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ARD-Feature über Peer Steinbrück: Künstlich aufrechterhaltenenes Tremolo

Foto: PHOENIX/NDR/ECO MEDIA TV

ARD-Film über Krisenmanager Steinbrück Pathos des Schreckens

Schlechter hätte der Sendezeitpunkt nicht sein können: Im ARD-Film "Steinbrücks Blick in den Abgrund" soll der ehemalige SPD-Finanzminister scharfzüngig die Wirtschaftskrise analysieren - dabei melden die Unternehmen wieder stramme Gewinne.
Von Reinhard Mohr

Die Sendeplanung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen hat ihre Tücken. Mal kommt der ARD-"Brennpunkt" schon wenige Stunden nach dem Hochwasser in Niederbayern oder Unterfranken, und die tapferen Reporter berichten live aus dem Gummistiefel; mal aber kommt der Wirtschaftsboom schneller als die historisch-programmtechnische Krisenbewältigung, und so verpufft das Pathos des Schreckens im lauen Wind des Aufschwungs.

Bevor am Mittwochabend um 22.45 Uhr, gleich nach den "Tagesthemen", das halbstündige Feature von Stephan Lamby mit dem atemberaubenden Titel "Steinbrücks Blick in den Abgrund. Macht und Ohnmacht eines Krisenmanagers" im Ersten läuft, melden die eben noch krisengeschüttelten großen deutschen Autofirmen sensationelle Umsatz- und Gewinnsteigerungen. Für die Gesamtwirtschaft in Deutschland 2010 wird inzwischen ein Wachstum von zwei Prozent prognostiziert. Damit avanciert die Bundesrepublik zur europäischen Konjunkturlokomotive, und das ausgerechnet mit ihrer von vielen so heftig kritisierten Exportstärke.

Da Lambys Rendezvous mit dem ehemaligen Bundesfinanzminister offenkundig vor den jüngsten, eindeutig positiven Entwicklungen an Börsen und Märkten gedreht wurde, ergibt sich ein doppelt anachronistischer Effekt. Ist der Rückblick auf die Krisenjahre 2008/2009 schon eigentümlich fremd und zeitentrückt, so wirkt das künstlich aufrechterhaltene Tremolo von Absturz, Depression und Dauerkrise im Angesicht der guten Zahlen aus der Wirtschaft noch unangemessener, fast wie eine Inszenierung.

Peer Steinbrück

Es soll das erste "offene Gespräch" mit seit dem Ende seiner Ministerzeit im Herbst 2009 sein, doch in Wirklichkeit ist es ein ziemlich eitles Stück Kulissenfernsehen mit allerlei optischen Mätzchen, viel Pseudoauthentizität und politischen Allgemeinplätzen, die die Fernsehzuschauer längst selbst aufsagen können.

Das alles ist weniger Steinbrücks Schuld als die des Fernsehautors, der nicht nur ständig selbst im Bild herumspringt, sondern auch noch etliche Fragen im Endschnitt gelassen hat, die vor allem eines dokumentieren: dass er seinem Gesprächspartner weder inhaltlich noch artikulationsmäßig immer gewachsen ist. Manche Fragen - "Hatten Sie damals Angst?" - sind im habituellen Genuschel oft nur schwer zu verstehen. Natürlich hatte Peer Steinbrück keine Angst, sondern Arbeitsdruck und Dauerstress angesichts der "riskanten Operation" an der wackelnden Bettstatt des globalen Finanzkapitalismus.

Da hatte er einfach keine Zeit, in den Abgrund zu schauen. Ein echter Hanseat eben.

Zu Beginn des Filmchens flammen Bilder von Straßenschlachten auf, die wohl die gesellschaftlichen Dimensionen der Krise belegen sollen. Dazwischen blitzen Angela Merkel und Helmut Schmidt hervor, unterlegt von der dunkel dräuenden Stimme des Off-Sprechers: "Er war mittendrin, im Zentrum der Macht und in Zeiten der Krise."

Er, der Peer.

Der mit der Angela auf dem Vulkan tanzte und dabei jenes Dreamteam der deutschen Krisenbewältigung bildete, das am 5. Oktober 2008 den verängstigten Bürgern hoch und heilig versicherte: "Ihre Einlagen sind sicher!"

Bohei für den privilegierten Sendeplatz

Noch einmal werden uns jene Tage in Erinnerung gerufen, da das ganze Banken- und Finanzsystem zusammenzubrechen drohte, und immerhin gesteht Steinbrück ein, dass die europäischen Staaten insgesamt zu spät auf die strukturellen Gefahren eines absolut grenzenlosen Finanzmarkts reagiert haben.

