ARD-Drama über Cyber-Mobbing Ey du Opfer, ich chatte dich platt

Warum sollte ein Teen ARD einschalten? Wegen dieses radikalen Films: "Homevideo" erzählt von einem verliebten Jungen, der zum Cyber-Mobbing-Opfer wird. Christian Buß hat das Drama mit Schülern angeschaut - vielleicht ist die Jugend noch nicht ans Privatfernsehen verloren.

NDR

Zuerst geht da nur ein Glucksen durch die Sitzreihen, dann hört man das verächtliche Lachen einiger Jungs, schließlich das ohrenbetäubende Kreischen der Mädchen. Was sie da auf der Leinwand sehen, ist aber auch wirklich voll peinlich: Ein 15-Jähriger stößt ungelenke Liebesschwüre vor seiner Videokamera aus und onaniert dazu. Normal ist das nicht. Oder vielleicht doch?

Der NDR hat vier Klassen der Erich Kästner-Gesamtschule ins Hamburger Abaton-Kino geladen, um ihnen die Produktion "Homevideo" zu zeigen, ein so ambitioniertes wie explizites TV-Drama zum Thema Cyber-Mobbing, das gerade für den Deutschen Fernsehpreis nominiert wurde und am 19. Oktober seine ARD-Premiere feiert. Eine Hundertschaft hormongeplagter Teenager erscheint tatsächlich als das beste Testpublikum für einen Film über jugendliche Triebabfuhr und Schulhofdresche unter digital natives.

Die lautstarke Reaktion im Kino auf die Selbstbefriedigungsszene zeigt, wie sich Scham, Angst und Gruppenzwang in höhnisches Gelächter verwandeln können. Im Film schließlich verdichtet sich dieses höhnische Gelächter zu einer folgenschweren Cyber-Mobbing-Kampagne: Jakob (phantastisch: Jonas Nay), der Junge, der sich etwas ungeschickt vor seiner Videokamera entblößt, sieht sich damit konfrontiert, dass sein selbstgedrehtes Filmchen von Schulkameraden ins Netz gestellt wird. Danach ist er für die Mitschüler zum Abschuss freigegeben, via Chat kübeln die Kameraden ihre Verachtung über ihn aus. So fühlt sie sich an, die Klassenkeile in Zeiten von Facebook.

Der Teenager als Forschungsobjekt

So laut der Film während der Vorführung kommentiert wurde, so leise ist es plötzlich, als im Saal das Licht angeht. Vor den jungen Leuten hat eine Gruppe mittelalter Gestalten Aufstellung genommen. Es sind die Filmemacher und Produzenten von "Homevideo", die gut die Eltern der Schüler sein könnten. Tatsächlich erzählt der eine oder andere der Fernsehleute, dass sie zu Hause Kinder im gleichen Alter sitzen hätten. Die hätten sich den Film auch schon angucken müssen, um zu erzählen, ob sich der Inhalt mit der eigenen Lebenswirklichkeit decke. Der Teenager, ein unerschöpfliches Forschungsobjekt.

Im Abaton-Kino aber wollen sich die Forschungsobjekte erstmal nicht erforschen lassen. Auf die bohrenden Fragen der Filmemacher, ob sie denn selbst schon mal Zeuge oder gar Opfer von Cyber-Mobbing geworden sind, reagieren die Schüler mit stoischen Mienen. Dann aber zuckt der eine oder andere doch und es werden Situationen geschildert, die ähnlich wie die im Film sind. Die Jungen glauben aber auch genau zu wissen, wie man sich gegen Rempeleien im Netz zu schützen hat.

Ob sie bei Problemen in sozialen Netzwerken eher mit Eltern und Lehrern oder mit Freunden sprechen, werden die jungen Leute von den alten Leuten gefragt. Definitiv mit den Freunden, so die einhellige Meinung. Die Erwachsenen versucht man rauszuhalten, die meisten verstünden ja eh nicht, worum es bei Facebook und SchülerVZ ginge. Das Internet als Teenbiotop, zu dem die Erwachsenen keinen Zutritt haben - dieser Aspekt wird in "Homevideo" sehr klug herausgearbeitet: Egal ob man die Lehrer oder die Eltern nimmt, ihr Verstehenwollen wirkt halbherzig, ihr Blick auf die neue Welt der Kinder beschränkt.

Jenseits der üblichen Primetime-Problemdosierung

Umso wichtiger die NDR-Produktion, die zwar mit drastisch zugespitzter Story auftrumpft, sich aber mit erfreulich undidaktischer Offenheit an die jungen Leute herantastet. Was passiert da eigentlich, wenn sich junge Leute im Netz organisieren? Und, mal ganz ehrlich gefragt, was konsumieren die jungen Leute eigentlich noch an Medien jenseits des Internets?

Der schönste Moment in der Erwachsene-fragen-Jugendliche-antworten-Sprechstunde im Abaton stellt sich ein, als der "Homevideo"-Produzent Christian Granderath, der seit einem Jahr auch NDR-Fernsehspielchef ist, die versammelte Jugend fragt, ob sie denn überhaupt noch TV gucke. Oder noch schlimmer: Ob sie nicht doch nur bei der Konkurrenz einschalten. "Ihr guckt wahrscheinlich nur ProSieben, oder?", so der öffentlich-rechtliche Fernsehmann.

