"Anne Will" zu Strache-Video Streit über Rechte

Anne Will plante spontan um und diskutierte mit den deutschen Spitzenkandidaten für die Europawahl über die Ibiza-Affäre. Ein Gast riss den Talk mit kleinen Boshaftigkeiten an sich.
Von Klaus Raab
Moderatorin Will (3.v.r.) mit ihren Gästen: "Neuwahlen in Österreich - Dämpfer für die europäische Rechte?"

Moderatorin Will (3.v.r.) mit ihren Gästen: "Neuwahlen in Österreich - Dämpfer für die europäische Rechte?"

Foto: NDR/Wolfgang Borrs

Gegen Ende der Sendung schien Katarina Barley den Eindruck zu haben, dass die Diskussion nicht sonderlich günstig lief. Schon wieder wirke es, als gebe es auf der einen Seite mehrere Parteien, die alle gleich seien, sagte die SPD-Politikerin. Und auf der anderen Seite die AfD als einzige, die sich unterscheide. Ungut, fand Barley: "Es gibt gravierende Unterschiede zwischen den demokratischen Parteien", etwa was "Regelungen für Steuergerechtigkeit in Europa" betreffe. Das soziale Europa, das sich die SPD vorstelle, sei ein völlig anderes als das der Union.

Aber Steuergerechtigkeit, tja, darum ging es eben nicht. Die "Anne Will"-Redaktion hatte deutsche Spitzenkandidaten für die Europawahl eingeladen: Barley von der SPD, Ska Keller von den Grünen, Jörg Meuthen von der AfD und Manfred Weber von der CSU. Über Klimapolitik hatte man eigentlich reden wollen. Dann aber kam das "politische Erdbeben" (Will) dazwischen, das Österreich erfasst hat, nachdem der SPIEGEL und die "Süddeutsche Zeitung" über Videoaufnahmen berichtet hatten, die die politischen Karrieren von FPÖ-Chef und Vizekanzler Heinz-Christian Strache und von FPÖ-Fraktionschef Johann Gudenus beendet haben dürften.

"Neuwahlen in Österreich - Dämpfer für die europäische Rechte?" war also das neue Thema bei "Anne Will". Es lag nahe, darüber zu sprechen. Die Frage ist nur, ob es nahe lag, es in dieser Besetzung zu tun.

Video: Wie der SPIEGEL das Strache-Video überprüft hat

DER SPIEGEL

Der SPIEGEL-Journalist Martin Knobbe, der mit den Recherchen befasst ist, wurde kurzfristig in die Runde geholt. Aber ansonsten saßen da vier deutsche Politiker im Wahlkampf, die über "die europäische Rechte" diskutierten. Was konnte da herauskommen? Drei distanzierten sich, die einen mehr, die anderen weniger. Und einer tat so, als sei er das Opfer.

Meuthen, der durch die Themenänderung zum Protagonisten des Talks wurde, hatte sich eine einfache Verteidigungslinie überlegt. Was Strache und sein Kompagnon sich geleistet hätten, sei "ein kapitales Fehlverhalten", sagte er, das sei "völlig offensichtlich" - aber eben "singulär". Mit der AfD habe das "ganz gewiss gar nichts zu tun". Da sei nicht die FPÖ am Werk gewesen, die er nach wie vor "unsere Schwesterpartei in Österreich" nannte, sondern nur einzelne Mitglieder.

Nun war Strache kein Hinterbänkler, sondern der langjährige Parteichef und Vizekanzler. Das überging Meuthen aber großzügig. Und weitere Kommentare ließ er einfach abprallen. Anne Wills Anmerkung etwa, Straches Verhalten zeige Muster, die, "ganz ehrlich", auf "die versammelte europäische Rechte passen" würden - da tat Meuthen einfach, als wäre er ein Spiegel: "Wie das auf die versammelte europäische Rechte passen soll, bleibt Ihr Geheimnis." Die Verachtung demokratischer Institutionen, sogenannter etablierter Parteien und von Journalisten - die sei doch nicht singulär, sagte Will; dass er den öffentlich-rechtlichen Rundfunk verteidige, habe sie bislang jedenfalls nicht bemerkt.

Sie versuchte also, Meuthen zu stellen - aber sie versuchte es nicht präzise genug. Und er pickte sich dann einfach den Ball heraus, den er aufnehmen wollte. Diesen nahm er einfach volley: "Das öffentlich-rechtliche System ist faul bis ins Mark."

Durften die Videosequenzen veröffentlicht werden?

Zwei Fragen gab es, die recht ausführlich besprochen wurden. Erstens: Durften die Videosequenzen veröffentlicht werden? Martin Knobbe bejahte und begründete das mit der Relevanz des Inhalts. Drei der vier anderen Gäste zweifelten daran auch nicht. Und zweitens: Wo ist im Umgang mit der europäischen Rechten die rote Linie? Dazu gab es dezidiert unterschiedliche Auffassungen zwischen den Politikern. Aber die Frage allein schuf eine Front, die Jörg Meuthen sich zunutze machte.

Manfred Weber verteidigte Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz, ÖVP, der mit der FPÖ nur deshalb koaliert habe, weil sich die Sozialdemokraten verweigert hätten; am Wochenende aber habe er nun die "Trennlinie klar gezogen". Ska Keller dagegen sagte: "Sebastian Kurz tut so, als sei er das Opfer, aber das ist er nicht." Er habe die FPÖ salonfähig gemacht und ihr Regierungsverantwortung übergeben. Und Katarina Barley kritisierte, dass Webers CSU "jedes Jahr" Viktor Orbán eingeladen habe, der die Unabhängigkeit der Justiz abgeschafft, die Pressefreiheit heruntergewirtschaftet und die kritische Kultur niedergemacht habe. Da stritten sich drei also darüber, wo "die europäische Rechte" beginnt und wie man ihr begegnen solle.

Und Meuthen? Riss den Talk mit ständigen Kommentaren und kleinen Boshaftigkeiten an sich. Weber kenne den Unterschied zwischen "Europa" und der "EU" nicht, behauptete er. Über Menschen, die Dinge wollen, die seine Partei nicht will, sagte er, es gebe halt "immer ein paar Verstrahlte". Und als Ska Keller einen recht abstrakten Vortrag darüber hielt, dass "die Strategie der Einbindung" rechtsnationaler Kräfte nicht funktioniere, der Anne Will zu einer ratlosen Nachfrage animierte, setzte Meuthen zu einer Lästerei über die Grüne an.

Da reichte es Will: "Was soll das, Herr Meuthen? Ein bisschen respektvoller könnten Sie zuhören." Dann packte er den nächsten Wahlkampfschlager aus, der bei den AfD-Fans in den sozialen Netzwerken so gut ankommt - und warf Brüssel Bevormundung vor.

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