Kultur

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"Anne Will" zu Kirche und Missbrauch

Himmel!

Nach dem Gipfel im Vatikan wollte Anne Will von ihren Gästen wissen: Wie entschlossen kämpft die Kirche gegen Missbrauch? Der Bischof in der Runde rettete sich in Phrasen - und ließ damit tief blicken.

Von Klaus Raab

NDR/Wolfgang Borrs

Moderatorin Will (3.v.r.) mit ihren Gästen

Montag, 25.02.2019   03:13 Uhr

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Ein Schlüsselmoment der Diskussion stand bevor, als die Redaktion ein Zitat des Hildesheimer Bischofs Heiner Wilmer einspielte: Der Missbrauch von Macht stecke "in der DNA der Kirche", hatte er gesagt - und das war erstaunlich deutlich für einen Kirchenmann. Doch wie sich Wilmers Trierer Kollege Stephan Ackermann nun bei "Anne Will" um eine Relativierung des Befunds bemühte, ließ tief blicken.

Die katholische Kirche, sagte er, bestehe aus Menschen, und damit auch aus "Menschen, die versuchbar sind, die Sünder sind". Mehr an Bestätigung aber war von ihm dazu nicht zu haben. Die Frage nach strukturellen Problemen, die das DNA-Bild aufwarf, dampfte er - oder wie sonst sollte man das deuten? - auf die Verfehlungen Einzelner ein, von denen es leider, leider überall welche gibt. Himmel!

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"Wie entschlossen kämpft die Kirche gegen Missbrauch?", wollte Anne Will nach dem viertägigen "Krisengipfel im Vatikan" von ihren Gästen wissen. Diese Passage ihres Talks gab eine Antwort: offensichtlich nicht entschlossen genug, wenn nicht einmal Ackermann, der als Beauftragter für Fragen des sexuellen Missbrauchs nicht für Schönwetter zuständig ist, klare Worte findet, sobald es ans Eingemachte geht.

Menschen, "die Sünder sind", ach Gottchen, ja: Matthias Katsch von der Betroffenenorganisation "Eckiger Tisch" schlug vor, von dieser "theologischen Sprache" wegzukommen. Gute Idee. Zumal sie sich im Kontext einer Fernsehtalkshow wie loci communes ausnahm, um es auch für traditionalistische Kleriker mal halbwegs verständlich zu formulieren: wie Phrasen.

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Agnes Wich war die einzige Frau unter den Gästen und eine weitere Opfervertreterin: Sie war als Kind selbst von einem Priester vergewaltigt worden. Bei Will argumentierte sie nun zweifelnd-wohlwollend, die Kirche sei erstmals bereit, "überhaupt hinzusehen", und das zumindest sei "interessant". Der Papst sei "dabei, Klarheit zu entwickeln" - eine treffende Formulierung, über die sie dann aber selbst lachte.

Katsch war in der Sache schärfer: Die katholische Kirche habe es binnen 30 Jahren der Missbrauchsdebatte nicht hingekriegt, "minimalste Standards in ihrem Recht zu schaffen". Die "Paralleljustiz" müsse ein Ende haben.

Zustimmung erfuhr er von Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion der "Süddeutschen Zeitung", der - sich selbst zitierend - von einer "Jahrtausendkrise" sprach, die eine "Jahrtausendreform" erfordere. Was der Papst in seiner Erklärung gesagt habe, seien Selbstverständlichkeiten: dass die Fälle verlässlich der Justiz übergeben werden müssten; dass nichts vertuscht werden dürfe. "Herr Bischof, ich bitte Sie, wo sind wir denn?"

Der angesprochene Stephan Ackermann war mit einem Dreischritt beschäftigt: 1) einräumen und verurteilen, 2) auf Erfolge der Aufarbeitung hinweisen, 3) noch längst nicht zufrieden sein. Es gebe in der Weltkirche "eine Lerngeschichte", aber auch "Widerstände", sagte er. Der Papst habe beim Gipfel aber klar gemacht, dass die Aufarbeitung in eine "größere Kultur" eingebettet werden müsse. Allerdings, ja: "Eine Art To-do-Liste, das hätte ich mir auch stärker erwartet."

Ans "Fundament", wie es Prantl nannte, gingen aber andere. Er selbst zum Beispiel: "Die ganz großen Fragen - die Sexualmoral, der Zölibat - werden nicht angesprochen." Es gehe nicht um eine neue Kontrollbehörde, sagte er. Man müsse über die patriarchale Macht der Kirche reden.

War der Gipfel im Vatikan also "Wendepunkt oder Fiasko", fragte Will. Johannes-Wilhelm Rörig, der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, wollte sich noch nicht festlegen. Dass innerhalb von vier Tagen das Kirchenrecht verändert wird, habe er sich eh nicht vorstellen können, sagte er. Es komme nun darauf an, wie der weitere "Fahrplan" aussehe - ein Wording, das man zuletzt während eines Konflikts der Großen Koalition in den Talkshows vernommen hat.

Dass die Kirche den Eindruck vermittelt, es gehe eher um den Aushang eines Fahrplans als um die Vermeidung von Verspätungen, monierten freilich einige in der Runde. Man müsse jetzt handeln, schon damit es nicht noch mehr Opfer gebe. Die Staatengemeinschaft müsse sich einmischen, sagte Matthias Katsch. Er war es auch, der, was die Gipfelergebnisse angeht, die entscheidende Glaubensfrage formulierte: Erklärungen wie die jüngste des Papstes "haben wir zuhauf gehört in den letzten sechs Jahren", sagte er. "Warum sollte ich dem glauben, wenn keine Taten folgen?"

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