"Anne Will" zum G20-Gipfel Erst Störung, dann Wiederholung

Das Spannendste war die rund zehnminütige Bildstörung: Bei "Anne Will" ging es um die Bilanz des G20-Gipfels. Hamburgs Bürgermeister Scholz hielt an seiner Verteidigungsstrategie fest. Aber es gab auch erneute Vorwürfe.

NDR/Wolfgang Borrs

Wenn man sich als zermürbter Hamburger - oder einfach als interessierter Zuschauer - Antworten von der Anne-Will-Sendung zum Thema "G20-Bilanz, war es das wert?" erhoffte, wurde man gleich auf mehrere Arten enttäuscht. Nicht nur gaben die Gäste, unter ihnen auch Hamburgs erster Bürgermeister Olaf Scholz (SPD), keine befriedigenden Antworten, selbst die Unbefriedigenden bekam man nicht zu hören, weil nach wenigen Sendeminuten für lange Zeit nur ein Störungsbild im Ersten zu sehen war.

Noch unter dem Einfluss der gewalttätigen Bilder der vergangenen Tage hatte man irgendwie sofort den Verdacht, der schwarze Block hätte, ungehindert von der Polizei, die Sendestation gestürmt. War natürlich nicht so. Das Publikum fand auf Twitter einen witzigen bis hämischen Umgang mit der Störung. Es ist ja inzwischen eh so, dass Twittern über "Anne Will" mitunter sehr viel interessanter ist, als "Anne Will".

Vor der Störung hatte die Moderatorin zunächst Scholz mit den Zitaten konfrontiert, die ihm in Hamburg schon seit Tagen um die Ohren gehauen werden. "Es wird Leute geben, die sich am 9. Juli wundern werden, dass der Gipfel schon vorbei ist", hatte er gesagt und: "Wir richten ja auch jährlich den Hafengeburtstag aus."

Dann ließ Will noch Jan Reinecke zu Wort kommen, Hamburger Landesvorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter. Der machte klar, dass die Polizei von Anfang an keine Chance gehabt hätte. Damit sei sie in "ein Dilemma geraten, das so nicht zu stemmen war". Mitunter sei die Polizei nicht rechtzeitig vor Ort gewesen, weil sie zum Schutz der Politiker und Diplomaten abgestellt gewesen war. Es habe also eine klare Hierarchie gegeben zwischen dem Schutz der Gipfelteilnehmer und dem Schutz der Bürger.

Scholz teilte diese Einschätzung nicht, erklärte, dass sein Zitat mit dem Hafengeburtstag aus dem Zusammenhang gerissen sei (da sei es konkret um den Verkehr gegangen) - und wiederholte dann, was er schon die ganze Zeit sagte. Die Polizisten hätten gute Arbeit geleistet, und die Täter müssten hart bestraft werden. Dass die Sicherheit der Gipfelteilnehmer wichtiger gewesen sei als die der Hamburger Bürger, wollte er nicht gelten lassen - auch nicht, nachdem Will ihm ein Zitat des Polizeipräsidenten vorlegte: "Wir haben immer gesagt, wenn es in der Peripherie zu Sachbeschädigungen kommt, dann muss man das auch teilweise hinnehmen, um den Zweck zu erreichen, nämlich den Gipfel zu schützen."

Fotostrecke

6  Bilder
"Anne Will" zum G20-Gipfel: Kein Rücktritt, keine Fehler

Scholz blieb dabei, es habe niemals an "Kapazitäten und Fähigkeiten" gefehlt. Der Bürgermeister schaffte es, wie schon Polizei-Einsatzleiter Hartmut Dudde bei einer Pressekonferenz am Sonntag, mit seiner Argumentation sinngemäß Folgendes zu sagen: Wir waren auf alles vorbereitet, aber damit konnten wir nicht rechnen.

Ein Rücktritt, wie von der Hamburger CDU-Bürgerschaftsfraktion gefordert, kommt für ihn nicht infrage. Ob er darüber nachdenke, wollte Will wissen. "Nein, das tue ich nicht."

Dann sollte Kanzleramtschef Peter Altmaier (CDU) stellvertretend für Angela Merkel, erklären, was der Gipfel denn so gebracht hätte, schließlich war es die Kanzlerin gewesen, die nach Hamburg geladen hatte. Die Signalstörung kam dazwischen. Als Will wieder auf Sendung war, berichtete Altmaier gerade von den schockierenden Videos, die es im Netz vom schwarzen Block zu sehen gebe. Besondere Erwähnung bekamen die angereisten Autonomen aus Italien und Frankreich. Er kam zu dem Schluss: "Man hätte das Problem in jeder anderen Stadt auch so gehabt."

Dann war die Sendung dort, wo sie nie und nimmer hätte hinkommen dürfen

An dieser Stelle hätte man die sehr naheliegende Frage stellen können: Muss es denn überhaupt eine Stadt sein? Und vor allem eine, mit einer ausgeprägten und aktiven linken Szene? Und ausgerechnet eine, in der das Messezentrum mitten in der Stadt liegt und nicht am Rand, wo Messehallen normalerweise hingehören. Man kann das sicherlich unterschiedlich sehen, aber eine echte Debatte hätte interessant werden können.

