Nach Absage an »Klima vor acht«-Initiative Das wird ein heißer Herbst für die ARD

Die ARD erteilt einem regelmäßigen Klima-Update die endgültige Abfuhr – und die eigenen Mitarbeiter haben Angst vor »Todeszonen« im Programm. Schafft die Anstalt noch den Sprung ins digitale Zeitalter?
Eine Analyse von Christian Buß
Erodierte Landschaft: Das ARD-Management agiert zum Teil täppisch

Erodierte Landschaft: Das ARD-Management agiert zum Teil täppisch

Foto: Karl-Josef Hildenbrand / picture alliance / dpa

Das nennt man wohl Klima-Diplomatie: Vor über einem Jahr hatte die »Initiative Klima vor acht«  die ARD in einer Onlinepetition aufgefordert, vor der »Tagesschau« eine regelmäßige Sendung im Stile des Formats »Börse vor acht« zur Klimakrise zu senden. Der Senderverbund reagierte zögerlich, nahm aber Gespräche mit der Gruppe auf. Nun wurde bekannt, dass der Dialog offenbar endgültig gescheitert ist.

»Ein regelmäßiges Klimaformat zur besten Sendezeit scheint bei der ARD derzeit nicht möglich zu sein«, erklärte die Initiative in einer Mitteilung. »Wir hätten uns mehr Weitblick und Mut von den Öffentlich-Rechtlichen gewünscht.«

Immerhin versicherte ARD-Programmdirektorin Christine Strobl, zukünftig einmal die Woche in der »Viertelstunde vor acht« die Themen Klima und Artenvielfalt aufzugreifen. Eine Art diplomatisches Minimalentgegenkommen, das die »Klima vor acht«-Initiative nur bedingt glücklich stimmt: »Die Fernsehlandschaft muss sich in Teilen neu erfinden, um diese beispiellose Krise medial zu bewältigen«, heißt es in dem Statement des Zusammenschlusses. »Daran werden wir die ARD und alle anderen Sender weiter erinnern und gerne mit unserer Expertise unterstützen.«

Expertise, Unterstützung und gute Ratschläge bekommt die ARD momentan von allen Seiten angeboten. Genauer gesagt: Die Anstalt steht unter Beschuss wie selten zuvor. Petitionen und offene Briefe erreichen die Programmdirektion in München zum Teil im Stundentakt. Sie stammen von zuarbeitenden Interessenverbänden, aber auch immer mehr aus dem eigenen Haus.

Angst vor der »Todeszone«

Erst am Montag wandte sich eine Gruppe aus Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus dem Umfeld von ARD-Politmagazinen wie »Panorama« und »Monitor« an die Programmverantwortlichen um ARD-Frontfrau Strobl, um gegen den geplanten mediathekenkompatiblen Umbau der Formate Einspruch zu erheben. Wenig später schickten Korrespondenten und Ex-Korrespondenten des Hauses einen Appell an die gleiche Adresse, die angedachte Verschiebung des »Weltspiegel« vom frühen Sonntagabend in die Montagnacht zurückzunehmen.

Zu den Unterzeichnern des Papiers, das dem SPIEGEL vorliegt, gehören öffentlich-rechtliche Galionsfiguren wie Sonia Seymour-Mikich, Claus Kleber oder Thomas Roth. Sie sehen das Traditionsformat in die »Todeszone« des ARD-Programms abgeschoben. »Todeszone« ist ein Begriff, der immer wieder fällt, wenn es bei dem Senderverbund um Sendeplatzverschiebungen geht. Die Mitarbeiterschaft scheint da wenig Vertrauen ins Programm-Management ihrer Leitung zu haben.

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Dass der Protest sich häuft und der Einspruch immer drastischer vorgetragen wird, hängt damit zusammen, dass die ARD vor dem wohl größten Umbau seit Bestehen steht. Das Haus soll unter anderem jüngere Zielgruppen, die ans Streamen gewöhnt sind, ansprechen. Momentan beraten die Ministerpräsidenten über eine Novellierung des Staatsvertrages, die die Befugnisse der Öffentlich-Rechtlichen neu regeln soll. Es geht im Kern darum, dass ARD und ZDF in die Lage versetzt werden, flexibler auf die Anforderungen der Digitalisierung und des immer segmentierteren Fernsehmarktes reagieren zu können. Im Herbst soll darüber abgestimmt werden.

Die jetzt angeschobenen Strukturreformen greifen den Gedanken der Flexibilisierung schon auf, indem sie das Verhältnis von linear ausgestrahlten Inhalten und Mediathekenbefüllung neu justieren. Das führt zu den neuen Verteilungskämpfen und Strategiedebatten – die von den Verantwortlichen tatsächlich nicht immer geschickt moderiert werden. Da droht ein heißer Herbst für die ARD, auf den das Haus offenbar nicht vorbereitet ist.

RTL als Klimaretter?

Wie täppisch das ARD-Management zum Teil agiert, zeigte sich eben auch im Umgang mit dem »Klima vor acht«-Ansinnen. Während man endlos Beschwichtigung bei diesem dringlichen gesellschaftspolitischen Thema betrieb, machte die private Konkurrenz von RTL Nägel mit Köpfen und führte bereits Anfang Juli ein »Klima Update« ein, das nun zweimal die Woche ausgestrahlt werden soll.

Das neue Format, das RTL mit den konzerneigenen Partnern von »Geo« präsentiert, ist Teil einer Qualitätsoffensive, mit der die deutschen Privatsender die bisherige Info-Hoheit der Öffentlich-Rechtlichen angreifen . In diesem Zuge verlor die ARD zuletzt die »Tagesschau«-Sprecherin Linda Zervakis an ProSieben und die »Tagesthemen«-Moderatorin Pinar Atalay an RTL.

Die Privaten schaffen es momentan, sich als neue Qualitätsgaranten zu inszenieren, während die ARD den Anforderungen der Zeit hinterherzuächzen scheint. So kann sich RTL nun ohne großes Investment als Klimaretter ins Licht setzen. Dabei wäre es ein Leichtes, die neue private Konkurrenz blass aussehen zu lassen. Das RTL-Update wirkt zuweilen wie eine etwas onkelige meteorologische  Sendung für ältere Ostsee-Urlauber.

Warum macht die ARD da nicht ernst mit ihrer proklamierten Jagd aufs U-40-Publikum – und präsentiert ein kluges modernes Klimaformat direkt vor der »Tagesschau«? Einen größeren Leuchtturm könnten sie im linearen Programm kaum bauen, um ein junges, Klima-achtsames Publikum zu gewinnen.