Streaming So gut (und so schlecht) sind die Serien von Apple TV+

Erst blieb das Bild schwarz, auch sonst bietet Apple TV+ nicht viel Komfort. Dafür präsentieren sich viele Serien des neuen Streamingdiensts engagiert in gesellschaftspolitischen Diskursen - Totalausfälle sind aber auch dabei.

"The Morning Show": In der Apple-Serie spielen Jennifer Aniston und Steve Carell Hauptrollen
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"The Morning Show": In der Apple-Serie spielen Jennifer Aniston und Steve Carell Hauptrollen

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Binge-Watching in der neuen Welt von Apple TV+ entpuppte sich am Wochenende zunächst als großes Geduldspiel: Wer über eine Apple-TV-Box auf seinem Fernseher schauen wollte, sah zunächst kaum bunte Bilder, sondern über weite Strecken einen schwarzen Bildschirm mit einem sich drehenden Ball, diesem verwünschenswerten Symbol technischer Unzulänglichkeit. Es gab nervtötend lange Ladezeiten, Untertitel, die konsequent asynchron zum Ton angezeigt wurden. Und die Textkarte "Beim Laden ist ein Fehler aufgetreten" wurde zum ständigen Begleiter des geplanten Serienmarathons.

Auf einem iPad lief die Apple TV+-App, in der die neuen Inhalte gesammelt sind, wesentlich runder. Aber auf von anderen Anbietern gewohnten Komfort müssen Zuschauer auch hier verzichten: Kein direkter Übergang von einer Episode zur nächsten, keine Möglichkeit, das Intro zu überspringen, keine "Wiedergabe fortsetzen"-Funktion. Und bei Serien, für die wöchentlich neue Episoden freigeschaltet werden, fehlen Angaben dazu, wie viele Folgen eine Staffel überhaupt umfasst.

Der niedrige Abo-Preis macht Sinn

Sechs Milliarden Dollar soll Apple für seinen Service bisher ausgegeben haben, und doch muss man sich fragen, wie ernst der Konzern seine Fernsehsparte bisher nimmt. Nicht nur wegen der noch freudlosen und fehlerhaften technischen Umsetzung. Das dürften Kinderkrankheiten sein, die hoffentlich schnell behoben sind. Aber der staunenswert niedrige Abo-Preis von 4,99 Euro im Monat macht rückblickend Sinn: Es gibt bei Apple TV+ einfach noch nicht viel zu sehen, sieben Serien (drei davon für Kinder) und eine Doku - mehr kann Apple für dieses schmale Programm kaum verlangen.

Immerhin ist die Content-Abteilung des Konzerns mittlerweile deutlich weiter als noch 2017. Da produzierte er seine erste Serie, die Contest-Show "Planet of the Apps", die lustvoll von der Kritik zerrissen wurde (Zitat aus der "Variety" dazu: "Die Idee muss auf einer Cocktailparty entstanden sein, nachdem diverse Mojitos geleert waren"). Kurz darauf warb Apple die Manager Jamie Erlicht und Zack Van Amburg von Sony Pictures Television ab, die mit der ernsthaften Entwicklung von neuen Inhalten begannen.

In welche Richtung die gehen sollte, blieb dennoch lange unklar. Apple-CEO Tim Cook ist bekannt dafür, stets besorgt über das saubere Apple-Image zu wachen. Sex, Gewalt und politische Stellungnahmen sind eigentlich unerwünscht. Das mag funktionieren, wenn es um Wetter-Apps und Kartenprogramme geht. Will man eigene Serien präsentieren, die von der Welt erzählen, in der Apple-User leben, ist die Sache nicht mehr so eindeutig. Bei der geplanten Hip-Hop-Serie "Vital Signs", die lose das Leben von Dr. Dre nacherzählen sollte, ließ Cook jedenfalls den Stöpsel ziehen. Zu viele Schimpfwörter, zu viele Drogen, zu viel Beischlaf.

Umso erstaunlicher ist es, wie politisch wach sich die jetzt veröffentlichten Apple-Serien präsentieren. Erlicht und Van Amburg scheinen der Konzernführung klar gemacht zu haben, dass sich moderne Serienerzählungen der Welt zuwenden müssen, dass sich in einem Zeitalter der Konfrontation, Segmentierung und gesellschaftlichen Spaltung kein Blumentopf mehr mit Feelgood-Eskapismus und großen Stars gewinnen lässt - erst recht nicht bei der Zielgruppe des Konzerns, den gut gebildeten Eliten.

