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13. September 2012, 08:05 Uhr

Euro-Talk bei Anne Will

Backen blähen, Augen verdrehen

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Ernstes Thema, amüsante Unterhaltung - und kaum Erkenntnisse. Die Talkrunde bei Anne Will nahm sich das Karlsruher Urteil zum Euro-Rettungsschirm vor, doch Moderatorin und Zuschauer verloren schnell den Überblick. Immerhin: Bei der Mimik sind sich Heiner Bremer und Gregor Gysi recht ähnlich.

Es war der große Schicksalstag für Europa, was keinem auch nur halbwegs informierten Bürger verborgen geblieben sein dürfte. Wer bis zum frühen Abend immer noch kein leichtes Sättigungsgefühl verspürte und glaubte, nun doch zunächst mal das Wesentliche und Wichtigste zum Karlsruher Rettungsschirm-Urteil mitbekommen zu haben, dem bot sich dann gegen Mitternacht eine abschließende Fernsehveranstaltung der besonderen Art: Anne Will führte vor, dass sich auch über ein absolut ernstes Thema von erheblicher Tragweite eine ziemlich komische Talkshow abhalten lässt.

Es präsentierte sich ein Ensemble in durchweg beeindruckender Topform - alle putzmunter an der Grenze zur Rauflust, jeder Einzelne jederzeit bereit, jedem ins Wort zu fallen, sich Interpretationen eigener Interpretationen zu verbitten, sich missverstanden zu fühlen, bis dato noch von niemandem entdeckte Wahrheiten des Urteilsspruchs aufzudecken, jemandem zuzustimmen, um sich sogleich wieder zu distanzieren, bei all dem jede Gelegenheit zu nutzen, spezielle kleine Duelle auszutragen und Gemeinsamkeit allenfalls in dem Entschluss zu demonstrieren, dem Zuschauer nur ja keine Chance zu lassen, zumindest, soweit es den Erkenntnisgewinn betrifft. Das Publikum hatte sich mit Amüsement zufrieden zu geben, was aber auch nicht das Schlechteste sein muss.

Ob das den Intentionen der Beteiligten entsprach, ist eine andere Frage. Bei diesen handelte es sich schon wieder um Ursula von der Leyen, hauptberuflich zuständig für Arbeit und Soziales im Kabinett Merkel, aber inzwischen mit guten Chancen, sich als multifunktionaler Dauergast einen Stammplatz in der öffentlich-rechtlichen Talkshow-Szene zu erobern, ferner um den in diesem Fall kaum vermeidlichen Wirtschaftsprofessor Hans-Werner Sinn vom Ifo-Institut, den ähnlich unvermeidlichen Linken-Fraktionschef Gregor Gysi, Mitglied der breiten Rettungsschirm-Ablehnungsfront, genau wie Herta Däubler-Gmelin von der SPD, die einmal Justizministerin war und seitdem ziemlich selten im Fernsehen vorkommt - im Unterschied zu Heiner Bremer, der bei n-tv tätig ist und auf ein langes Journalistenleben zurückblicken kann, sich diesmal jedoch in erster Linie als Jurist und überhaupt besonders kompetenter Durchblicker zu empfehlen bemüht zeigte.

Bestimmte Vorstellungen lassen sich nicht in Einklang bringen

Frau Will hatte ursprünglich angedroht, die Zuschauer "mitnehmen" zu wollen, musste aber bei dem Gedanken an ihre Mutter, "die morgen wieder sagen wird, sie habe nichts verstanden, weil alle durcheinander reden", bald einsehen, dass dieses Vorhaben zum Scheitern verurteilt war. Daraufhin versuchte sie, durch gezielte Eingriffe in das Gesprächsgeschehen zu retten, was zu retten war - zwar ohne Schirm, aber anhand einer offenbar zumindest in ihrer Vorstellung existierenden Agenda. Das Problem war allerdings, dass auch die Gäste bestimmte Vorstellungen vom anzustrebenden Diskussionsverlauf hegten, die sich schwer miteinander in Einklang bringen ließen.

Bremer hatte es vor allem auf eine möglichst exakte Größenbestimmung des Ja und des Aber in dem Richterspruch abgesehen, wobei für ihn klar war, dass das Ja zum politischen Kurs im Grundsätzlichen groß, hingegen das Aber in Form der Vorbehalte bezüglich der Haftungsgrenze und der Unterrichtung der Parlamente sehr klein sei. Dass nicht alle anderen das genau so sahen, war für ihn erkennbar kaum zu ertragen. Gelegentlich schien es, als werde er aber gleich mal richtig aus der Haut fahren und nicht mehr nur all seine innere Anspannung in die knetenden Hände ableiten. Von der Mimik her lag er etwa gleichauf mit Gysi: Backen blähen, schnauben, Augen verdrehen und hin und wieder fassungslos den Kopf schütteln.

Gysi lobte natürlich das Urteil, irgendwie jedenfalls, genau wie die anderen, wenn auch aus jeweils unterschiedlichen Gründen, war dann aber recht schnell bei seinem eigentlichen Talkshow-Standardthema, den Reichen, die man stärker zur Kasse bitten müsse, statt immer nur die Banken zu sanieren. Letzteres fand auch der Ökonom Sinn falsch, ohne deswegen aber nun einer Meinung mit dem Linken zu sein. Denn im Prinzip konnte er leider der ganzen Euro-Rettung gar nichts Positives abgewinnen, da sie ein untaugliches Mittel zur Bewältigung der Krise sei. Das mochte zwar für einen Laien abermals ein bisschen linkskompatibel anmuten, war aber natürlich nicht so gemeint.

"Können wir jetzt bitte noch mal..."

Überhaupt fühlte sich Herr Sinn ständig fehlinterpretiert, insbesondere von Frau von der Leyen, die sehr viel lächelte und sich offenkundig vorgenommen hatte, nur Gutes über die Bundesregierung zu sagen und über "gelebtes Europa", das "wir gemeinsam wollen", über den Euro und die EZB und Karlsruhe und auch ein bisschen über sich und ihre Kollegen in den südlichen Ländern, die alle so bemüht seien. Und es gebe doch "dieses zarte Pflänzchen" in Griechenland. Manchmal lächelte auch Herr Sinn, aber er sah dabei gequält aus. Und manchmal sagte auch Frau Däubler-Gmelin etwas. Das klang entweder sehr schwäbisch oder sehr technisch oder einfach nur irritierend, wie beispielsweise ihre Anmerkung zur "Sixpack-Geschichte".

"Können wir jetzt bitte noch mal zur Zwangsanleihe?", ließ sie sich ganz gegen Ende hin vernehmen. Nein, man konnte nicht mehr. Mit den Zinsen war Herr Sinn noch zum Zug gekommen, auch die Inflation hatte man durch, Monti und Draghi und Heidemann ebenfalls, Frankreich sowieso und selbst Hartz IV war kurz gestreift worden. Doch jetzt war es auch genug und der Moment gekommen, da selbst die Moderatorin mental schon in den Zuschauer-Modus wechselte und nur noch die Minuten zählte, gut gelaunt zwar, aber doch ein wenig matt.

Nur eine Frage musste sie unbedingt noch loswerden - an die Ministerin, betreffend deren Ambitionen auf die Kanzlerschaft. Die Antwort lautete, welch ein "großes Glück" es doch sei, dass "wir in dieser Krise Angela Merkel haben". Und dazu lächelte sie noch einmal besonders heftig.

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