ARD-Macho-Klamotte Saufen, raufen, gegen die Wand laufen

Arme Seelen beim Krakeelen: In "Freilaufende Männer" brechen drei Freunde um die 40 zu einem Selbsterfahrungstrip auf und stürzen ihre Teigkörper in Sport- und Alkoholexzesse. Ein passend unappetitlicher Buddy-Klamauk - der am Ende aber etwas zu feinsinnig sein will.

WDR

Von


Männer um die 40, oje. Irgendein Irrer hat mal gesagt, sie seien in diesem Lebensabschnitt in ihrem besten Alter. Und weil ihnen diese abwegige Idee in Männermagazinen, Männerratgebern und Männerseminaren wieder und wieder eingetrichtert wird, glauben sie schon selbst dran. So strapazieren sie ihre müden Knochen, leeren Geldbörsen und gedrosselte Denkleistung mit Beschäftigungen, die sie vollkommen überfordern: Drachenfliegen, jüngeren Frauen die Welt erklären, Romane schreiben.

Die drei Freunde, die in der dem Thema angemessen grobklotzigen Macho-Klamotte "Freilaufende Männer" zum Selbsterfahrungstrip nach Schweden aufbrechen, sind auf ganz unterschiedliche Weise Opfer der typisch männlichen Ü-40-Selbstverkennung: Jens (Mark Waschke) führt als Fahrlehrer mit Frau und drei Kindern eine Art Vorzeigeleben - wenn er nicht gerade während seiner Joggingtour mit der jüngeren Geliebten fremdgeht. Malte (Fritz Karl) verdealt amerikanische Gelände-Limousinen, die mit ihrem Spritverbrauch so anachronistisch wirken wie er selbst mit seinen Macho-Allüren. Und Möchtegernliterat Thomas (Wotan Wilke Möhring mit wunderbar hässlicher Stirnfalte) kommt durch das Nachdenken über seine eingebildeten Krankheiten kaum dazu, endlich seinen ersten Roman zu beginnen.

Selbstherrlichkeit gepaart mit Jämmerlichkeit, das ist die mentale Gemengelage, die aus dem Mann um die 40 einen schlechten Sozialpartner macht - und einen guten Helden von Psychokomödchen: Der ewige menschliche Widerspruch zwischen Wollen und Können - er offenbart sich wohl niemals so krass, so tragisch, so komisch wie bei ihm.

Und um dieses Paradoxon in seiner ganzen ungebremsten und unappetitlichen Pracht zu präsentieren, wurden die Protagonisten von "Freilaufende Männer" (Regie: Matthias Tiefenbacher, Buch: Gernot Gricksch) aus ihrem natürlichen Großstadtumfeld in die für sie vollkommen unnatürliche Wildnis von Schweden verfrachtet, wo sie in ohrenbetäubender Egozentrik ihre Selbstbilder verteidigen, ohne nur einmal wirklich auf ihre Probleme zu sprechen zu kommen.

Vom Ego-Massaker zur Romanze? Unmöglich!

So gesehen darf man von "Freilaufende Männer" keine psychologischen Raffinessen und der Landschaftskulisse zum Trotz keine Strickpullover-Innerlichkeiten erwarten. Hier wird eher aus der Magen- und Lendengegend argumentiert, Frust und Triebstau sorgen für die eine oder andere klamaukige Verwicklung. In ihren besseren Momenten erinnert die ARD-Produktion an die Buddy-Psychoklamotten aus der Schmiede von Judd Apatow ("Männertrip"), in ihren schlechteren an einen überlangen Mario-Barth-Witz.

Die Darsteller Karl, Waschke und Wilke Möhring werden von Fernsehredakteuren ja gerne mal bestellt, wenn es darum geht, ein weibliches Publikum anzusprechen. Hier allerdings - das als Warnung - gibt es wenig Schauwerte für die Ladies. Wenn die Teigbäuche mit unvorteilhaft wackelndem Gemächt nachts besoffen und lautstark in den See springen, offenbart sich die ganze Verlorenheit des männlichen Geschlechts: arme Seelen beim Krakeelen.

