ARD-Jugendsex-Doku Das ganze Leben ein Porno

Webcam-Stripperin als Beruf, Bordellbesitzer als Lebenstraum: Die ARD-Doku "Letzter Halt Sex" zeigt, wie schon Teenager ihrer Unschuld beraubt werden. Trotz mancher Probleme - ein aufwühlender Film.

Cheeks muss erstmal sein Handy rausholen. Da hat er alle Mädchen abgespeichert, mit denen er schon geschlafen hat. Auf elf Telefonnummern bringt es der 16-Jährige. Momentan träumt er davon, mit drei Mädchen zugleich Sex zu haben. Doch bei aller Experimentierfreude: Er ist wählerisch. Seine Partnerinnen sollten jedenfalls kein so ausschweifendes Leben wie er selbst führen. "Ich find's besser, wenn da noch nicht so viele drin gewesen sind", sagt Cheeks. "Damit man sich nichts einfängt."

Nadine, 22 und gerade mit ihrem dritten Kind schwanger, wäre also wohl keine Frau für ihn. Sex, erklärt sie, sei ihr Hobby. Das einzige, das sie habe. "Alles mitnehmen" wolle sie und auch gerne Geld damit verdienen. Ihren Körper verkaufe sie allerdings nur virtuell, vor einer Webcam ziehe sie sich regelmäßig mit großer Freude aus. Einen Traum hat Nadine aber noch: eine Porno-Szene vor der Berliner Siegessäule drehen, zur Rush Hour. Vielleicht macht ja auch ihr Mann mit. Dem habe sie, bevor sie ein Paar wurden, die Ansage gemacht: "Ich will dich mit einer anderen vögeln sehen."

Yasmina, 20 und Betriebswirtschaftsstudentin, ist da im gewissen Sinne romantischer veranlagt. Ihr erstes Mal zum Beispiel sollte etwas Erinnerungswürdiges werden; sie wollte nicht, wie sie es nennt, auf der Rückbank einer dreckigen Karre ihre Unschuld verlieren. Also versteigerte sie ihre Jungfräulichkeit im Internet, fast 7000 Euro wurden geboten. "Das zeigt doch, dass ich dem Mann etwas wert bin", meint Yasmina. Wirklich, mit dem Verlauf der Auktion sei sie hoch zufrieden gewesen: "Es war ein Event."

Der Filmemacher, Arzt und Psychologe Manfred Bölk hat für seine ARD-Reportage "Letzter Halt Sex - Kids am Abgrund" junge Menschen zu ihrem Leben befragt; bei den meisten ist es offensichtlich ausschließlich sexuell definiert. Bölk hat seine Gespräche vor allem an Orten geführt, die man soziale Brennpunkte nennt, in den Wohnsilos von Berlin-Hellersdorf und Hamburg-Jenfeld etwa.

Die Grunderkenntnis seines Films lautet: Wo es keine gesellschaftliche Orientierung gibt, da wird Sex zum einzigen Halt. Wo Sprachlosigkeit regiert, da liefert die Sexindustrie eine Art Ersatzcode. Das Leben: ein Porno.

Nun ist eine gewisse Vorsicht geboten, wenn es um das Modethema Pornografisierung der Gesellschaft geht. Was in den Medien in den letzten Jahren zum großen sexualkulturellen Umbruch stilisiert wurde, markiert oft nur graduelle Unterschiede im Libido-fixierenden Product Placement. Immerhin nutzt die Werbung seit Jahrzehnten die menschliche Triebkraft zum Kaufimpuls. Und auch im Prä-Internet-Zeitalter war in nicht wenigen (auch gutbürgerlichen) Haushalten Pornografie in Form von Papis mäßig geschickt verstauter Schmuddelheftsammlung verfügbar.

"Der ganze dirty Kram"

Was sich allerdings geändert hat: Die Sprache der Pornografie ist heute via Web überall präsent. Sie gibt gleichsam das Idiom vor, in dem sich Halbwüchsige an den Erwachsenen vorbei verständigen. Porno als Jugendsprache, das ist relativ neu. Doch was passiert, wenn der Code einer vollsimulierten Welt zum Hauptverständigungsmittel des realen eigenen Umfelds wird?

