Brexit-Talk bei "Anne Will" Chaos, Schlamassel, Kladderadatsch

Anne Will wollte wissen, wer in den "Streit um den Brexit" noch Ordnung bringen könne. Ein Team, bestehend aus Norbert Röttgen und Sahra Wagenknecht, drängte sich nicht auf. Immerhin: Jean Asselborn öffnete eine kleine Tür.

Moderatorin Will (4.v.l.) mit ihren Gästen
NDR/Wolfgang Borrs

Moderatorin Will (4.v.l.) mit ihren Gästen

Von Klaus Raab


Frage des Abends: Wie wäre die drohende Unordnung, die ein ungeregelter Brexit mit sich brächte, noch zu verhindern? Das diskutierte Moderatorin Anne Will mit ihren Gästen.

Alternativen des Abends: Der Begriff, der mit dem Brexit häufig in einem Atemzug genannt wird, ist "Chaos". Auch bei "Anne Will" tauchte er im Titel auf: "Streit um den Brexit - wer kann das Chaos noch verhindern?" Immerhin wurden in der Talkshow aber noch zwei Alternativen in den Sprachgebrauch eingespeist: Als "Schlamassel" beschrieb Kate Connolly, die Berlin-Korrespondentin des britischen "Guardian" und des "Observer", die Situation. Und die Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, Sahra Wagenknecht, sprach von "Kladderadatsch". Was zumindest zeigte: Chaos ist nicht alternativlos.

Forderung des Abends: Greg Hands, Tory-Abgeordneter, der gegen den Brexit gestimmt hatte, aber nun das Ergebnis des Referendums umgesetzt sehen will, forderte mehr Bewegung von der EU. Das von der britischen Premierministerin Theresa May verhandelte Abkommen, das in London dieser Tage abgelehnt worden war, sei "nur aus EU-Sicht ein guter Deal". Es brauche Kompromissbereitschaft, konkret: bei der Backstop-Regelung, mit der die EU im Notfall eine harte Grenze zwischen Nordirland und Irland verhindern will, und bei Reformen zu einer künftigen Zollunion.

Kulinarische Anspielung des Abends (1): Eine Zollunion mit der EU, in der Großbritannien keinen Sitz mehr hätte, wäre keine gute Idee, sagte Hands: "Wenn man keinen Sitz an dem Tisch hat, ist man wahrscheinlich auf der Speisekarte."

Kleine Tür des Abends: Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn, der sich selbst "ein kleines Männchen" nannte, aber in der Sendung quasi die EU vertrat, spielte die Verantwortung nach London zurück: "Wir wissen, was Sie nicht wollen, aber wir wissen nicht, was Sie wollen." Die Europäische Union sei in den Verhandlungen "bis an die Grenzen der Flexibilität gegangen". Aber er öffnete auch eine Tür; oder eine Katzenklappe. Da ein Brexit ohne Vertrag "wirtschaftlich und sozial" nicht nur für Großbritannien in "eine Katastrophe" führen könnte, müsse man weiter reden. Bei "diesem Backstop ist nichts zu machen", sagte er. Aber "wir sollten schauen, dass wir uns bei der Zollunion bewegen".

Problemdefinition des Abends: Die britisch-deutsche Journalistin Kate Connolly schlug die Katzenklappe wieder zu: "Wenn wir in der Zollunion bleiben, sind wir noch in der EU" - so würden viele in Großbritannien denken: "Das wird nicht akzeptiert." Das Problem sei "dieses Referendum" gewesen. "Die Frage war sehr einfach gestellt: rein oder raus?"

Kulinarische Anspielung des Abends (2): Sie kam von Norbert Röttgen (CDU), dem Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag. "Aus einem Ei ein Rührei zu machen, ist einfach. Aus einem Rührei wieder ein Ei zu machen, ist schwieriger." Übersetzung: Der britische Beschluss, wieder Ei zu werden, ist das eine. Wie man das macht, etwas anderes.

