst.

Der Rest war viel Spekulation und Mutmaßung, Behauptung und Gegenbehauptung hinsichtlich des Einflusses, den Putin auf die Separatisten in der Ost-Ukraine tatsächlich habe. Zum Schluss war man dann bei der Blauhelm-Frage, und da wurde es noch einmal interessant. Die Mehrheit fand einen solchen Uno-Einsatz erwägenswert, aber während sich der Mann aus Russland immerhin sehr gewunden Beratungen hierüber unter bestimmten Voraussetzungen vorstellen konnte, wurde sein Kollege aus Kiew sehr wortkarg und murmelte nur etwas davon, dass das ukrainische Volk sein Schicksal selbst bestimmen werde.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir Karl-Georg Wellmann als Vorsitzenden der russisch-deutschen Parlamentariergruppe bezeichnet. Hier ist er nur Mitglied. Er ist Vorsitzender der deutsch-ukranischen Parlamentariergruppe. Wir haben dies korrigiert und bitten den Fehler zu entschuldigen.



insgesamt 67 Beiträge
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Seite 1
Jott 24.07.2014
1. Von wegen...
...kein Blick ausgetauscht.... Kaum war die Sendung beendet, tuschelten die beiden zueinander gebeugt miteinander. Zu sehen während des Abspanns. Nach Streit sah das nicht aus...
urknallmarinchen@yahoo.de 24.07.2014
2. Die Gesichtssprache war erhellend...
...wenn es auch noch viele offene Fragen zu geben scheint, war mir am Ende der Sendung klar, daß die Russen bezüglich MH17 wohl mehr "verwickelt" sind, als ich bisher annahm. Putin hat sich hier wohl in etwas verrannt, dem sie jetzt offenbar nur noch mit offensiver aufrichtiger Diplomatie begegnen können. Doch solange sich beide Seiten des Terrorimus beschuldigen, wird es wohl kaum zu Verhandlungen kommen. Der Krieg geht so leider in die nächste Runde.
stefan_leibold 24.07.2014
3. Kommentar wohl vor der Sendung geschrieben?
Zitat von sysopEin russischer und ein ukrainischer Diplomat sitzen nebeneinander: Das war die Konstellation in Anne Wills Talkshow. Wie wenig sich die beiden zu sagen hatten, war erschreckend - und erhellend. http://www.spiegel.de/kultur/tv/anne-will-talk-zu-mh17-mit-diplomaten-aus-russland-und-ukraine-a-982626.html
Kujat ist kein Insider, sondern pensionierter Offizier mit Geltungsdrang zur Aussenpolitik. Kujat kennt nicht die aktuellen politischen Vorschläge. Kujat kennt nicht die ganzen Fakten über die Urheber. Kujat argumentiert,wie ein Verteidiger im Strafprozess. Ok,die muss es auch geben. Aber nicht in einer Talk show. Kujat war der schwächste , nicht der stärkste Disskutant. Zur Erinnerung: In Nürnberg hat man aus guten Grund Leute wie Putin wegen Vorbereitung eines Angriffskriegs aufgehängt. Es bleibt dabei: Ohne Putin würde es diesen Krieg nicht geben.
joppop 24.07.2014
4. Will
Will war schlecht informiert.
Palmstroem 24.07.2014
5. Papiertiger nimmt man nicht ernst
Europa erweist sich einmal mehr als Papiertiger. Man agiert vorsichtig, um Wladimir Putin nicht zu verärgern. Damit verschafft man sich keinen Respekt. Da werden 298 EU-Bürger ermordet und die Reaktion darauf ist leiser als auf die Hinrichtung eines Mörders in den USA. Während man einen US-Vertreter wegen des Verdachts auf Spionage des Landes verwiesen hat, gibt es auf den Verdacht der Ermordung von EU-Bürgern keine Reaktion.
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