"Anne Will" zu Konjunktur und Klima "Die windstille Nacht ist ein gewisses Problem"

Es ging bei "Anne Will" um Geisterstrom und Dunkelflauten - und um die Frage, wie sicher der deutsche Wohlstand noch ist. Wer den Streit schlichtete? Ausgerechnet Markus Söder.

Anne Will mit Gästen: "Mitten in einer Spezialdiskussion über Windkraft"
NDR/Wolfgang Borrs

Anne Will mit Gästen: "Mitten in einer Spezialdiskussion über Windkraft"


Parteivorsitzenden-Karussell bei Anne Will: Nachdem letzte Woche die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer und SPD-Interimschefin Malu Dreyer zu Gast waren, diskutierten diesmal CSU-Chef Markus Söder, die frisch bestätigte Grünenvorsitzende Annalena Baerbock und FDP-Chef Christian Lindner zum Thema "Zwischen Konjunkturflaute und Klimaschutz - wie sicher ist Deutschlands Wohlstand?". Einzige Nichtpolitikerin der Runde war die Energieökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.

Die Tonlage des Abends: Auf frotzelige Weise konstruktiv - nicht unangenehm nach dem teils krawalligen jüngsten Illner-Talk über Verrohung im Internet. "Kannst sofort deinen Punkt machen", wehrte etwa Christian Lindner eine Unterbrechung durch Markus Söder ab, den wiederum Anne Will wegen seines "selbstlosen Einsatzes für die Bienen" ironisch als "Ehrenvorsitzenden der Grünen" titulierte, woraufhin Annalena Baerbock ihm einen Mitgliedsantrag anbot. Die unterschiedlichen Standpunkte wurden dennoch deutlich.

Die Schuldenbremsen-Kontroverse: Nach dem Parteitagsbeschluss der Grünen, die Schuldenbremse zu lockern, was wegen des stagnierenden Wachstums zuletzt auch zwei der fünf Wirtschaftsweisen gefordert hatten, brachte Anne Will das Thema aufs Tapet. Klar dagegen äußerte sich Christian Lindner. Schließlich werde staatlich bereitgestelltes Geld für Investitionen oft gar nicht abgerufen, 40 Milliarden Euro befänden sich noch in der Rücklage. Statt neuer Schulden seien beschleunigte Planungsverfahren nötig. Ähnlich sah es Söder, der lieber Unternehmensteuern senken und Bürokratie abbauen wollte, um die Wachstumskräfte zu steigern. Baerbock verwies darauf, dass die Grünen die Schuldenbremse nur "im Rahmen der europäischen Stabilitätskriterien lockern" wollten. Claudia Kemfert sprach sich stattdessen entschieden für staatliche Anschubinvestitionen "in Zukunftsmärkte" aus, dann werde der Markt schon folgen.

Verbot fossiler Verbrennungsmotoren: Während nach Plänen der Grünen ab 2030 nur noch emissionsfreie Autos zugelassen werden sollen, warnte der bayerische Ministerpräsident vor einem "Kleinkrieg" gegen das Auto. Baerbock verteidigte den Parteitagsbeschluss: Es gehe bei dieser "klaren Ansage" auch um "Planungssicherheit" für die Wirtschaft, darum, dass die Firmen wissen sollten, in welche Richtung sich Investitionen lohnten. "Das wird viele Tausend Arbeitsplätze kosten", prophezeite dagegen Lindner und warb dafür, synthetische Kraftstoffe zu fördern. Schließlich gebe es Verbrennungsmotoren, die sich mit Wasserstoff klimaneutral betreiben ließen. Wo dieser Wasserstoff denn herkommen solle, wandte Claudia Kemfert ein, aus Ökostrom? Im Pkw-Bereich sei die Methode "noch nicht wirtschaftlich", pflichtete ihr Baerbock bei. Söder indes gab den drolligen Schlichter: "Es sind ganz großartige Politiker hier im Raum, also gute, aber welche Technik sich am Weltmarkt durchsetzt, entscheiden nicht wir."

Die Überraschung des Abends: Er sei übrigens "gar nicht prinzipiell gegen Verbote", ließ Christian Lindner aufhorchen, zum Beispiel sei er für ein Verbot des Kükenschredderns. Im Falle des CO2-Ausstoßes aber beharrte er dann doch auf der reinen "Der Markt wird's regeln"-Lehre: Er befürworte zwar eine Obergrenze - dann aber müssten mündige Verbraucher und Unternehmer die Wege dahin suchen.

