"Anne Will" zu Donald Trump "Der Typ ist eine Gefahr!"

Warum ist US-Republikaner Donald Trump so erfolgreich? Das wollte Anne Will unter anderem von Thomas Gottschalk, Martin Schulz und Oskar Lafontaine wissen. Sie bekam Antworten - und viel Altherrengefasel.

Anne Will mit ihren Gästen
NDR/Wolfgang Borrs

Anne Will mit ihren Gästen

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Die Sendung: Das erste TV-Duell zwischen Hillary Clinton und Donald Trump steht kurz bevor, der US-Wahlkampf tritt in seine heißeste Phase. Die demokratische Kandidatin schwächelt, der republikanische Kandidat sitzt ihr im Nacken. Ein Sieg des unappetitlichen Außenseiters scheint nicht mehr undenkbar zu sein. Warum? Eine Antwort auf diese Frage steckt schon im Titel der Anne-Will-Sendung: "Emotionen statt Fakten - Warum ist Trump so erfolgreich?" Na ja, eben deswegen.

Die Gäste: Thomas Gottschalk, der als Experte für Emotionen und langjähriger Bewohner dieses fernen Kontinents die Frage beantworten soll: "Wie bekloppt sind die Amerikaner eigentlich?" Oskar Lafontaine, Politiker der Linken, ist seinerzeit mit dürren Fakten auch nicht gegen die deutsche Wiedervereinigungsstimmung angekommen. US-Republikaner Roger Johnson will Donald Trump wählen. Martin Schulz (SPD), Präsident des Europäischen Parlaments, hält Trump für ein Phänomen, das nicht nur auf die USA beschränkt ist. Das sieht die Publizistin Constanze Stelzenmüller ähnlich, sie warnt zudem vor einem "AfD-Trump".

Einschätzungen: Trump ist so erfolgreich, weil er nicht mit Fakten, sondern mit Emotionen operiert. In dieser Frage sind sich - bis auf Parteigänger Roger Johnson, der Trumps Lügen lieber zugespitzte Übertreibungen nennt - alle Gäste einig. Lafontaine gibt wieder, was ihm der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter mal gesagt habe: "Wenn das Gefühl stark ist, kommst du mit Fakten nicht mehr durch." Schulz ergänzt, für Trump sei "jeder, der Sachverstand" habe, "ein intellektueller Klugscheißer". Und Stelzenmüller sagt, "in der postfaktischen Trump-Welt" zählten Leute nichts, die versuchten, etwa zu verstehen. Thomas Gottschalk stellt fest, der Kandidat erziele "psychologische Effekte, die ich als Entertainer kenne" - sorge also für kurzweilige Unterhaltung. Clinton, der sei er mal begegnet, wirke eher "wie eine Chemielehrerin".

Völkerkundliches: Gleich zu Beginn der Debatte zitiert Gottschalk, was er bei Peter Sloterdijk gelesen haben will: Die Amerikaner seien "ein rätselhaftes Kindvolk". Was der einzige Amerikaner in der Runde lässig wegsteckt, um noch einen draufzusetzen: "Wir sind aus europäischer Sicht komische Tiere." Später lüftet Lafontaine noch die Mottenkiste des klassischen Antiamerikanismus, raunt von der Macht der Wall Street und warnt, wie seinerzeit Eisenhower, vor dem "militärisch-industriellen Komplex". Stelzenmüller rollt nicht nur mit den Augen, sondern verbittet sich herablassendes und verschwörungstheoretisches Gefasel.

Altherrengefasel: Leider ja. Nachdem Schulz und Lafontaine eine Weile gemeinsam das Ausscheiden des linken Kandidaten Bernie Sanders beweint haben, kommt Schulz wieder halbwegs zu sich und erklärt: "Sanders hat sich am Ende nicht hinter Hillary Clinton gestellt, weil er in die verliebt ist." Weiß man's? Auf die Frage, was Clinton im TV-Duell tun könne, rät wenig später Lafontaine ernsthaft: "Sie könnte die Frauenkarte ziehen." Jawohl, die Frauenkarte.

Erhellendes: Entgegen Gottschalks Einschätzung ("Wir können sie nicht verstehen") versucht Stelzenmüller, Gründe für den Durchmarsch einer postfaktischen Politik zu finden. Große Bevölkerungsteile seien entweder tatsächlich von der Globalisierung abgehängt - oder fühlten sich so. Aus der "Entstaatlichung" in vielen gesellschaftlichen Bereichen ergebe sich ein Gefühl der Ohnmacht gegenüber dem "Establishment" in Washington. Wutbürger gebe es in Lumpen, es gebe sie aber auch in Kaschmir-Jackets. Aus anderen Teilen des Landes (Malibu, Manhattan) weiß Gottschalk von einer gewissen Sportlichkeit zu berichten, die Ängste seien nicht so groß, jeder seines Glückes Schmied. Devise: "There won't be much change."

Sorgenvolles: Diese Wurschtigkeit bekümmert Martin Schulz, der aus seinem Ekel vor Trump keinen Hehl macht. Der sei kein amerikanisches Phänomen allein. Die Welt werde jeden Tag ein Stück komplizierter, da hätten "Vereinfacher" seines Schlages Hochkonjunktur: "Der Typ ist eine Gefahr! Wenn der exekutive Macht kriegt, sehe ich große Gefahren auf die Welt zukommen." Stelzenmüller kann das Thema auch "nicht komisch finden". Sorgen bereiten ihr Trumps "menschenunwürdige Entgleisungen" und seine Verachtung für den Verfassungsstaat. Allein Lafontaine wird nicht müde, auf Clinton als Kandidatin der "Kriegspartei" hinzuweisen. Trump könne immerhin erklären, er sei "nicht käuflich". Damit steht der Linke Seit an Seit mit dem Republikaner in der Runde: "Wenn nicht Trump gewählt wird, wird Hillary Clinton gewählt werden, und das wäre für mein Land eine Riesenkatastrophe."

Der gute Satz: "Trump agiert auf einem anderen politischen Planeten" (Constanze Stelzenmüller). Damit meint die Polit-Beraterin vor allem, dass an Hillary Clinton empörenderweise völlig andere Maßstäbe angelegt würden als an Trump. Frauenkarte und so.

Der gute Rat: "Lasst uns die Fehler, die andere machen, für uns als Lehre nehmen. Lasst uns verhindern, dass es bei uns auch wegrutscht, denn da gibt es auch genug Abgehängte." (Thomas Gottschalk)

Weiterführende Literatur: Neben einem unbekannten Werk von Peter Sloterdijk gab es noch mehr Literaturhinweise. Roger Johnson erwähnte "The Art Of The Deal" (Donald Trump, 1987). Der erfrischend blödsinnige Business-Ratgeber habe bei vielen Lesern oder Leuten, die mal den Titel des Buches gehört haben, den Eindruck erweckt, "Trump gets things done". Stelzenmüller stützt sich auf "Die Abwicklung: Eine innere Geschichte des neuen Amerika" (George Packer, 2013) und "Hillbilly Elegy" (J. D. Vance, 2016), in denen Psychogramme der Abgehängten und potenziellen Anhänger protofaschistischer Tendenzen erstellt werden. Nur für Klugscheißer.



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