Die Schüler wollen darauf nicht so recht antworten; unwahrscheinlich, dass sie die programmpolitische Brisanz hinter der bangen Frage erkennen. Denn natürlich muss sich die ARD mit ihrem eher betagten Publikum fragen, wie sie an die junge Klientel von Raab, Joko und Klaas herankommt, ohne die ProSieben-Konkurrenz platt zu kopieren.

Und, ganz ehrlich, es wäre schade, wenn dem Ersten dies nicht gelänge. Denn in letzter Zeit wagt sich die ARD mit extrem expliziten Filmen an Stoffe, die durchaus von Interesse sind für junge Leute. Dabei geht es weniger um konventionelle Aufklärungsfilme der Marke "So tickt Ihr Kind", sondern um risikofreudige Annäherungen an Gegenwartsphänomene. Dass man dabei die Primetime-Problemdosierung oft überschreitet, spricht durchaus für den Wagemut der Filmemacher. Man nehme nur das grausam-lakonische Gewaltdrama "Sie hat es verdient" von vorletzter Woche oder den "Polizeiruf" am Freitag. Letzterer beschäftigte sich mit einem jungen Attentäter - wurde dann allerdings aus Jugendschutzgründen in den späten Abend gezogen.

"Homevideo" (Buch: Jan Braren, Regie: Kilian Riedhof) fährt da einen ähnlich radikalen Kurs. Freimütig werden die autoerotischen Exkursionen des Helden gezeigt, aber auch leise Momente der ersten Verliebtheit. Übers Netz werden zarte Botschaften verschickt, aber eben auch Aufrufe zum Lynchen. Man taucht hier tief in das Rätsel Jugend anno 2011 ein, aber gibt nicht vor, es vollständig lösen zu können. Nachdem die Schüler im Abaton sich in dem einstündigen Austausch streckenweise sympathisch störrisch gaben, klatschen sie am Ende enthusiastisch Beifall für die Filmemacher.

Vielleicht ist die Jugend ja doch nicht an ProSieben verloren.

"Homevideo": Mittwoch 19. Oktober, 20.15 ARD

insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
roberto3 27.09.2011
1. Privatfernsehen, Staatsfernsehen - Wo liegt denn da bitte der Unterschied?
Beim Staatfernsehen werde ich auch noch dafür verdonnert für Trash zu zahlen. Ansonsten kann ich da dem ersten Kommentator im Forum nur zustimmen.
ooyoo 27.09.2011
2. Stimmt nicht!
Ich kenne solcherlei Vorfälle aus den Klassen meiner Kinder ebenfalls - elitärstes Gymnasium der Stadt, Täter aus privilegierten Verhältnissen.
klausab, 27.09.2011
3. vollkomen unklar
Was wollen Sie uns mit diesem Beitrag, der ob seiner Missachtung der Regeln deutscher Rechtschreibung schwer lesbar ist und deshalb eine Zumutung für den Leser, sagen? Kinder und Jugendliche reagieren anders als Erwachsene, vielfach irrational. Zu fragen ist, was können und müssen Eltern und andere erwachsene Bezugspersonen leisten, um derartigem Verhalten entgegenzuwirken? Der Jammerdeutsche, der kein Selbstbewusstsein hat und immer darauf hofft, ein anderer möge doch seine Problem lösen, kann kein Vorbild sein. Wer Opfer sucht, sucht Schwache und ist dabei selber nur der Schwächling, weil er sich nur groß fühlt, wenn er andere unterdrücken oder demütigen kann. Die Mitläufer trauen sich mangels eigenen Selbstwergefühls nicht zu widersprechen, weil sie von Angst zerfressen sind, ansonsten ebenfalls zum Opfer zu werden.
Zynisch_Kontrovers 27.09.2011
4. optional?!
Ach bitte, jetzt lassen Sie aber mal die Kirche im Dorf. Als ob Hänselei eine neue Erfindung wäre, nur weil man es heute Mobbin nennt. Dass sich das eben jetzt auf die Anonymität des Internets konzentriert eben durch die technischen Begebenheiten bedingt, aber den Jungen verspotten, der sich wegen seiner großen Liebe eine Peinlichkeit leistet.....das war so, ist so, wird immer so sein!!! Sicher auch schon zu ihrer Zeit und ganz bestimmt auch in Kindern (ich wage zu sagen, vielleicht sogar vermehrt) aus gutem Hause!!
Henry_Rearden 27.09.2011
5. Mist
Zitat von roberto3Beim Staatfernsehen werde ich auch noch dafür verdonnert für Trash zu zahlen. Ansonsten kann ich da dem ersten Kommentator im Forum nur zustimmen.
Volle Zustimmung. Also ob der Staatsfunk besseres Fernsehen schaffen würde, als die Privaten. Das ist eine Illusion. Der Staatsfunk gibt sich nur gern staatragender und die Mitarbeiter scheinen von irgendwelchen Missionsgedanken beseelt. Ach, wenn nur die gane Welt so wäre, wie meine kleine beschränkte urbane Hedogesellschaft.
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