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Anne Will: "Man versteht kein Wort mehr"

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Anne Will zur GroKo-Entscheidung Wir haben es nicht anders verdient

Die große Frage bei "Anne Will": Wer hat uns die absehbare neue GroKo eingebrockt? Es waren die Wähler - aber auch die FDP. Als sich Martin Schulz an Christian Lindner wendet, hat er Zornesfalten auf der Stirn.

"Die Beweggründe von Herrn Lindner kennen wir bis heute nicht", pampte Martin Schulz gleich zu Beginn der Sendung - es ging um den Ausstieg der FDP aus der Jamaika-Sondierung. Schulz ist sauer auf Christian Lindner. Weil der FDP-Spitzenmann ihn und seine SPD dazu gezwungen hat, das zu machen, was die Sozialdemokratie doch auf keinen Fall mehr machen wollte: bloß mitregieren.

Nicht nur hat der SPD-Parteitag mit einer knappen Mehrheit die Weichen dafür gestellt, dass die Partei nun weitere vier Jahre als Juniorpartner der Merkel-CDU in einer Großen Koalition darben wird - eine Koalition, die sie am Wahltag noch vehement auf den Müllhaufen der Geschichte werfen wollte. Sie bekommt dafür auch noch nicht mal Applaus, oder wenigstens anerkennendes Schulterklopfen.

In Worten versuchte Schulz zwar, den gestrigen Sonntag zu einem "histori'chen Tag" hochzujazzen, aber er machte gleichsam doch auch klar, in was für einem Schlamassel seine SPD steckt. "Ich musste meiner Partei sagen, dass eine Linie, die wir am Parteiabend ausgegeben haben, verändert werden muss", so rechtfertigte Schulz, dass seine Schlüsselrede zu Beginn des Parteitags auf eher matte Begeisterung stieß. Dass da "der Enthusiasmus nicht ausbricht", so Schulz, sei ja verständlich.

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Anne Will: "Man versteht kein Wort mehr"

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"Das Herz war auf der anderen Seite", resümierte SPIEGEL-Redakteurin Christiane Hoffmann die Stimmung auf dem Parteitag - und stellte später in der Sendung fest, "dass diese GroKo anachronistisch ist".

Da mag sie recht haben, doch wenn dem so ist, dann sind wir Deutschen als Wahlvolk schon ein bisschen gemein zur SPD. Erst wählen wir die Vergangenheit, wo die SPD doch in die Zukunft will. Und danach spielen wir uns dann als große Zukunftsmahner auf, fordern Auf-, Umbruch und Erneuerung und zerreißen uns über die armen Sozialdemokraten das Maul, obwohl die doch bloß die Ödnis umsetzen, die wir gewählt haben. Wir haben es nicht anders verdient.

Einzig Peter Altmaier mochte der SPD den Rücken stärken: "Das kann eine sehr gute und tragfähige Basis sein", erklärte der CDU-Mann. Was hätte er auch sonst sagen sollen.

Ärgerliche Rollenverteilung

"Es gibt nicht nur die Pflicht zum Konsens", erklärte Christian Lindner. "In einer lebendigen Demokratie gibt es auch die Pflicht zur Kontroverse." Vielleicht war Lindner in der sonntagabendlichen Talkshow so auffallend zahm zu Schulz, weil er weiß, was die SPD seiner Partei gerade ermöglicht hat: Vier weitere Jahre darf sich die FDP jetzt in der dankbaren Rolle der Fortschrittspartei gerieren. Wir sind die Zukunft, ihr die Vergangenheit, ätschibätsch.

Wie ärgerlich diese Rollenverteilung für die SPD ist, war den Zornesfalten zu entnehmen, die sich auf Schulz' Stirn bildeten, als er Lindner vorwarf: "Sie haben Hunderttausende Wohnungen in NRW privatisiert!"

"Man versteht kein Wort mehr" unterbrach Anne Will die folgende Durcheinanderschreierei - und ermahnte die Talkgäste, doch bitte auf die Gebärdendolmetscher Rücksicht zu nehmen. Seit dem gestrigen Sonntag gibt es von der Talksendung nämlich auch eine Version in Gebärdensprache - aber wie sollen die übersetzen, wenn alle durcheinanderreden?

"Ein Prozent von etwas sind mehr als hundert Prozent von nichts"

Apropos Wohnungen: Als Schulz in die Eingeweiden der anstehenden Koalitionsverhandlungen ging und am Beispiel des Mietrechts erklärte, wie eine von der SPD durchgefochtene Reduzierung der Modernisierungsumlage "Millionen von Mieterinnen und Mietern" helfen könnte, hielt ihm SPIEGEL-Kollegin Hoffmann vor, er habe in seiner Rede vor allem "Spiegelstriche gemacht".

Was wiederum dem SPD-Chef die Gelegenheit gab, sich dagegen zu verwahren, dass "konkrete Punkte zur Verbesserung der Lebensverhältnisse als Spiegelstrich-Politik abgetan" werden. Womit dann auch die Linie festgeklopft ist, unter der in den nächsten Wochen das sozialdemokratische Ja zur Großen Koalition durchgefochten werden dürfte.

Vehement bestand Schulz darauf, dass die SPD bei drei Kernpunkten - der Abschaffung der sachgrundlosen Befristung im Arbeitsrecht, beim Familiennnachzug bei Flüchtlingen und in der Abschaffung der Zwei-Klassen-Medizin - in den Koalitionsverhandlungen hart bleiben werde. Und wenn die Sozialdemokraten bei einem der drei Punkte einknicken, gibt es schon die passende Losung: "Ein Prozent von etwas sind mehr als hundert Prozent von nichts", formulierte Schulz bei Anne Will.

Selten ist ein jämmerlicherer Merksatz formuliert worden. Einerseits. Andererseits: Er stimmt halt immer.