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"Tödliche Geheimnisse": Der TTIP-Thriller

Foto: ARD/ Stephan Rabold

TTIP-Thriller "Tödliche Geheimnisse" in der ARD "Das passiert wirklich!"

Ein Thriller über das Freihandelsabkommen TTIP? Klingt hölzern, funktioniert aber - auch, weil es in "Tödliche Geheimnisse" Heldinnen gibt. Nina Kunzendorf! Anke Engelke! Dabei überschneiden sich Fiktion und Realität mitunter.

Chefredakteurin Karin Berger ist kurz davor, im Fernsehen grundstürzende Erkenntnisse über das umstrittene Freihandelsabkommen TTIP anzukündigen. Da lauert ihr in der Redaktion ein Typ mit speckiger Lederjacke, gezücktem Smartphone und geföhnter Elvis-Tolle auf. Es ist ein junger und naiver Kollege, der gern vorab ein paar Informationen hätte. Bekommt er aber nicht, "weil es ernster ist, als man denkt", wie ihm die Berger erklärt: "Entschuldige, Tilo, du weißt aber, wie's geht."

Der kurze Cameo-Auftritt von Tilo Jung  ist nicht der einzige Schlagschatten, den die Wirklichkeit auf diesen Thriller wirft. So besucht die Chefredakteurin auch den gläsernen TTIP-Leseraum, den Greenpeace für zwei Tage im Frühling vor dem Reichstag aufgestellt hatte - eine Gelegenheit, die sich erst während der Dreharbeiten ergab und die mit einiger Geistesgegenwart genutzt wurde.

Der Medienthriller "Tödliche Geheimnisse", der diesen Samstag in der ARD Premiere feiert, manövriert so hart an aktuellen Ereignissen, dass es von deren Fahrwasser bisweilen ganz schön durchgeschaukelt wird.

Treffen im Brüsseler Hotelzimmer

Rommy Kirchhoff, Reporterin beim Berliner Nachrichtenmagazin "Der Puls", trifft sich in einem Brüsseler Hotelzimmer mit einem Aktivisten von "Watch TTIP" und dem Lobbyisten Paul Holthaus (Oliver Masucci, der deutsche Mads Mikkelsen). Der arbeitet als Spin Doctor für einen Agrarmulti namens Norgren Life Incorporated, ein fiktives Monsanto.

Holthaus will über die drohende Diktatur der Konzerne "auspacken", wie man unter Whistleblowern und Journalisten so sagt. Auf einem USB-Stick befinden sich Informationen darüber, wie "wir den Vertrag nicht manipuliert, wie wir ihn gelenkt haben".

Als Kirchhoff kurz das Hotelzimmer verlässt, ist es bei ihrer Rückkehr wie leergefegt. Holthaus und der Aktivist sind spurlos verschwunden, und die Jagd nach dem USB-Stick - und damit der Story - beginnt.

Regisseurin Sherry Hormann hat zuvor den brillanten DDR-Zeitgeschichtsthriller "Lotte Jäger" geliefert, und Drehbuchautor Florian Oeller schrieb den letzten Monat gesendeten Mafia-"Polizeiruf" aus Rostock. Nun schicken die beiden ihre Journalistinnenheldinnen in einen gefährlichen Sumpf aus widerstreitenden Interessen von Politik, Medien und Wirtschaft. Für die Wirtschaft steht, als Gegenspielerin der journalistischen "Trüffelschweine", die dubiose Konzernchefin Lilian Norgren.

Die Darstellerinnen überzeugen

Mit der Wahl der drei Hauptdarstellerinnen ist "Tödliche Geheimnisse" beinahe noch moderner als mit der Wahl seines Sujets. Kirchhoff ist Nina Kunzendorf, Berger ist Anke Engelke und Norgren ist Katja Riemann, und eine spielt besser als die andere. Nicht nur sind die wichtigsten Figuren selbstverständlich Frauen, sie unterhalten teilweise auch - ebenso selbstverständlich - intime Verhältnisse miteinander.

