ARD-Suiziddrama Wer weiß schon, wie es im Himmel zugeht?

Der Tod lässt sich nicht wegreden: Das kompromisslose ARD-Drama "Der letzte schöne Tag" erzählt davon, wie eine Familie mit dem Suizid der Mutter umzugehen versucht. Ein Requiem, das ganz ohne Küchenpsychologie und Seelen-Klimbim auskommt.

WDR

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Trägt eine Leiche bei der Beerdigung eigentlich Unterwäsche? Blöde Frage, zugegeben. Aber der Familienvater Lars (Wotan Wilke Möhring) kommt nicht umhin, sie zu stellen. Seine Frau hat Suizid begangen, bei der Aufbahrung soll sie schön aussehen. Schon wegen der beiden Kinder, die sie noch ein letztes Mal in Augenschein nehmen wollen, obwohl Lars das nicht so gut findet. Eines dieser lila- oder lachsfarbenen Leichenhemden, die der Bestatter an einer Stange anbietet, wäre jedenfalls komisch; wer will denn in sowas einen geliebten Menschen sehen. Also bringt der Neu-Witwer gleich ein ganzes Outfit mit, Schlüpfer inklusive.

Sterben ist keine große Sache, in einem Moment schlägt das Herz, im nächsten schlägt es nicht mehr. Die Hinterbliebenen aber stehen da mit einem Haufen kleiner und großer Fragen. Besser erstmal die kleinen abarbeiten. Die großen, etwa die Frage nach dem Warum, spart man sich dann für später auf. Oder man schiebt sie ganz auf. Die Antwort wäre doch nur immer eins: pietätlos. Den Tod versteht man nicht, man kann ihm nur hinterherräumen.

Die Macher des Fernsehfilms "Der letzte schöne Tag" arbeiten sich nicht lange an der Frage nach dem Warum ab. Gut so. Die Verstorbene litt unter Depression, in knappen und stillen Rückblenden sehen wir, wie Sybille (Julia Koschitz) wie gelähmt in ihrem Haus sitzt. Das Ursachengestrüpp ihrer Erkrankung versuchen Regisseur Johannes Fabrick ("Der Kalte Himmel") und Drehbuchautorin Dorothee Schön ("Frau Böhm sagt nein") nicht zu rekonstruieren. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Frage: Was macht der Verlust mit der Familie? Wie droht sie auseinanderzufallen? Auf welche Weise wächst sie wieder zusammen?

Ist das nicht Kitsch? Na und!

Es geht hier um Details, dem Sterben wird keine höhere Logik abgerungen. Der leblose steife Körper, den Lars von seiner Frau nach dem Suizid per Spritze im Wald unter einem Baum findet, ist nicht mehr als ein lebloser steifer Körper. Ein Tod stiftet nun mal keinen Sinn, ein Freitod schon mal gar nicht.

Oder wie es Lars später bei einem Bier, das keinen Trost bringen will, einem Freund erklärt: Wenn jemand stirbt, dann verliert man generell die Zukunft. Aber wenn jemand sich selbst umbringt, dann wird einem zusätzlich zur Zukunft auch noch die Vergangenheit geraubt - weil einem das gesamte gemeinsame Leben zuvor als Lüge erscheinen muss. Nein, die große Sinnblase wird in "Der letzte schöne Tag" nicht aufgeblasen. Sie würde doch nur zerplatzen.

Obwohl: In einer der stärksten Szenen lassen die Hinterbliebenen einen großen weißen Helium-Ballon in den Himmel steigen, um der Mutter einen letzten Gruß zu schicken. "So ein Kitsch", nölt genervt die 14-jährige Tochter (Matilda Merkel). Ihr siebenjähriger Bruder (Nick Julius Schuck) aber schaut dem davonfliegenden Ballon hinterher, bis er ganz in den Wolken verschwunden ist. Die pubertierende Tochter findet ebenfalls einen kurzen Moment des Innehaltens - ausgerechnet als sie den leichenstarren Händen der aufgebahrten Mutter selbstgestrickte Handschuhe überzieht. Wie glücklich die Kinder in diesen Augenblicken ausschauen, wer wollte ihnen diese Augeblicke nehmen.

In kluger Taktung haben die Filmemacher stille Grausamkeiten und versöhnliche Sequenzen aneinandergereiht, ohne dabei Schicksalsergebenheit zu verbreiten. Ratlosigkeit steht hier neben Momenten des Erkennens, die Wut löst sich oft unvermittelt in sozialer Geborgenheit auf. Der Schmerz droht die Familie auseinanderzureißen, er führt sie aber auch wieder zusammen.