Die Autarkie-Diskussion des Abends: Es sei "eine Lebenslüge", zu glauben, "dass Deutschland energieautark sein könnte", stellte Lindner fest, woraufhin ihm Baerbock und Kemfert entgegenriefen, das glaube doch gar keiner. "Sie stellen Pappkameraden auf", warf ihm Baerbock vor, natürlich müsse man "den europäischen Energiemarkt gemeinsam denken". Warum also dann nicht "eine Infrastruktur für grünen Wasserstoff aus Südeuropa schaffen?", warf Lindner ein. Da witterte Söder die Gefahr einer Doppelmoral: in Deutschland auf sauberen Strom zu setzen, aber dann welchen dazuzukaufen, von dem man nicht wisse, wo er herkomme - vielleicht gar aus einem Ölheizkraftwerk aus Polen?

Die Windkraft-Debatte des Abends: Im letzten Drittel der Sendung ging es um Windkraft - auch anlässlich des aktuellen Gesetzentwurfs von Wirtschaftsminister Peter Altmaier, demzufolge der Mindestabstand von Windrädern zu Wohnhäusern 1000 Meter betragen muss. Hierzu war ein Windparkbetreiber als Betroffener geladen, der den Entwurf als "reine Katastrophe" bezeichnete, besonders im zersiedelten Schleswig-Holstein. Als Anne Will die Grünenchefin dazu fragte, dass ja auch die Brandenburger Grünen für den Abstand gestimmt hätten, geriet Baerbock kurz ins Schlingern, fing sich aber wieder: Es sei ein "kleiner feiner Unterschied", dass die 1000-Meter-Regel nicht für Gehöfte, sondern nur für Dörfer und Städte gelten dürfe. Da müsse der Altmaier-Entwurf korrigiert werden. Markus Söder dagegen wollte sich auf diese Debatte nicht recht einlassen und führte die bayerische Topografie an: "Wir haben Berg und Tal, bei uns pfeift der Wind nicht so gut durch." Dafür scheine in Bayern mehr die Sonne, weshalb die Fotovoltaik eine wichtigere Rolle spiele.

Der Regie-Hinweis des Abends: "Wir halten fest: Wir sind mitten in einer Spezialdiskussion über Windkraft", stellte ein sichtlich genervter FDP-Chef fest, diesen "Regie-Hinweis" erlaube er sich mal. Lindner, der lieber weiter über Autos geredet hätte, ging dann hart mit der Windkraft ins Gericht: Es werde "in großem Umfang Geisterstrom produziert", der gar nicht genutzt werde, weil Leitungen und Speicher fehlten. "Die windstille Nacht ist ein gewisses Problem", assistierte ihm Markus Söder, was Lindner aufnahm: Die "Dunkelflaute" sei ein "Riesenproblem". Anne Will fand dann trotzdem einen versöhnlichen Abschluss: "Wir haben heute sehr schöne Wörter gelernt."



