Fotostrecke

TV-Experiment in der ARD: Fremde im wilden Osten

Foto: WDR

ARD-Großereignis "Dreileben" Gier im Blick, Trauer im Herzen

Feindliche Übernahme des ARD-Programms: Drei der radikalsten deutschen Regisseure haben sich für das Krimi-Panorama "Dreileben" zusammengetan. Der viereinhalbstündige Koloss der Fernsehkunst stellt die Primetime-Sehgewohnheiten auf eine harte Probe.

Ein westdeutscher Zivi liegt nackt im dunklen Grün der Uferböschung, bis die feuchte Nacht des Thüringer Walds ihn wachkitzelt. Drei junge Wessis saufen, kiffen und betrügen einander in einer wunderschönen realsozialistischen Ruine, die sie vermutlich mit den Mitteln einer Erbschaft erworben und restauriert haben. Ein aus der Haft entkommener Sexualstraftäter streift durch Felshöhlen, wälzt sich vor irrem Glück über die kurze Freiheit im Gehölz des ostdeutschen Forstes.

Fremd sind diese Charaktere alle in ihrem Umfeld; tastend, taumelnd und tollend machen sie sich auf zur Erkundung eines Orts, der trotz genauer Hinweise auf die neuen Bundesländer doch reine Fiktion ist: "Dreileben". Und so lautet auch der Titel der ambitioniertesten ARD-Produktion dieses Jahres. Für das multiperspektivische Krimi-Panorama haben Christoph Hochhäusler, Dominik Graf und Christian Petzold jeweils einen eigenständigen Neunzigminüter gedreht, der inhaltlich mit denen der beiden Kollegen verwoben ist.

Wie erobert sich ein Fremder seine Umgebung? Das ist das große Thema dieses Mammutprojekts - auf mehreren Ebenen: Es geht um die Raumnahme der Charaktere, die in diesem Zwischenreich aus Hexenwald, Kurstadt und Osttristesse nach ihrer Bestimmung suchen. Es geht um die Raumnahme der Filmemacher, dreier Regisseure mit westdeutschem Hintergrund, die das Thüringer Setting, bei dem Archaik und Autobahntrassen aufeinanderprallen, wie das Frontier Land in einem Western betrachten - gierig die Eindrücke aufsaugend, traurig auf das vermeintliche verlorene Paradies blickend.

Keiner denkt an die Quote, herrlich!

Und es geht schließlich um die Raumnahme der Filmkunst, die sich für dieses einmalige Unterfangen am Montagabend über unverschämte viereinhalb Stunden auf jene Programmplätze ergießen darf, die bei der ARD bislang in enger Taktung für Tierdokus, Starporträts und Reinhold Beckmann reserviert waren. An die Quote, wie wunderbar, hat zum Glück keiner gedacht. Und auch nicht daran, den Regisseuren einen gesellschaftspolitischen Auftrag mit auf den Weg zu geben.

Nein, dies ist kein Statement zur Lage der Nation, es ist nicht mal ein Statement zur Lage der Filmkunst in Deutschland. Mit Grauen erinnern wir uns den gescheiterten Omnibusfilm "Deutschland 09", bei dem rund ein Dutzend Regisseure ein kollektives politisches Statement abzugeben versuchten und doch nur fürchterlich eitles Klein-Klein produzierten; auch Graf und Hochhäusler waren dabei. Aber es gibt hierzulande nun mal keine Kino-Bewegung mit gesellschaftlicher Strahlkraft - dafür aber eine Reihe Autorenfilmer, die für ihren unkorrumpierbaren Stil zum Teil im Ausland mehr geschätzt werden als daheim.

Es spricht für Hochhäusler, Graf und Petzold, dass sie für ihre gemeinsame Arbeit nicht den großen politischen oder historischen Stoff gesucht haben, mit dem man ansonsten in der Eventlogik des deutschen Fernsehens punktet. Stattdessen besinnen sie sich auf ihre ureigenen Themen. Als erzählerischer Orientierungspunkt für ihr Thrillerexperiment dient die Flucht eines Sexualtraftäters, darum gruppieren sie ihren jeweils eigenen Blick auf die Welt, und der darf gerne ausschweifen. Ein Stück, drei Sichtweisen.

