Kapitalismus-Talk bei "Anne Will" "Nix das System, es gibt kein System!"

Zum 200. Geburtstag von Karl Marx fragte Anne Will: "Wie sozial ist der Kapitalismus heute?" Es gab zwei Kontrahentenpärchen - und am Ende das Gefühl, gerade ein Marx-Seminar an der Uni überstanden zu haben.
Von Klaus Raab
Georg Kofler, Olaf Scholz und Anne Will (von links)

Georg Kofler, Olaf Scholz und Anne Will (von links)

Foto: NDR/ Wolfgang Borrs

Das muss man dem Unternehmer Georg Kofler lassen: Er wettert nicht nur gegen Karl Marx. Er findet, um sich deutlich von ihm zu distanzieren, auch die passende rhetorische Form. Wo am Ende von Marx-Seminaren an Universitäten bisweilen als eine Erkenntnis steht, dass man nicht so weit gekommen sei wie erhofft, haut Kofler einfach mal ein paar Sprüche raus: Wirtschaft nach Marx sei "der größte Flop der Weltgeschichte"! Sein Werk nur relevant "für akademische Nostalgiker"! Praxisgetestet nur "in totalitären Regimes"!

Anders gesagt: Kofler, einst Chef von ProSieben und Premiere, ist kein Riesenfan von Karl Marx.

Dessen 200. Geburtstag ist auch Anne Will Anlass für eine Sendung. Eigentlich geht es in der Diskussion aber nicht wirklich um Marx. Er ist vor allem der Anker in einer Diskussion, die von der Bergpredigt bis Amazon reicht, von maroden Schulen bis Leiharbeit. Über konkrete Maßnahmen, die derzeit in der Diskussion sind, glitscht die Runde ein wenig drüber: Anhebung des Mindestlohns, Verlängerung des Arbeitslosengelds I, die Bedeutung von Tarifverträgen, die Eindämmung sachgrundloser Befristungen.

Es würde also alles etwas ziellos wirken, könnte man nicht zwischendurch immer wieder mal den Namen Marx fallen lassen.

Das erste Kontrahentenpärchen: Die Frage, was "die Politik" tun könne und zu tun habe im Angesicht der Herausforderungen der Globalisierung, rückt schon deshalb etwas ins Zentrum, weil die Linke und die SPD vertreten sind - und sich traditionsgemäß genau darüber streiten. Wie etwa lasse sich die "massive Ungleichverteilung von Vermögen" beheben, fragt Anne Will.

SPD-Finanzminister Olaf Scholz sagt, es gebe große globale Veränderungen, die man nicht nur in Deutschland spüre. Die Antwort darauf sei "Gerechtigkeit auch jetzt" - allerdings würden sich die Probleme "nicht eben beim Frühstück lösen lassen". Man dürfe "nicht zu klein" denken.

Sahra Wagenknecht, Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, erwidert: "Globalisierung, Digitalisierung - das sind die üblichen Ausreden." Der Niedriglohnsektor in Deutschland zum Beispiel sei "kein Produkt der Globalisierung, sondern ein Produkt der Agenda 2010" - wobei sie die Frage, ob die Agenda 2010 womöglich auch ein Produkt bestimmter Entwicklungen gewesen sei, nicht weiter erörtert. Im Trend seien "Regeln abgebaut worden", sagt sie und will auf Folgendes hinaus: Natürlich könne die Politik mehr tun. "Spielräume sind schon noch da."

Als Scholz fragt, ob sie, Wagenknecht, etwas Anerkennendes sagen würde, wenn die SPD in drei Jahren geliefert hätte, sagt sie zu, dann Abbitte leisten zu wollen. Allein sie glaube kaum, dass... - und so weiter.

Das zweite Kontrahentenpärchen: Es wird aber nicht ausschließlich für den Bundestagswahlkampf 2021 geübt. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz bindet die Diskussion immer wieder an Karl Marx an: Reinhard Kardinal Marx, der vor zehn Jahren den Gag gemacht hat, als Mann seines Nachnamens ein Buch namens "Das Kapital" zu schreiben. Er wolle keine "Renaissance des Marxismus", sondern eine ordnungspolitische Einhegung des Kapitalismus, sagt er - aber er findet, da sei Karl Marx durchaus "in der richtigen Spur gewesen": Der habe beschrieben, dass Kapitalverwertungsinteressen "das bewegende Moment für alles" seien. Dass man die Sozialsysteme diesen Interessen angepasst habe, sei schon in den Neunzigern ein "Irrtum" gewesen. Kurz: Reinhard Marx moniert, dass Wirtschaft vor Gesellschaft geht.

Er und Georg Kofler bilden vorübergehend das zweite Kontrahentenpärchen des Abends. Deutschland sei einer der großen Gewinner der Globalisierung, sagt Kofler, und man müsse Unternehmen auch mal einfach machen lassen. Zumal Unternehmer kein Interesse an der Ausbeutung von Mitarbeitern hätten - im Gegenteil. Er selbst habe noch nie eine Firma "aus Kapitalverwertungsinteresse gegründet".

Reinhard Marx: Er, Kofler, vielleicht nicht, aber es gehe doch um "das System".

Darauf Georg Kofler: "Nix das System, es gibt kein System!"

Als Kofler aber später die Idee der Leiharbeit verteidigt mit der Begründung, ein Unternehmen müsse flexibel auf die Auftragslage reagieren können, triumphiert der Kardinal milde: "Das ist das System: Unternehmen müssen sich dem Markt anpassen."

Geburtstags-Quiz

Als die Diskussion fast beendet ist, geht es noch kurz um "die Digitalisierung" und die Frage, was sie für die Arbeitswelt bedeute. Auch dazu muss ein wenig gehudelt werden - man hat ja nicht ewig Zeit. (Kofler: "Sie kommt so oder so." Wagenknecht: "Die Frage ist, wer bekommt den Gewinn?" Scholz: "Technik toll, aber die sozialen Bedingungen wollen wir schon noch selber regeln.") Und so geht es einem am Ende wie nach einem Marx-Seminar an der Uni: Man ist nicht so irre weit gekommen. Allerdings, kündigt Anne Will an, könne man sich schon am Montag weiterbilden: Bei "Hart aber fair"  soll es um die Frage gehen, "wie viel Ungleichheit" das Land verträgt.

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