Am offensichtlichsten folgt der Vorzeigezehnteiler "The Morning Show" politisierten Serienvorbildern wie "Succession" und "The Loudest Voice": Die Reihe mit Jennifer Aniston und Reese Witherspoon ist eine Mediensatire und epische Hinter-den-Kulissen-Schlacht auf dem gesellschaftlichen Minenfeld von #MeToo. Auch in den anderen Serien finden sich reichlich Beispiele für eine politisch liberale Agenda, sogar bei den kettenrauchenden und keinem Herrengedeck abgeneigten Astronauten-Machos aus der Weltraum-Saga "For All Mankind". (Kurzbesprechungen zu allen Apple-Serien finden Sie in der Fotostrecke am Textende.)

Einiges deutet darauf hin, dass Apple diesen Weg fortsetzen wird. Zu den Projekten in der Pipeline zählt etwa ein noch unbetitelter Mehrteiler über die wahre Geschichte einer Undercover-Agentin der CIA, die Hauptrolle wird Brie Larson ("Captain Marvel") spielen; eine zehnteilige Verfilmung des Bestsellers "Shantaram" über einen Australier, der in einem Slum in Bombay lebt; und die Romanverfilmung "Ein einfaches Leben", die auf Koreanisch, Japanisch und Englisch gedreht wird.

In das von Tom Hanks und Steven Spielberg produzierte Kriegsepos "Masters of the Air" will Apple sagenhafte 250 Millionen Dollar stecken und sogar ein eigenes Studio gründen, in dem künftig weitere Serien gedreht werden sollen. Sieht nicht so aus, als würde Apple seine Seriensparte nur als Hobby betreiben.

Sehen und lesen Sie hier, welche Inhalte Apple TV+ bisher bietet - und wie gut (oder schlecht) sie sind.



insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
dschulzehh 04.11.2019
1. Schwer zu glauben..
.. das Apple das so versemmelt. vielleicht sollte man sich das nochmal in 2 oder 3 jahren anschauen, wenn es das dann noch gibt
TheRealAsh 04.11.2019
2. Ausbaufähig
Bei mir hat interessanterweise alles über Apple TV geklappt und es gab keine Ausfälle. Den 7-tägigen-Testzeitraum werde ich erstmal geplant beenden, da ich alles, was mich interessiert hat, gesehen habe. "The Morning Show" hat mich positiv überrascht, ist zwar nicht Aaron Sorkin mit "The Newsroom", aber vielleicht ist das auch ganz gut, starke Frauen und ein Twist, der mich weiter am Ball bleiben lässt. "See" persönlich fand ich überraschenderweise gut, da hier der Spagat zwischen dem beliebten Lied aus Feuer und Eis mit einer postapokalyptischen Prämisse gepaart wurde, die ich visuell grandios fand und inhaltlich spannend, eben eigentlich nicht das alte Lied. "Dickinson" geht glaube ich einfach an eine andere Zielgruppe. Ich begrüße es immer, wenn sich visionäre Dichterinnen postum in neuem Gewand an junge Menschen widmen, um letztlich ihre Gedanken in einer neuen Generation aufleben zu lassen. Ich warte aber zunächst ab, wann ich mein Abo erneuere;-)
Migli 04.11.2019
3. Derzeitige Lieblingsserie ist...
... "For all Mankind". Ist wirklich gut. Gerade auch für Freunde des Apollo-Programms und der NASA. Und der Patriotismus ist nicht so schlimm, wie im Artikel geschrieben. Immerhin spielt die Geschichte Ende der 60er mitten im kalten Krieg. Eine tolles Gedankenspiel: Was wäre passiert, wenn die Russen nicht nur den ersten Menschen, sondern auch die erste Frau auf den Mond gebracht hätte? Wie hätte das die Geschichte verändert - kann man hier sehen!
Kasob 04.11.2019
4. Zielgruppe
Aha die Zielgruppe von Apple sind die gebildeten Eliten. Gut zu wissen. Diese Elite lässt sich Ihre Geräte von der 3 Welt zudammenschrauben.
tomerl 05.11.2019
5. Total versemmeltes Marketing
Nur 4,99 im Monat für sieben Serien (drei davon für Kinder) und eine Doku? Das ist zu billig. Und was nichts kostet, taugt doch nix. Die Apple-Fangemeinde zahlt dafür doch viel lieber 49,90. Es ist doch von Apple und deshalb speziell, nicht wahr?
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