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20. Februar 2018, 13:41 Uhr

Gerangel um die Rundfunkabgabe

Flickt das System!

Ein Kommentar von

Die ARD will mehr Geld, die Prüfer sehen dafür keinen Grund. Deshalb muss sich das Erste für Kooperationen öffnen - das könnte zu weiteren spannenden Innovationen wie "Babylon Berlin" führen.

Wer Sympathien hegt für die ARD, wird gerade auf eine harte Probe gestellt. Am Montag veröffentlichte die KEF, die Kommission, die den Finanzbedarf des öffentlich-rechtlichen Rundfunks prüft, ihren Zwischenbericht für die laufende Gebührenperiode und bescheinigte dem Ersten einen üppigen Überschuss von einer halben Milliarde Euro . Ein Szenario, vor dessen Hintergrund es unwahrscheinlich erscheint, dass die Politik einer größeren Erhöhung der Rundfunkabgabe zustimmt. Der ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm polterte angesichts der unliebsamen Berechnungen, die KEF und ihr Verfahren müssten endlich modernisiert werden.

Eine klassische Übersprunghandlung: Denn ist es nicht vielmehr so, dass Wilhelms eigenes Haus modernisiert werden müsste?

Schon vor der offiziellen KEF-Veröffentlichung hatte der oberste ARD-Mann eine wahre öffentlich-rechtliche Apokalypse beschworen und prognostiziert, dass bei gleichbleibender Rundfunkabgabe für das Jahr 2020 ein Loch von drei Milliarden Euro entstehe, das nur gestopft werden könne, wenn man drastisch am Programm spare. Das Ende der ARD, so wie wir sie kannten - kleiner geht es bei Wilhelm nicht.

Ob die Aufregung Wilhelms nun authentisch oder strategisch ist - sie lässt sich bis zu einem gewissen Grad ja sogar nachvollziehen. Angesichts der Teuerungsrate kommt es tatsächlich einer Sparvorgabe gleich, wenn die Abgaben gleich bleiben. Auch finanzieren die Anstalten ihre Ausgaben zurzeit zum Teil über Rücklagen, die 2020 aufgebraucht sein werden. Es läuft also tatsächlich darauf hinaus, dass die ARD spätestens im nächsten Jahrzehnt den Gürtel enger schnallen muss. Sehr viel enger.

Schluss mit Jammern

Aber darüber in Zeiten eines massiven Medienumbruchs so zu jammern, wie es Wilhelm tut, ist der Öffentlichkeit nicht vermittelbar und einfach nur peinlich. Überall wird gespart, überall werden unkonventionelle Kooperationsmöglichkeiten ausgelotet. Für die öffentlich-rechtlichen Anstalten - kein Sarkasmus! - liegen in diesem Umbruch große Chancen: Er könnte bei den Sendern nicht nur Einspareffekte erzwingen, sondern auch endlich jene Innovationen im Fiktionalen und in der Unterhaltung herbeiführen, die ihre Vertreter aus eigenem Antrieb offenbar nicht zustande bringen.

Die ARD selbst hat es mit der meisterhaften Serie "Babylon Berlin" und der viel diskutierten Kooperation mit dem Pay-TV-Anbieter Sky vorgemacht. Das ZDF wird für die Serie "Das Parfüm" mit Netflix kooperieren und verhandelt zurzeit hinter verschlossenen Türen über weitere gemeinsame Projekte mit dem US-Streamingdienst. Außerdem haben sich das Erste und das Zweite zusammengetan, um Olympia-Übertragungen vom US-Konzern Discovery zu lizensieren statt für ein Vielfaches das gesamte Rechtepaket zu erwerben.

In solchen Partnerschaften, so anstrengend sie logistisch und auch juristisch durchzuführen sind, liegt die Zukunft von ARD und ZDF. Das über Jahrzehnte starre, geschlossene, sich immer nur wieder selbst bestätigende System des öffentlich-rechtlichen Rundfunks muss sich öffnen, um in der digitalisierten und diversifizierten Medienwelt der Zukunft zu überleben. Dafür ist allerdings auch die Politik gefragt, die mit dem in diesem Frühjahr neu aufzusetzenden Rundfunkstaatsvertrag den Rahmen aushandeln muss, wie sich ARD und ZDF in dieser neuen Medienwelt bewegen können. Flickt das System!

Es steht ein langer, mühsamer, von vielen Einzelinteressen getriebener Findungsprozess an. Vielleicht sollte der ARD-Vorsitzende Wilhelm lieber kreative Zukunftskonzepte entwickeln als die Abgabekommission zu beschimpfen.

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