Geschenkt. Will fragte hingegen den früheren US-Botschafter John Kornblum, ob der G20-Gipfel eine zu große Inszenierung sei. Kornblum antwortete lieber auf die Frage, die er sich selbst stellte: "Ist diese Art multilateraler Diplomatie am Ende?" Er glaubt, Ja. Und dann war die Sendung dort, wo sie nie und nimmer hätte hinkommen dürfen. Bei der Frage, was denn der Sinn und Zweck von G20 sei. Sicher eine unglaublich wichtige Frage, aber eine, die man am besten vorher geklärt hätte.

In dieser Diskussion durfte dann jeder Studiogast noch mal seine zugesprochene Rolle erfüllen. Kornblum bedauert das herrschende Verständnis von Diplomatie, die Politiker Scholz und Altmaier verteidigen das Konzept der G20, den informellen Raum, den die Gipfel bieten. Journalist Georg Restle erklärte G20 als Format für gescheitert und Katrin Göring-Eckardt von den Grünen sagt etwas zum Klimawandel.

Dass die Diskussion so zerfranste, kam vor allem Scholz entgegen. Er steht unter dem größten Rechtfertigungsdruck. Wie hieß es noch auf einem Banner, das Bewohner in Hamburg am Sonntag über ihren Balkon hängten? "Herr Scholz, wir müssen reden." Bei Anne Will war es jedenfalls noch nicht so weit.

insgesamt 84 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
all-about-mindset 10.07.2017
1. Anne Will und aehnliche Shows
Unnoetig wie ein Kropf - schon lang. Mittelverwendung meiner Gebuehren eine Ungehoerigkeit. Und immer wieder Mr Kornblum. Bringt keinen Zuwachs an QualitaetsInfo.
post.scriptum 10.07.2017
2. Das Beste bei Anne Will ...
... war zweifelsfrei die Störung, ansonsten war die Sendung angesichts der handzahm verlesenen Gäste, wie Altmaier, eine Zumutung. Scholz, der sein fulminantes Versagen auf bekannte Art und Weise rechtfertigte, fand lediglich in dem Monitor-Redakteur Restle ein gewisses Pendant, der den treffensten Satz des Abends brachte, dass nämlich die G20 auf den Müllhaufen der Geschichte gehörten. Wie wahr. Fazit: Wir brauchen die überteure und vom Zwangsbeitragszahler finanzierte Anne-Will-Sendung ebenso wenig, wie die Hamburger ihren Bürgermeister Scholz, der wohl aus Großmannsucht den Gipfel in der Hansestadt ausrichten ließ und der Stadt mit seinem kläglichen Scheitern über viele Jahre den Ruf ruinierte.
reineralex 10.07.2017
3. öffentlich rechtliches "Qualitätsfernsehen" ?
Es kommt immer wieder vor, dass die diversen Talkshows in der ARD kritisiert werden. Liegt vielleicht daran, dass Moderatoren und auch Redaktionen sich wichtiger nehmen, als gesund ist. Wie bei der Krimiflut (auch beim ZDF), hat die Qualität beim "Talk" deutlich nachgelassen. Dabei müsste Qualität bei den gebührenfinanzierten Sendern doch oberste Priorität haben, sollte...
lanzarot 10.07.2017
4. Anne Will
Anne Will als Moderatorin ist für mich eine Fehlbesetzung. Sie stellt keine Fragen, sie verhört. Als wäre sie der Generalstaatsanwalt beim Verhör eines Delinquenten.
juergen_sauer 10.07.2017
5. Olaf Scholz
Wo war Olaf Scholz in den Stunden der Gewalt und des Terrors in der Schanze und in den Vororten Hamburgs? Auf alle Fälle nicht an der Seite der Bürger- und Bürgerinnen. Kein Apell an die Vemummten, keinerlei Beistand über TV, Rundfunk oder den sozialen Medien. Stattdessen ein verwackeltes " das konnten wir so nicht erwarten" - Selfie aus den Katakomben der Elbphilhamonie zwischen Aufführung und feinem Diner. Man hätte, wie einst Helmut Schmidt in der Stunde der Not, erwarten können das er sich als erster Mann Hamburgs auch entsprechend gebärt und sich nicht wegduckt. Im Übrigen lügt Olaf Scholz wenn er sagt das keine Unterscheidung zwischen den Koferenzteilnehmern und den Hamburger Bürgern gab. Weit und breit keine Polizei bei den Ausschreitungen der marodierenden Bastarde am Freitag morgen zwischen Elbchaussee und Große Bergstrasse. Nachdem das in einer Stadthauswohnung gelegene Konsulat der Mongolei mit Steinwürfen durch Fensterscheiben attackiertwurde, und ein Mitarbeiter dieses Konsulates den Notruf wählte, bekam er nur gesagt das er sich jetzt selber schützen müsse, es gäbe gerade keine Kapazitäten. Mit seinem Verhalten ist damit für mich Olaf Scholz als Bürgermeister der Stadt nicht mehr tragbar.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.