Die Entscheidung für Heldinnen statt Helden ist nicht nur progressiv, sie kommt auch dem Thema entgegen. TTIP mag, wie der Aktivist erklärt, "800 Millionen Menschen" betreffen. Es geht aber auch ganz simpel und nachvollziehbar darum, "was wir unseren Kindern in die Brotdose packen", also um künftige Generationen. Kirchhoff kann Kinder "nicht ausstehen", Norgren ist schwanger - das Ergebnis einer Affäre mit Holthaus, dessen Frau (Sabine Timoteo) unterdessen an Krebs beziehungsweise Glyphosat und damit irgendwie auch an TTIP stirbt.

Einen solchen Zaunpfahl hätte es nicht gebraucht, zumal die gut recherchierten Hintergründe elegant in die Dialoge eingeschrieben sind: "TTIP. Da haben sie sich ja ein komplexes Thema auf die Fahnen geschrieben." Bisweilen kommentiert der Plot mit Sätzen wie "Das passiert wirklich!" oder "Na, jetzt wird's aber interessant" seine Wendungen auf drollige Weise selbst, als würde er ihnen nicht trauen.

Dabei folgt man als Zuschauer der Handlung willig an Schauplätze wie Brüssel, Berlin oder mecklenburgische Schlösser - eben auch, weil Kunzendorf, Riemann und Engelke in ihren Figuren so glänzen.

Riemann gibt die Konzernchefin so ambivalent und diabolisch, als wollte sie sich für eine Rolle als erste echte Bond-Bösewichtin empfehlen.

Engelke spielt ihre Chefredakteurin ebenso zerrissen zwischen Ethos und Existenzangst. Sie hat beim SPIEGEL und bei SPIEGEL ONLINE hospitiert, um sich auf die Rolle als Journalistin vorzubereiten.

Nur Kunzendorf bleibt bis zum - überraschenden und überraschend offenen Ende - ihren Idealen treu. Nach der NDR-Produktion "Die vierte Gewalt", der bereits auf Arte seine Vorpremiere feierte, ist der Degeto-Journalistenthriller ein weiterer starker Film, der die Medien in Zeiten eines schwierigen Umbruchs zeigt.

Der Film arbeitet mit Archivmaterial - von echten TTIP-Demonstrationen in Hannover - an einer Verankerung der Handlung im Zeitgeschehen und in Rückblicken an einer psychologischen Zeichnung der Charaktere. Das funktioniert als Drama, und es transportiert die Botschaft hinter dem ganzen Projekt, das sich einer politischen Beurteilung nicht entzieht und ebenso wenig wankt wie Kirchhoff, das moralische Zentrum der Geschichte - während alles andere erodiert und in Bewegung gerät.

Denn auch "die Medien" sind dem Aktionärswert verpflichtet, die Krise der Branche läuft als zusätzlicher Handlungsstrang immer mit. Zwar mag TTIP unterdessen als Thema von Ceta überholt worden sein. Vielleicht ist auch die Dämonisierung des Kapitalismus, das als unsichtbares Monster mit langen Tentakeln demokratische Entscheidungsprozesse zu seinen Gunten manipuliert, ein wenig mit dem Vorschlaghammer gestaltet. Vielleicht aber auch nicht, wer weiß?

"Tödliche Geheimnisse" unterhält nicht nur mit brillant aufspielenden Darstellerinnen. Der Film ermuntert auch dazu, es genauer wissen zu wollen. Vermutlich steht wirklich einiges auf dem Spiel. Schließlich passiert es ja wirklich. Und das könnte genau so ernst sein, wie man denkt. Das Thema mag hölzern sein. Aber Holz hat einen hohen Brennwert.


"Tödliche Geheimnisse", Samstag, 5.11., 20.15 Uhr, ARD

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