Selbst gestandene Rapper können da nur noch aufstöhnen. So erklärt in Bölks 45-Minüter der inzwischen schon etwas gesetztere Kool Savas, dass die jungen Menschen heutzutage den Sex komplett aus Ab-18-Produktionen erlernten: "Schon mit 12, den ganzen dirty Kram."

Nein, die Kids sind nicht all right. Aber was heißt schon Kids? Von Kindheit kann eben kaum noch gesprochen werden, wo das einstige Doktorspielchen als Hardcore-Action durchexerziert wird. In diesem Kontext fungieren Pornos als eine Art Initiationsbeschleuniger - und Minderjährige werden früh zu Leistungsträgern. Zu sexuellen Leistungsträgern.

Diese Beobachtung hat jedenfalls der Jugendpfarrer Bernd Siggelkow vom Berliner Kinderhilfswerk "Arche" gemacht. "Ich muss viel Sex haben", sei heute, so Siggelkow, die Direktive schon bei den ganz Jungen. Auf dem Spielplatz beobachtete er mal, wie eine Gruppe Kinder statt Räuber und Gendarm Gangbang spielten.

Ebenso fatal beim Pornokonsum Minderjähriger: Der ökonomische Subtext, der in jedem kommerziellen Stimulierungsfilmchen eingeschrieben ist, wird unbewusst in die eigene Lebenswirklichkeit übernommen. Jeder Liebesakt wird so zum Tauschgeschäft. Von der drastischsten Form berichtet in der Reportage die 20-jährige Cheyenne. Erst wurde sie von ihrem Vater jahrelang missbraucht, mit 14 dann von ihrem ersten Freund an eine Gangbangrunde verhökert.

Mirjam Müller vom Hamburger "Arche"-Ableger kennt Dutzende solcher Fälle: "Der Missbrauch wird weitergereicht." ARD-Autor Bölk stellt auch gleich eine ganze Reihe solcher Leidensgeschichten in seinem Film vor. Viele der interviewten jungen Frauen tragen Traumata von Vergewaltigungen mit sich herum - und bugsieren sich doch selbst immer wieder in neue Abhängigkeits- und Gewaltverhältnisse.

Ein Stück Kleinbürgerglück

An dieser Stelle verkommt "Letzter Halt Sex" allerdings zu einer nicht wirklich aussagekräftigen Opferparade. Eine tiefergehende Auseinandersetzung mit dem Gewaltkreislauf wäre wünschenswert gewesen. In der plakativen Montage der Late-Night-Doku indes werden die Frauen eher zu Stichwortgeberinnen für ein unheilvolles gesamtgesellschaftliches Szenario degradiert.

Als "Arche"-Sozialarbeiterin Müller etwa von den Bindungsstörungen der Mädchen und Jungen spricht, schneidet der Filmemacher etwas zu eilfertig zu zwei Berliner Teens, die mal für einige Wochen eine Beziehung hatten, bevor diese aufgrund eines Missverständnisses beendet worden sei. Ein etwas gewagter Beleg dafür, dass die Kids heutzutage insgesamt unter Bindungsschwächen litten.

Mal ehrlich: Ist schon okay, wenn ein 15-Jähriger emotional noch nicht auf der rechten Spur ist. Normales pubertäres Unvermögen als Folge der gesellschaftlichen Pornografisierung umzudeuten, erscheint doch arg alarmistisch.

Davon abgesehen zeichnet "Letzter Halt Sex" glaubwürdig eine Welt, in der sämtliche materielle und ideelle Lebensentwürfe immer wieder zwanghaft sexuell ausformuliert werden. Da wird selbst das herbeigesehnte Kleinbürgerglück, nach der sich die hier porträtierte Generation Porno im Inneren offensichtlich genauso sehnt wie die Generationen vor ihr, immer wieder zur Rotlichtvision.

Webcam-Stripperin Nadine jedenfalls weiß im Interview ganz genau, was sie täte, wenn sie endlich das Geld hätte, um aus Berlin-Hellersdorf raus zu ziehen: Sie würde sich mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in der friesischen Provinz niederlassen. Um dort einen Puff aufzumachen.


"Letzter Halt Sex - Kids am Abgrund", Mittwoch 23.30 Uhr, ARD

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