Dokumentation »Jud Süß 2.0« Antisemitismus – ein hartnäckiges Virus

Ein Arte-Film zeigt, wie Antisemitismus heute in Chiffren wie »Weltbank« oder »Rothschild« Verbreitung findet. Sogar der Judenstern ist zurück.
Antisemitische Darstellungen von Juden aus dem Arthur Langerman Archiv in Berlin: Unheimlich, gebeugt, mit Hakennase

Antisemitische Darstellungen von Juden aus dem Arthur Langerman Archiv in Berlin: Unheimlich, gebeugt, mit Hakennase

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Die »Harry Potter«-Reihe hat mit »Jud Süß« nichts gemeinsam. Und doch gibt es etwas, das die kinderfreundliche Saga von J.K. Rowling mit dem judenfeindlichen Film von Veit Harlan auf unheimliche Weise verbindet. Es geht, worauf auch der US-Satiriker Jon Stewart unlängst hingewiesen hat, um die von Kobolden geführte Bank der Zauberer.

In der Verfilmung erscheinen die geschäftstüchtigen Betreiber des Geldinstituts so, als hätte Joseph Goebbels die Besetzung persönlich abgesegnet. Sie sind unheimlich, gebeugt, mit Hakennasen und dubiosen Absichten. Es sind Kobolde, keine Juden. Und doch wird hier ein Bild aufgerufen, das im öffentlichen Bewusstsein so tief verwurzelt ist, dass man es mühe- und gedankenlos »anzitieren« kann, wie Lea Wohl von Haselberg es ausdrückt.

Die Medienwissenschaftlerin gehört zu einer ganzen Reihe von Gewährsleuten, die Filmemacher Felix Möller für »Jud Süß 2.0« befragt hat. Die Dokumentation ist eine erhellende Studie über das Wesen und Weiterwirken antisemitischer Stereotype – von deren Hochzeit während des Nationalsozialismus bis zu ihrer aktuellen Hochkonjunktur in den, ach!, so sozialen Medien.

Befehl von Heinrich Himmler zum Film »Jud Süß« von Regisseur Veit Harlan (1940): Propaganda als Pflichtprogramm

Befehl von Heinrich Himmler zum Film »Jud Süß« von Regisseur Veit Harlan (1940): Propaganda als Pflichtprogramm

Foto: Arte

Vorgestellt als Höhepunkt der Hetze wird »Jud Süß« von 1940, in Auftrag gegeben von der Reichsregierung und auf perfide Weise durchdrungen vom Motiv des wandernden, gierigen Juden als Fremdkörper. Auf persönliche Veranlassung von Hitler noch konkreter wurde »Der ewige Jude«.

Im Gewand einer Dokumentation zum »Problem des Weltjudentums«, so der Untertitel des Machwerks von ebenfalls 1940, wurden da schon nach wenigen Minuten sogar die Kinder ins Visier genommen. Sie seien, so der suggestive O-Ton, »stolz darauf, es wie die Großen tun« und also schachern zu können, denn: »Über dieser Jugend steht kein Idealismus wie über der unsrigen«.

Toxische Wirkung

Über 400 solcher historischer »Vorbehaltsfilme« werden von der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung in Wiesbaden verwahrt. Deren Leiterin, Christiane von Wahlert, misst ihnen eine so toxische Wirkung bei, dass die nicht unkommentiert ausgestrahlt oder aufgeführt werden können – darunter sogar Kinderfilme wie eine Zeichentrickversion von »Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt«, einem Gedicht von Friedrich Rückert, in dem ein Jude durch den Wald schleicht, »mit Sack und großem Bart«.

Ideologischer Sondermüll, der teilweise abnorme Verbreitung fand. Allein für »Jud Süß« wurden damals europaweit bis zu 40 Millionen Eintrittskarten verkauft – auch im bald besetzten Frankreich, wo der deutsche Antisemitismus nahtlos an den französischen anschließen konnte.