Der Wald als Rettung

Im ersten Teil mit dem Titel "Etwas Besseres als den Tod" erzählt Christian Petzold vom Zivildienstleistenden Johannes (Jacob Matschenz), der in einem Krankenhaus arbeitet und in seiner Freizeit durch den Thüringer Wald streift. Bei einer nächtlichen Tour trifft er die Bosnierin Ana (Luna Mijovic), in die er sich verliebt. Eine Liebe, die Petzold so inniglich und doch so verflucht zeichnet wie die in seinem letzten Film, dem ostdeutschen Imbissbudenmelodram "Jerichow": Kunstvoll hält er seine beiden Liebenden - ihn, den zukünftigen Medizinstudenten mit Stipendium in Los Angeles, und sie, die glücklose Flüchtlingstochter - auf Distanz zur Gesellschaft. Von der Anhöhe aus oder von der anderen Seite des Ufers hallt der Lärm der Stadt und der Restmenschheit, doch so lange sie sich im verheißungsvoll feuchten und weichen Moos des Waldes aufhalten, kann ihnen nichts passieren.

Und der Sexualstraftäter? Dem hat Zivi Johannes durch eine Unachtsamkeit unfreiwillig zur Flucht verholfen, fortan taumelt der Mann als Gespenst durch "Dreileben", als Projektionsfläche aller menschlichen Ängste.

In Dominik Grafs "Komm mir nicht nach" (Buch: Markus Busch), dem zweiten Teil von "Dreileben", wird nun die Polizeipsychologin Jo (Jeanette Hain) in den Thüringer Wald beordert, um den Entflohenen aufzuspüren. Doch die Arbeit wird bald zur Nebensache, lieber schwelgt die Psychologin mit ihrer Freundin Vera (Susanne Wolf) in Erinnerungen. Die hat mit ihrem Mann (Misel Maticevic) ein renovierungsbedürftiges Gemeindehaus erworben. Hundert Jahre deutscher Historie blättert hier wie Putz von den Wänden.

Der Beton der Geschichte

Was lagert im Beton deutscher Geschichte? Auf welche Weise versucht man sich durch architektonische Aufwertungsmaßnahmen von seinem hässlichen Erbe zu befreien? Wie unlängst in seinem Münchner "Polizeiruf" nimmt Graf auch für seine "Dreileben"-Episode den Krimi als Aufhänger, um vom wohnungs- und städtebaulichen Verleugnungskampf des Menschen zu erzählen. Während das westdeutsche Trio bei Wein, Marihuana und biologisch angebauten Köstlichkeiten die unterschiedlichen Phasen Ostdeutschlands freilegt, wuchern draußen vor der Tür Autobahnen und Prestigebauten im Thüringer Grün. Wer kann ihn zähmen, den Wilden Osten, den Wildwuchs des Ostens?

Christoph Hochhäusler verfolgt in der Abschluss-Episode "Eine Minute Dunkel" (Buch: Peer Klehmet) schließlich die Flucht des verurteilten Sexualstraftäters (Stefan Kurt) durch eben diesen Wildwuchs. Er hetzt mit ihm durch den Wald, er quetscht sich mit ihm in Höhlen, er folgt ihm durch Autobahnbrücken, während der leitende Kommissar (grandios: Eberhard Kirchberg) versucht, sich in den Flüchtigen hineinzuversetzen. Darf man mitfühlen mit dem Monster? Und: Ist das Monster vielleicht gar kein Monster?

Wildnis und Zivilisation werden in dieser kargen "Frankenstein"-Variation als zermürbender Antagonismus in Szene gesetzt. Wie in seinem grandiosen Pubertätsdrama "Falscher Bekenner" spielt Hochhäusler die Frage durch: Wie werde ich zu dem, was die Gesellschaft aus mir macht? Dass das Ganze nicht zum deterministischen Schmierenstück wird, ist auch dem Spiel des Hauptdarstellers Kurt zu verdanken. In einer der stärksten Szenen, die der deutsche Film in den letzten Jahren gesehen hat, gibt es eine schaurige Spiegelung: So ängstlich die Welt aufs Monster schaut, so ängstlich schaut das Monster zurück.

Zugegeben, der Zuschauer muss Ausdauer mitbringen, wenn er am Montag um kurz vor eins die letzten Minuten dieser wunderbaren Zumutung, dieser feindliche Übernahme des ARD-Hauptprogramms, über sich ergehen lassen will. Zumal, wenn sein Blick von der dort üblichen Fernsehdramaturgie geprägt ist. Ach bitte, geben Sie dem Fremden doch ruhig mal ein bisschen Raum.

"Dreileben" läuft am Montag in der ARD. Die unterschiedlichen Teile: "Etwas Besseres als den Tod", 20.15 Uhr / "Komm mir nicht nach", 21.45 Uhr / "Eine Minute Dunkel", 23.30 Uhr

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.