Referendumsbefürworter des Abends: Am Sonntag war gemeldet worden, britische Abgeordnete - Labour- wie Tory-Leute - hätten sich zusammengetan, um einen ungeregelten Brexit zu verhindern. Dass das Parlament den Prozess an sich ziehe, sei "parlamentsgeschichtlich ein wirkliches Novum", sagte Röttgen. Darin sehe er aber eine Lösungsmöglichkeit. Wenn auch so keine Einigung zustande komme, "bleibt nur ein zweites Referendum". Auch jeder Gesetzgeber habe das Recht, sich zu korrigieren. Journalistin Kate Connolly sagte, darüber zu sprechen, sei "vollkommen legitim".

Referendumsgegner des Abends: Greg Hands sagte, das Ergebnis des ersten Referendums nicht umzusetzen, sei "total undemokratisch". Zu klären wäre zudem, was bei einer neuerlichen Abstimmung die Frage wäre: ob man Mays Abkommen annehme? Ob man wirklich den Brexit wolle? Sahra Wagenknecht sagte, ein zweites Referendum würde die Wut auf "die Eliten" vergrößern, wenn man den Eindruck erwecke, es werde abgestimmt, bis es ein genehmes Ergebnis gebe. Nicht diskutiert wurde, ob ein Referendum über die Frage sinnvoll wäre, ob es ein zweites Referendum geben soll.

Streitaufführung des Abends: Wagenknecht und Röttgen übernahmen sie. Wagenknecht sagte, das Brexit-Votum sei "ein Votum gegen diese EU, wie sie heute ist", in der Kapitalfreiheiten "Vorrang vor sozialen Grundrechten" hätten. Vorstellbar sei für sie, von den vier Grundfreiheiten der EU eine beizubehalten - die Binnenmarktfreiheit. Sie kritisierte, dass zu viele Arbeitskräfte aus den östlichen EU-Ländern nach Großbritannien gekommen seien. Röttgen warf ihr ein "ökonomistisches Bild von Europa" vor: "Die Waren sollen wandern, die Menschen sollen zu Hause bleiben?" Er verglich sie mit den Populisten von rechts. Wagenknecht: "Das ist jetzt wirklich billig. Es geht um Regelungen, die antieuropäische Ressentiments schaffen."

Rausschmeißer des Abends: Jean Asselborn sagte, die Aufgabe sei es, einen Brexit ohne Deal zu verhindern. Er beließ es ganz am Ende bei unkonkreten Andeutungen, doch so entließ er das Publikum hoffnungsfroh in die Nacht: "Es gibt Ansätze."

