"Hart aber fair" zu ARD-Film "Terror" "Sonst sind wir schnell bei Volksjustiz"

In dem interaktiven TV-Experiment "Terror" sprachen die Zuschauer den Angeklagten frei. Das Urteil über den ARD-Abend samt Abstimmung und Talkshow ist ebenfalls eindeutig: Spielfilm top, der Rest flop.

Moderator Plasberg (r.) mit seinen Gästen
WDR/ Dirk Borm

Moderator Plasberg (r.) mit seinen Gästen

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Es war am Ende eine evangelische Theologin, die dafür sorgte, dass der "Terror"-Abend in der ARD nicht vollends am Ziel vorbeischoss. Petra Bahr, ab Januar Bischöfin in Hannover, war in Frank Plasbergs "Hart aber fair"-Runde nach dem Gerichtsspielfilm von Regisseur Lars Kraume die Einzige, die wiederholt darauf aufmerksam machte, das "nur über das Ende eines Films" abgestimmt wurde, nicht über die Verfassung. Das sei eine wichtige Unterscheidung, "sonst sind wir schnell bei Volksjustiz".

Allein, keiner hörte auf sie.

Kein Wunder, denn die Ebenen zwischen Fiktion und Realität verschwammen auch wegen des Getöses der ARD drumherum, die fast einen Staatsakt aus dem "TV-Event" gemacht hat. Der Spielfilm, der auf einem Theaterstück des Schriftstellers und Strafverteidigers Ferdinand von Schirach basiert, zeigte eine Gerichtsverhandlung als Kammerstück, nach der die Zuschauer per Anruf oder Onlinevotum das Urteil fällten: 86,9 Prozent sprachen den Angeklagten frei von der Anklage auf 164-fachen Mord.

Ein vergleichbares Ergebnis gab es auch in Österreich und der Schweiz. Allerdings monierten viele Nutzer, das Onlinetool habe nicht funktioniert, die Telefone seien dauerbesetzt gewesen. Dass die ARD an einem solchen Abend die Technik nicht im Griff hat, ach, so unnötig.

Der Fall: Kampfpilot Lars Koch (Florian David Fitz) hatte entgegen dem ausdrücklichen Befehl eine von einem Terroristen entführte Passagiermaschine abgeschossen, um 70.000 potenzielle Tote in der Münchner Allianz Arena zu verhindern. Ein Denkmodell, das die rechtsethischen Überlegungen des fiktiven "Weichensteller-Falls" weiterdreht.

Kraumes Verdienste

Dass die Sache nicht aufging, lag zumindest nicht am Film. Denn Kraume ist es rundum gelungen, das Theaterhafte eines Prozesses vorzuführen. Er legte es mit dem Kulissensetting seines richterrobenschwarzen Gerichtssaals darauf an, das Fiktionale zu betonen, die Story aufs Abstrakte zu reduzieren, was auch dank der stark spielenden Besetzung gelang, darunter Martina Gedeck als Staatsanwältin, Burghart Klaußner als Richter. Zu gerne hätte man auch Kraumes schnell verworfene Anfangsidee gesehen, das Ganze wie Lars von Triers "Dogville" zu inszenieren, mit weißen Kreidestrichen auf Schwarz.

Zudem ließ Kraume die vierte Wand zum Zuschauer permanent durchbrechen, auch mal subtil, als Verteidiger Biegler (brillant: Lars Eidinger) beim Plädoyer direkt in die Kamera schaute, als wäre er Francis Underwood in "House of Cards".

Klugerweise setzte Kraume zudem auf den alten Trick, drastische Bilder vor dem inneren Auge auftauchen zu lassen, ohne sie zu zeigen: etwa das Flugzeug, das ganz am Anfang des Films in Slowmotion quer über den sonnenblauen Himmel fliegt, dazu aus dem Off erst Funksprüche, dann Angstschreie, dann Radioschlagzeilen. Es blieb die einzige Außen-Szene, zum Glück. So erlebten die Zuschauer den Abschuss allein über die Zeugenaussagen vor Gericht. Alles blieb damit ganz explizit nur eine Annäherung an das Geschehen.

"Es ist eine Versuchsanordnung", hatte Autor Ferdinand von Schirach vorab betont. "Ich würde niemals auf die Idee kommen, über einen tatsächlichen Fall abstimmen zu wollen. Das wäre totaler Quatsch und irre gefährlich."

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ARD-Experiment: Kein Fernsehen zum Bügeln

Dass neben von Schirach auch Regisseur Kraume selbst auf "schuldig" plädieren würde, schien keiner in der "Hart aber fair"-Runde für möglich zu halten. Schon allein weil Florian David Fitz (als Angeklagter Lars Koch) wie ein "Held" aussehe, so Theologin Bahr.

Und so beharkten sich Ex-Verteidigungsminister Franz Josef Jung und Ex-Bundesinnenminister Gerhart Baum ("Doch!" - "Nein!" - "Doch!" - "Nein!") fauchend darüber, wie das Bundesverfassungsgerichtsurteil über die Klage gegen das Luftsicherheitsgesetz auszulegen sei. Und Ex-Offizier Thomas Wassmann beharrte darauf, dass sich das Grundgesetz den Bedingungen des 21. Jahrhunderts anpassen müsse, man sei weder in der Nachkriegszeit noch im Kalten Krieg: "Die Frage ist nur, ob es alles abdeckt."