Gerüchte von Dämonen und andere Scheußlichkeiten

Auf diese Kontinuität weist der Historiker Jean-Marc Dreyfus hin, wie auch auf Motive der Dämonisierung, wie sie seit dem Mittelalter in Umlauf und in den Zwanzigerjahren wieder aufgenommen und modernisiert wurden: mit Juden als Geier, Wölfe, Spinnen, Würmer, Ratten, Kraken dargestellt.

Ein Verdienst von »Jud Süß 2.0« ist es, die Aktualisierung dieser Scheußlichkeiten sinnlich erfahrbar zu machen. Was früher Erzählungen, Postkarten oder Spazierstöcke mit »jüdischer« Hakennase waren, sind heute Memes und Codes im Internet. »Antisemitismus ist«, schrieb Adorno, »das Gerücht über die Juden«. Dessen Verbreitung ist nicht nur ungebremst, sie hat sich noch beschleunigt.

Judenfeindliche Online-Radikalisierung mündet teilweise auch in physische Gewalt wie etwa den Anschlag auf die Synagoge in Halle 2019

Judenfeindliche Online-Radikalisierung mündet teilweise auch in physische Gewalt wie etwa den Anschlag auf die Synagoge in Halle 2019

Foto: Arte

Die Rede ist dann vom »Happy Merchant«, dem sich die Hände reibenden Geschäftsmann, von »Globalisten« als Profiteuren der Globalisierung – oder von »Kosmopoliten«, von deren angeblich krakenhafter Ausbreitung in einer hübschen Schnittfolge über Hitler und Harlan letztlich auch Björn Höcke stammelt; bis hin, übrigens, zu einer befürchteten »Verflüssigung aller Strukturen«, frei nach Klaus Theweleit. Wer sich noch fragte, warum man den AfD-Politiker einen Antisemiten nennen darf, findet hier eine Erklärung.

Nicht nur exponierte Politiker wie Höcke oder auch Viktor Orbán, auch das Fußvolk der Rassisten redet in seinen Foren und Chatgruppen unablässig über »den Juden« – bisweilen, ohne das Wort nur zu erwähnen. Es genügen Chiffren wie Wall Street, Kulturmarxismus, Freimaurer, Weltbank, Bilderberger, Rothschild, Medien, Soros, LGBTQ oder der »Bevölkerungsaustausch«. Die Vervielfältigung des antisemitischen Geschwätzes im Netz veranschaulicht Möller, indem er einzelne Seiten sich immer wieder teilen lässt, bis da nur noch eine Wand aus antisemitischen Pixeln steht.

Stereotype von NS-Filmen wie »Jud Süß«: in Klischees wie dem »Globalisten« oder dem »Happy Merchant« wirken sie bis heute fort

Stereotype von NS-Filmen wie »Jud Süß«: in Klischees wie dem »Globalisten« oder dem »Happy Merchant« wirken sie bis heute fort

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Antisemitismus dockt, wie ein hartnäckiges Virus, an jede beliebige Situation an. Gegenwärtig ist es Corona. Juden stecken entweder hinter dem Virus oder der Pharmaindustrie, bestenfalls beides, wollen wahlweise die Menschheit mit Injektionen vergiften oder damit ihren Reibach machen. In einer besonders dreisten Volte identifizieren sich radikale Impfgegner mit den Juden, viktimisieren sich selbst. Und da ist er dann wieder auf den Straßen zu sehen: der Judenstern.

»Jud Süß 2.0« beleuchtet nicht nur die Kontinuitäten, erhellt nicht nur die Aktualität des Themas. Der Film vermittelt auch eine Ahnung vom bedrohlichen Ausmaß, den eine zu Myriaden von Kleinstkanälen granulierte Hetze inzwischen angenommen hat. Ohne übrigens, auch das ist der Dokumentation hoch anzurechnen, den Antisemitismus eindeutig einem politischen Lager zuzuordnen.

Aus der Geschichte, lernt man hier, ziehen allzu gerne die falschen Leute ihre Schlüsse. Und sie ist nie vorbei.

»Jud Süß 2.0«. Dienstag, 25. Januar, 22.40 Uhr, Arte – und in der Arte-Mediathek .