Die Liberalisierung von Finanztransaktionen und "innovativen Produkten", berüchtigte Mitauslöser des Schlamassels, durch die rotgrüne Regierung im Jahr 2005 verteidigt er jedoch. Dagegen bezeichnet er die staatliche Hilfe für Opel, erst recht die auch von ihm mitgetragene gesetzliche "Rentengarantie" als "strategischen Irrtum" der SPD und "einen meiner schwersten Fehler": "Ich hätte nicht mitmachen dürfen."

Weil ein schlichtes Vieraugengespräch aber noch kein cooles ARD-Feature auf privilegiertem Sendeplatz ergibt, muss noch ein bisschen Bohei veranstaltet werden: Man wandert durchs Berliner Regierungsviertel, bleibt vor dem Zaun des Kanzleramts stehen (an dem Steinbrück, anders als einst Schröder, keinesfalls rütteln will, jedenfalls nicht in diesem Leben), sitzt im Zug, trinkt ein Glas Wasser und lässt sich schon mal von der Maskenbildnerin die Nase tupfen.

Zu den schriftlich eingeblendeten Leitmotiven darf Peer mit großen Augen sogar in bubenhaft Plasbergscher Manier auf einen imaginären Touchscreen drücken und so das jeweils nächste Kapitelchen des kleinen Filmchens einläuten.

Selbstverständlich darf auch ein Besuch bei Helmut Schmidt, dem Hamburger Weltweisen, nicht fehlen. Im privaten Arbeitszimmer des Bundeskanzlers außer Diensten gerät die TV-Inszenierung allerdings noch mehr in die Untiefen von Steifheit, tief gefühlter Staatsverantwortung und staubiger Bedeutungslast, und so fallen die üblichen Brocken der Welterkenntnis vom Tisch des prominenten Hauses: Die Europäische Union hat keine echten Führungspersönlichkeiten mehr - wie auch insgesamt das Vertrauen in die Politik schwindet. Die EU-Erweiterung auf 27 Mitgliedsländer ist reiner "Blödsinn" (Schmidt), während Europa "an die Peripherie des Weltgeschehens" (Steinbrück) gedrängt wird und China besser aus der Krise findet als wir.

Also noch ein Blick in den Abgrund, frei Haus.

Angesichts dieser düsteren Aussichten können die Fernsehzuschauer und Gebührenzahler schon froh sein, dass Steinbrück auch im Nachhinein bekennt, niemals nicht bewusst gelogen zu haben - jedenfalls soweit er sich erinnere.

"Selektive Informationen" - das ja. Man muss den Leuten ja nicht immer die Wahrheit in ihrer ganzen Schärfe an den Kopf schleudern.

Einiges von Schmidt gelernt

Zum Resümee geht's dann ins "Einstein" Unter den Linden, jenen Ort also, wo sich die politische Klasse der Hauptstadt gern zu Backhuhn, Wiener Schnitzel und Erdäpfelsalat trifft. Nun zündet Stephan Lamby seinen letzten Gag und bittet Steinbrück zur Kurvendiskussion: Er soll weiße Blätter mit Filzstiftstrichen aus dem Krisenjahr 2009 kommentieren, die den Konjunkturverlauf für 2010 prognostizierten - auch seine eigene Skizze.

Was soll man sagen? Die Schwarzmaler haben sich geirrt. Wieder einmal.

Offenkundig aber hat Steinbrück von Helmut Schmidt einiges gelernt und reichert seinen sympathischen hanseatischen Pragmatismus immer wieder mit Warnungen vor einem zweiten, wenn auch kleineren Absturz an, vor einem Auseinanderfallen der Gesellschaft und einer Elite, die ihre politische und moralische Verantwortung nicht mehr wahrnimmt.

Während noch einmal Straßenkampfbilder die These vom angeblich gefährlichen "Treibsatz Krise" veranschaulichen, läuft bereits der Abspann mit den programmatischen Songzeilen: "There's a storm coming/You'd better run…"

Bevor wir die Beine in die Hände und Reißaus nehmen, hätten wir da aber noch eine Frage: Warum hat sich Stephan Lamby nicht gleich ins "Einstein" gesetzt und sich eine oder zwei Stunden mit Peer Steinbrück unterhalten?

Die Fragen hätte man anschließend nur komplett herausschneiden müssen.


"Steinbrücks Blick in den Abgrund. Macht und Ohnmacht eines Krisenmanagers", ARD, 4.8., 22.45 Uhr

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