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senfdazu66 18.11.2019
1. Die Diskussion
würde erheblich sachlicher und könnte zielführender werden, wenn alle Beteiligten sich mal mit den unumstößlichen wissenschaftlichen Grundlagen des Energieproblems befassen würden. Lesetipp dazu "Erneuerbare Energien ohne heiße Luft" von Holler und Gaukel, übrigens als kostenloses EBook erhältlich, also keine Schleichwerbung. Da wird ganz klar, dass die substantielle Reduktion von CO2 um 95% nur durch 1. massiven Ausbau von Fotovoltaik und Windkraft inkl. intelligenter und diversifizierter Speicher in allen verfügbaren Varianten, kombiniert mit 2. der Abkehr von fossiler Mobilität möglich ist. Dazu brauchen wir jetzt dringend konstruktive Pläne die auch konsequent umgesetzt werden. Alles andere ist Blabla Augenwischerei und bringt uns jeden Tag wärmeres Klima.
focuspuller 18.11.2019
2. Unsäglich
Kaum sitzt Herr Lindner in einer Talkshow, versucht er die Veranstaltung zu monopolisieren in hat bei schwachen Moderatoren oder Moderatorinnen, wie in diesem Fall Frau Will, auch Erfolg damit. Er weiß alles und in der Regel auch alles besser. Schaut man aber hinter die Kulisse dieses Getues bleibt nur die alte FDP Mär von den Unternehmern, die nur endlich weniger Steuern zahlen müssten, damit alles irgendwie besser würde. Vor allem für die Unternehmer, aber den Teil lässt Herr Lindner lieber weg, sonst könnte jemandem auffallen, dass die Einkommensentwicklung bei Löhnen noch düsterer aussieht als die vermeintliche Steuerlast der FDP-Klientel. Fakt bleibt: Wann immer es ernst zu werden droht und dem altklugen Geblubber echte Übernahme von Verantwortung droht, ducken sich Herr Lindner und seine Liberalen lieber weg oder schlagen sich unter Absingen fadenscheinigster Lieder seitwärts in die Büsche. So war das als der arme Herr Rösler plötzlich FDP-Vorsitzender werden und später als die arme SPD in die Regierung musste, weil Herr Lindner es nun mal vorzieht, an seinen Worten gemessen zu werden, denn an seinen Taten gemessen werden zu können. Ein Muster, das man zuletzt bei der Verantwortungsverweigerung dieser Lautsprecherpartei in Thüringen beobachten konnte. Aber für die staatstragende Show vor der nächsten Kamera reicht es allemal.
beobachter1000 18.11.2019
3. Frau Baerbock
hat einmal mehr die Oberflächlichkeit der Grünen demonstriert. Headlines die zunächst gut klingen werden leider handwerklich nicht richtig begleitet. Die Wasserstofftechnologie ist sicher eine der neuen Schlüsseltechnologie. Bei diesem Thema kann Baerbock dann nicht die Ruhe bewahren und muss ins Wort fallen. Entweder kennt Sie den Schwachpunkt Ihrer eigenen Beschlüsse genau oder Sie kann eine vernünftige Diskussion einfach nicht führen. Stromerzeugung und Speicherung sind wichtige Eckpunkte eines neuen Energiekonzeptes. Aber auch andere Technologie, die eine Zukunft darstellen können müssen im Wettbewerb die Chance zu einer Entwicklung bekommen. Der Weg in diese Richtung darf aber nicht von ideologischen Schranken und vermeintlich einfachen Lösungen der Politiker gezeichnet werden. Das funktioniert ebenso schlecht wie beispielsweise der Bau des Berliner Flughafens. Diese Wissenslücken bei den Grünen (und dies gerade in ihrem vermeintlichen Hauptthema) sind erschreckend und sind eine Parallele zu der Pendlerpauschale bei Habeck. Schönwettereden und dann wird nichts entscheidendes mehr kommen. Wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen, wird es mit Deutschland abwärts gehen. Gut gemeint ist eben nicht gut gemacht.
Heliumatmer 18.11.2019
4. typisch Lindner
Wasserstoff-Motoren. Der Herr sollte sich einmal vorher schlau machen. Was fehlt, sind sinnvolle Autos, max. 1000 kg, stadtgängig mit Reichweiten von vielleicht 400 km. Wasserstoff wird erst bei minus 253 Grad Celsius flüssig, selbst unter Druck ist er schwer zu verflüssigen. Außerdem entweicht er viel schneller als alle anderen Gase wie zum Beispiel Methan. Warum kein Methan-Auto (Erdgasauto) mit Methan-Rückgewinnung nach dem über 100 Jahre alten Sabatier-Prozes? Existiert alles schon seit Jahrzehnten. Der Bolidenwahn muss weg, dann wird vieles einfacher, auch weniger Tote in und außerhalb von Städten. BMW: Freude am Auffahren und Audi: Vorsprung durch Betrug, beide in Söders Land müssten halt ein bisschen sinnvoll umsteuern, ihr MP blinkt ja nur noch grün.
tinnytim 18.11.2019
5. Auf die Volllaststunden kommt es an
Habe die Sendung nicht gesehen (verspreche es, heute Abend nachzuholen), aber bei Energiethemen liegt man eigentlich immer richtig, wenn man das Gegenteil von dem annimmt, was laut Lindner und Söder der Wahrheit entspricht. Zunächst einmal ist es eine pure Lüge, dass es in Bayern keine guten Windenergiestandorte gibt. Da besagt der Bayerische Windatlas, nachzulesen auf der Seite des bayerischen Wirtschaftsministeriums, nämlich etwas anderes. Das einzige, was Windkraft in Bayern verhindert, sind die 10-H Abstandsregelung - und die Bürgerinitiativen von der St. Florians-Sekte. Zur Dunkelflaute: Die ist genausowenig ein Problem, wie die Tatsache, dass wir nachts weniger Strom verbrauchen als mittags. Um diesen schwankenden Verbrauch ausgleichen zu können, haben wir schon vor Jahren Gaskraftwerke und Pumpspeicherkraftwerke gebaut - beide Kraftwerksparks waren im letzten Jahrzehnt nicht einmal ansatzweise ein einziges Mal an der Belastbarkeitsgrenze. Für die Wirtschaftlichkeit eines Gaskraftwerks ist es schlicht egal, ob es täglich zur Spitzenlastzeit mittags umd abends läuft, wie es vor 20 Jahren der Fall war, oder eben mal 4 Tage durchläuft, weil es mit Wind und Sonne gerade mau aussieht. Das einzige, was zählt, sind die Anzahl der Jahresvolllaststunden.
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