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Putin und die Medien: Gefährliche Tuchfühlung

Foto: NDR/ cinecentrum

ARD-Doku über Putin "Spielen wir doch Demokratie gegen Diktatur"

Wer mit einem Machtpolitiker wie Wladimir Putin Billard spielt, kann schnell in einem Kampf der Gesellschaftssysteme landen: Für seine ARD-Doku "Ich, Putin" ist Hubert Seipel dem Russen sehr nahe gekommen. Im Interview spricht der renommierte Filmemacher über den gefährlichen Charme des Mannes.

Von den Medien hält der russische Machthaber Wladimir Putin nicht viel. Journalisten seien korrupt, Interviews ihm ein Greuel. Doch den deutschen Fernsehjournalisten Hubert Seipel ließ er ausnahmsweise ganz dicht an sich heran. Die Dokumentation "Ich, Putin", die am Montagabend in der ARD läuft, ist eine aufsehenerregende Nahaufnahme des mächtigsten Mannes Russlands. Im Interview erläutert Seipel, wie man sich einem Charismatiker wie Putin nähert - ohne ihm zu verfallen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Seipel, für Ihren Film sind Sie so nah an Putin herangekommen wie vor Ihnen kein anderer Fernsehjournalist. Wie kam der Draht zustande?

Seipel: Ich habe vor drei Jahren einen Film über Gazprom gemacht, da hatte ich die Idee zu diesem Film. Ich fing an, dem Kreml zu schreiben, aber das hat zu nichts geführt. Der Kontakt kam dann über jemanden zustande, der Putin persönlich kennt und Zugang zu ihm hat. Da bekam ich auch Antworten. Die erste Antwort hieß: nein, die zweite: vielleicht, die dritte: ja. Und dann hat es noch ein paar Monate gedauert.

SPIEGEL ONLINE: Hat Putin Bedingungen gestellt?

Seipel: Wir haben uns vor dem Film einmal in Moskau getroffen, und ich habe ihm gesagt, dass es keine Tabu-Themen geben kann - außer privater Dinge. Und er hat sich erstaunlicherweise darauf eingelassen. Deutsche Politiker tun das nicht unbedingt.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich Ihr Bild von Putin durch die Dreharbeiten verändert?

Seipel: Er war mir sympathischer als erwartet. Er ist sehr schnell im Kopf, kann sich blitzschnell umstellen - und er kann auch ziemlich schnell beleidigt sein. Man spürt gelegentlich durchaus, dass es mit ihm sehr unangenehm werden kann.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich das gezeigt?

Seipel: Manchmal war Putin überraschend offen. Da hat er etwa über die mangelnde Emotionalität in seiner Familie erzählt. Das erwartet man nicht von einem Menschen, der immer mit der Pose des Machomenschen auftritt. Aber dann hat er auch etwas anstrengend Belehrendes. Er dozierte dann eine Dreiviertelstunde, bevor er auf die Frage kam, die ich gestellt habe.

SPIEGEL ONLINE: Ist er Demokrat oder Diktator?

Seipel: Nach dem ersten Interview haben wir in seiner Residenz übernachtet und spätabends mit ihm Billard gespielt. Mein Kameraassistent und ich gegen ihn und einen Freund. Er hat lächelnd vorgeschlagen: Spielen wir doch mal Demokratie gegen Diktatur. Ich bin ein lausiger Billardspieler. Diktatur hat gewonnen. Putin hängt irgendwo dazwischen: Er ist kein klassischer Diktator wie sein weißrussischer Kollege Lukaschenko. Aber er ist ein extremer Machtpolitiker und reizt das Gesetz bis aus Äußerste aus, und wenn es sein muss, geht er durchaus darüber weg.

SPIEGEL ONLINE: Haben wir in Deutschland ein zu schlechtes Bild von Putin?

Seipel: Der Name Putin steht bei uns für alles Böse in Russland. Aber so einfach ist es nicht. Auch ein Putin kann sich in Russland nicht halten, wenn er nicht eine hohe Zustimmung hätte. Und Putin würde die Wahl auch gewinnen, wenn er nicht manipulieren würde.

SPIEGEL ONLINE: Wie trifft ihn der aktuelle Protest gegen ihn?

Seipel: Er hat das immer heruntergespielt, aber es war zu spüren, dass er extrem irritiert war. Die Slogans "Putin weg", die hat er nicht erwartet, und mit denen kann er nicht umgehen. Er sieht selbst, dass die aktuelle Situation nicht haltbar ist. Ich weiß nur nicht, ob er die nötige Transformation noch selbst einleiten kann. Und die Frage, in welche Richtung Russland geht - mehr Repression oder Öffnung - die ist noch längst nicht entschieden.

Das Interview führte Markus Brauck


"Ich, Putin", Montag, 22.45 Uhr, ARD