Und so versuchen die drei Hauptfiguren, im machistischen Getöse ihre Depressionen wegzubrüllen. Dass Autohändler Malte Großvater wird, will er genauso wenig wahrhaben wie die kurz bevorstehende Pleite seines Ladens. Dass seine Ehe längst nur noch Simulation ist, muss Fremdgeher Jens in umso lauteren Trinkgelagen vergessen machen. Und dass seine Krankheiten nichts anderes sind als Ablenkungen, um sich die anstrengende Realität vom Hals halten, erfährt Hypochonder Thomas durch die Annäherung einer schwedischen Bilderbuchblondine, die wie aus einer Astrid-Lindgren-Geschichte gepurzelt scheint.

Genau hier hört der Film auf zu funktionieren. Denn natürlich lässt sich so ein Ego-Massaker nicht wirklich in eine subtile Liebesgeschichte drehen, in der tolle, interessante, starke Mädchen die alten trübseligen Jungs wieder zurück ins echte Leben holen. Nein, weibliche Charaktere werden in so einem Zusammenhang einfach nur gnadenlos verheizt, subtile Auflösungen sind unmöglich, das liegt in der Logik des Stoffes: Der Mann über 40, so die bittere Wahrheit, hat keine Verwendung für Frauen. Er ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

"Freilaufende Männer", Mittwoch 20.15 Uhr, ARD



insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Christian Krippenstapel 30.03.2011
1. Män-ner sind Schwei-ne
Zitat von sysopArme*Seelen beim Krakeelen: In "Freilaufende Männer" brechen drei Freunde um die 40 zu einem*Selbsterfahrungstrip auf und*stürzen*ihre Teigkörper in Sport- und Alkoholexzesse. Ein*passend unappetitlicher Buddy-Klamauk - der allerdings etwas zu feinsinnig sein will. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,753683,00.html
Und nachdem diese peinliche Sammlung von Klischees über Männer nun auf Zelluloid gebannt wurde, können wir uns wohl alle wieder beruhigt zurücklehnen in der Sicherheit der Erkenntnis, daß die Verachtung und Herabsetzung alles Männlichen nicht auf dümmliche Vorurteile zurückgeht, sondern auf "gesicherte Erkenntnisse". Also, das haben Die Ärzte aber schon vor Jahren viel treffender formuliert (s.o.) ...
Hansschwarz 30.03.2011
2. Freilaufende Männer
...und das von unseren Gebühren! Schande über diese Verschwender. Hans Schwarz, Norderstedt http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,753683,00.html[/QUOTE]
chefchen123 30.03.2011
3.
Schön wenn man so einfache Klischees im Kopf hat. Diese ewigen Frauenbeweihräucherungsfilmchen kann auch keiner mehr sehen. Was ist eigentlich das weibliche Pendant zum "Macho" ?
artusdanielhoerfeld 30.03.2011
4. Das ist leicht
Zitat von chefchen123Schön wenn man so einfache Klischees im Kopf hat. Diese ewigen Frauenbeweihräucherungsfilmchen kann auch keiner mehr sehen. Was ist eigentlich das weibliche Pendant zum "Macho" ?
Nun, das ist eindeutig die "Macha". Analog der Beschreibung des "Machismo" im Duden lautet ihre Definition: Machisma: "Übersteigertes Weiblichkeitsgefühl, Weiblichkeitswahn, Betonung der weiblichen Überlegenheit. macha: übertrieben weiblich"
Skade, 30.03.2011
5. Macho
Kaum wird von paar Männern berichtet, muss natürlich das abfällige Wort Macho mit eingebunden werden. Heutzutage eine klare sprachliche Einteilung der Geschlechter. Frauen sind immer Powerfrauen und Männer immer dümmliche Machos.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.