insgesamt 102 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
odapiel 21.01.2019
1. Haben eigentlich alle schon vergessen?
Haben eigentlich alle schon vergessen, daß insbesondere UKIP und Nigel Farage die britische Bevölkerung zuvorderst angelogen hatten, beim ersten Referendum? Darum gehts dpch. Ich kann mir nicht vorstellen, daß ein zweites Referendum, bei dem wirklich ganz ehrlich die Karten auf den Tisch gelegt werden (zB daß eben gerade nicht die NHS durch den Brexit gerettet würde, oder es fürs UK irgendwelche "Einsparungen" gäbe, oder daß Drittstaaten à là Norwegen Rosinen picken könnten) als so undemokratisch gesehen würde. Auch wäre diesmal den Horden an jungen Nichtwählern bewußt, daß die Regierung meint, sich an das Ergebnis halten zu müssen, was beim ersten Referendum schlichtweg NICHT angenommen wurde. Deshalb haben so viele Brexitgegner garnicht erst gewählt. So wie es ist, müssen die Leute doch die verquasten Lügen von Farage und Co. ausbaden, auf die ihre ältlichen und teils bereits berenteten Angsthasen aus Mittelschicht und ungebildeter Arbeiterschaft reingefallen sind.
michael_h. 21.01.2019
2. Hinter den Zahlen verbergen sich Menschen...
..., deren Sorgen zu oft einfach beiseite geschoben werden. Auch ein Dr. Röttgen kann nicht ignorieren, welche Schichten damals mehrheitlich mit "Leave" gestimmt haben. Zitat: "Die Jüngeren und zudem die höher Gebildeten und besser Verdienenden haben für den EU-Verbleib gestimmt, zeigt eine Auswertung der britischen Zeitung "Guardian", der die sozioökonomischen Daten der Wahlbezirke in Beziehung zu deren Wahlergebnis setzte." (Quelle Welt) Man kann den Zauberwürfel solange drehen und wenden wie man will, ob mit oder ohne Brexit, aber wenn man die hinter dem Referendum stehenden Ängste - welche pars pro toto für viele strukturschwache Regionen in Europa stehen - immer wieder klein redet, und die betroffenen Bürger als dümmliche Hinterwäldler abkanzelt, die faul und unambitioniert seien, anderen die Zukunft verbauen, und populistischen Rattenfängern auf den Leim gehen, dann wird man die Fliehkräfte in Europa niemals besänftigen, sondern stetig forcieren. Mag sein, dass sich unter den Leave Wählern eine nicht geringe Anzahl Armutsrentner befunden haben, deren Freunde den Kältetod fanden, weil sie ihre Energierechnung nicht mehr bezahlen konnte. Zehntausende waren es allein im Winter 2013 im United Kingdom. Wenn sie nicht erfroren, dann starben sie an Lungenkrankheiten aufgrund unterkühlter Wohnungen. Ich stelle es mir sehr bitter vor, einen Freund nach 70 Jahren auf diese Art und Weise zu verlieren. Vielleicht sollte Herr Dr. Röttgen hier mal ein wenig Empathie zollen, statt den hochnäsigen Ebenezer Scrooge dar zu bieten. Denn sonst weckt man - wie wir wissen - Geister, die man nie rufen wollte...
dzherzhinsky 21.01.2019
3. Diese Zusammenfassung ist bewusst verzerrt!
Zitat: "Streitaufführung des Abends:Wagenknecht und Röttgen übernahmen sie. Wagenknecht sagte, das Brexit-Votum sei "ein Votum gegen diese EU, wie sie heute ist", in der Kapitalfreiheiten "Vorrang vor sozialen Grundrechten" hätten. Vorstellbar sei für sie, von den vier Grundfreiheiten der EU eine beizubehalten - die Binnenmarktfreiheit. Sie kritisierte, dass zu viele Arbeitskräfte aus den östlichen EU-Ländern nach Großbritannien gekommen seien. Röttgen warf ihr ein "ökonomistisches Bild von Europa" vor: "Die Waren sollen wandern, die Menschen sollen zu Hause bleiben?" Er verglich sie mit den Populisten von rechts. Wagenknecht: "Das ist jetzt wirklich billig. Es geht um Regelungen, die antieuropäische Ressentiments schaffen." Wagenknecht kritisierte nicht die Migration osteuropäischer Arbeitskräfte, sondern sie kritisierte dass z. B. polnische Arbeiter zu polnischen Löhnen in Großbritannien beschäftigt würden - statt zu britischen Lohnkonditionen. Dadurch habe sich ein starkes Lohndumping in Großbritannien und einr große EU-Unzufriedenheit bei den Briten ergeben. Der Spiegel hat (wie Roettgen in der Sendung) Frau Wagenknechts Aussagen bewusst nicht wahrheitsgemäß wiedergegeben. Ich empfehle dem interessierten Leser, sich die Aufzeichnung in der ARD-Mediathek anzuschauen!
w.hoffmann 21.01.2019
4. Streitaufführung des Abends
Wenn der Anti-Ökonomist Röttgen keine Argumente mehr findet und Sahra Wagenknecht ihn auf dem Teller serviert, dann verfällt er wie alle seine Elite-Kämpfer in Geschrei, um Argumentation zu unterbinden. Das ist dann besonders deutlich peinlich für den hilflosen Schreihals!
dasfred 21.01.2019
5. Nix genaues weiß man nicht Show
Wie so viele Talkshows in den letzten Jahren diskutiert man hier wieder über ungelegte Eier. Jeder möchte sich ein bisschen profilieren und Medienpräsenz zeigen. Da ist es unerheblich ob über Brexit oder was auch immer geredet wird. Wenn den Redaktionen die relevanten Themen ausgehen, dann sollte man mal einen Sendetermin ausfallen lassen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.