Sprich: Plasbergs Talkrunde verlor - bis auf Petra Bahr - völlig aus dem Blick, dass die Versuchsanordnung des Abends nur um ein Denkmodell kreiste.

Unter diesen Umständen blieb es Baum überlassen, leidenschaftlich die deutsche Verfassung zu verteidigen - und die Dinge ins Lot zu rücken: "Er bleibt ein Täter", sagte er. "Es ist wichtig, dass der Staat da eine Grenze zieht." Die Frage sei doch, wie er verurteilt werde, sprich: das Strafmaß. "Es ist Kriminalitätsbekämpfung mit rechtsstaatlichen Mitteln." Bahr schob nach, man befinde sich schließlich nicht im Kriegszustand, da könne der französische Präsident das Wort "Krieg" nach den Terroranschlägen in Paris noch so häufig aussprechen. Es gebe nun einmal Verwicklungen, aus denen man nicht mit "moralisch glatter Haut" wieder rauskomme.

Kraumes Film fordert auf großartige Weise heraus, sich der eigenen Haltung zur Grundgesetzmoral bewusst zu werden. Plasberg hat sich dankenswerterweise mit seinen üblichen Populismen zurückgehalten. Gut auch, dass er nur vier Gäste einlud, so dass das Gekeife nicht überhandnahm. Doch eine solche Abstimmung funktioniert im eindeutigen Bühnensetting des Theaters, nur eben nicht in einem Rahmen wie dem, den die ARD schuf: Wenn in der Talkshow so diskutiert wird, als folgte bald eine Volksabstimmung übers Grundgesetz und dann gleich eine über die Todesstrafe, ist etwas gründlich schiefgegangen.

Günter Dürig, der große Kommentator des Grundgesetzes, befand in Fünfzigerjahren, Artikel 1.1. konstituiere für ihn die "Basis für ein ganzes Wertsystem". Das Grundgesetz sei nichts weniger als "die ethische Unruhe" des Rechts. Wie elementar diese Einschätzung auch heute noch ist, zeigte dieser Abend. Diese Unruhe müssen wir aushalten. Sie ist das Beste, was wir haben.

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frida1209 18.10.2016
1. Denkanordnung
Natürlich war das Ganze eine Denkanordnung. Das war sehr deutlich den Plädoyers anzuhören. Allein, viele Zuschauer haben es wohl nicht gemerkt. Ich habe mich für "schuldig" entschieden, im Sinne des GG, das nicht verhandelbar ist.
Tharsonius 18.10.2016
2. Apropos
danke nochmal an die ARD-Mediathek und ihr wunderbares Geoblocking. Es macht echt Spaß als Bundesbürger im EU-Ausland lebend an von solchen TV Ereignissen ausgesperrt zu werden, wenn man kein TV hat bzw keinen ARD Empfang hat. ^^
RalfHenrichs 18.10.2016
3. Man muss schon sehr dumm sein,
um auf einen solchen Plot zu kommen. Würde jemand ein Passagierflugzeug im kleinen Deutschland entführen und in ein vollbesetztes Fussballstadion lenken wollen, bliebe gar keine Zeit es abzuschiessen. Insofern stellt sich die Frage gar nicht. Was sollte also dieser Schwachsinn außer Angst zu erzeugen?
gratiola 18.10.2016
4. Man darf nicht
abschießen!-Punkt. Wenn dies nicht mehr gilt ist Deutschland endgültig zur Bananrepublik verkommen. Emotionen sind im Strafrecht sowieso schädlich.
grumpy53 18.10.2016
5. natürlich bleiben Zweifel
Meines Erachtens bleiben Zweifel, ob gerade in diesen Zeiten per TV abgestimmt werden kann, aber ich erwarte vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk die Kompetenz, solche Dinge weder auszublenden, noch sie dem Populismus irgendeines privat (von werbeblöcken unterbrochenen) reißerischen Spektakels zu überlassen. Was mich wundert, hier wird von MORD gesprochen. Setzt nicht MORD niedrige Beweggründe voraus? Geplante Tat zur Umsezung von Rache, Gier, Sadismus. Weder von der Staatsanwältin, noch vom Verteidiger wurde bezweifelt, dass der Mann es sich aus moralischen Gründen, aus Verantwortung für das Leben vieler leicht gemacht hätte. Mein Urteil wäre dennoch schuldig gewesen, denn ja, solange die Verfassung und das geltende Recht keine Sicherheit geben, oder der Rahmen dieser Regelwerke Zweifel zulassen, wird es in solchen extremen Ausnahmesituationen Menschen geben (müssen?), die so handeln - oder unterlassen. Interessant wäre nun ein Verfahren gegen die, die die Räumung nicht anordneten oder gegen ihn, weil er mögliche Abwendung (unterlassene Hilfeleistung?) für die im Stadion nicht vollzogen hat. Ja, das sind Fragen, denen wir uns in aller Gelassenheit, ohne den Schrei nach "Kopf ab", im Leben in diesen Zeiten befassen müssen, wahrlich auf dem Boden unserer eigenen Geschichte. Ich danke Herrn Schirach für dieses Werk und der ARD für die behutsame und schauspielerisch hervorragende Umsetzung, die alle Facetten aufzeigte. Und: es ging um einen Film und eine erfundene Konstellation. Nachdenken schadet dennoch nicht. Bravo.
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