Mit Seelen-Klimbim hat das nichts zu tun. Im Gegenteil, aller Trost erwächst in diesem Requiem der Konkretion, Hokuspokus sucht man vergeblich. Fast vergeblich. Denn manchmal sitzt da im Film ganz still die Mutter am Küchentisch oder an der Bettkante, so als überlagerten sich Bilder der Vergangenheit mit der Leere der Gegenwart. So viel Hoffnung lässt dieses ansonsten vollkommen ungesüßte Todesstück dann doch zu: Wer einmal wirklich da gewesen ist, kann niemals ganz weg sein.


"Der letzte schöne Tag", Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD



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autocrator 18.01.2012
1. wo
wo hat denn der artikelautor denn diesen gequirlten satz her (zitat): "Ein Tod stiftet nun mal keinen Sinn, ein Freitod schon mal gar nicht." auweia. ein suizid hat immer einen sinn – und sei es nur der für den selbstmörder, in seiner ganz konkreten individuellen situation, seinem erleben, seiner umwelt. und wie oft wird einfach "sterben gelassen"? - jährlich krepieren in Deutschlandesh 15.000 patienten an krankenhauskeimen, das ist seit jahren bekannt, niemand unternimmt etwas dagegen, am wenigsten die verantwortlichen in den krankenhäusern und den zuständigen gesundheitsbehörden & -ministerien ... das hat auch einen sinn! - und sei's bloß der: sich bloß keine arbeit machen, die verfehlungen der vergangenheit nicht zugeben müssen, keine schadensersatzklagen am hals haben, kein zusätzlicher mehraufwand mit mehrkosten betreiben müssen. sinnlos gestorben wird ganz selten. der sinn ist nur oft für die hinterbliebenen oder die verantwortlichen kein angenehmer, der sich leicht verteidigen ließe. Die sinnfrage nicht zu stellen, oder gar einfach mit einem läppischen satz wegzuwischen dient nur der eigenen bequemlichkeit bzw. dem erhalt eines menschenverachtenden systems, das nur marginal bereit ist, wirkliche lösungen zu erarbeiten und anzubieten.
autocrator 18.01.2012
2. wo
wo hat denn der artikelautor denn diesen gequirlten satz her (zitat): "Ein Tod stiftet nun mal keinen Sinn, ein Freitod schon mal gar nicht." auweia. ein suizid hat immer einen sinn – und sei es nur der für den selbstmörder, in seiner ganz konkreten individuellen situation, seinem erleben, seiner umwelt. und wie oft wird einfach "sterben gelassen"? - jährlich krepieren in Deutschlandesh 15.000 patienten an krankenhauskeimen, das ist seit jahren bekannt, niemand unternimmt etwas dagegen, am wenigsten die verantwortlichen in den krankenhäusern und den zuständigen gesundheitsbehörden & -ministerien ... das hat auch einen sinn! - und sei's bloß der: sich bloß keine arbeit machen, die verfehlungen der vergangenheit nicht zugeben müssen, keine schadensersatzklagen am hals haben, kein zusätzlicher mehraufwand mit mehrkosten betreiben müssen. sinnlos gestorben wird ganz selten. der sinn ist nur oft für die hinterbliebenen oder die verantwortlichen kein angenehmer, der sich leicht verteidigen ließe. Die sinnfrage nicht zu stellen, oder gar einfach mit einem läppischen satz wegzuwischen dient nur der eigenen bequemlichkeit bzw. dem erhalt eines menschenverachtenden systems, das nur marginal bereit ist, wirkliche lösungen zu erarbeiten und anzubieten.
uchawi 18.01.2012
3.
Zitat von autocratorwo hat denn der artikelautor denn diesen gequirlten satz her (zitat): "Ein Tod stiftet nun mal keinen Sinn, ein Freitod schon mal gar nicht." auweia. ein suizid hat immer einen sinn – und sei es nur der für den selbstmörder, in seiner ganz konkreten individuellen situation, seinem erleben, seiner umwelt. und wie oft wird einfach "sterben gelassen"? - jährlich krepieren in Deutschlandesh 15.000 patienten an krankenhauskeimen, das ist seit jahren bekannt, niemand unternimmt etwas dagegen, am wenigsten die verantwortlichen in den krankenhäusern und den zuständigen gesundheitsbehörden & -ministerien ... das hat auch einen sinn! - und sei's bloß der: sich bloß keine arbeit machen, die verfehlungen der vergangenheit nicht zugeben müssen, keine schadensersatzklagen am hals haben, kein zusätzlicher mehraufwand mit mehrkosten betreiben müssen. sinnlos gestorben wird ganz selten. der sinn ist nur oft für die hinterbliebenen oder die verantwortlichen kein angenehmer, der sich leicht verteidigen ließe. Die sinnfrage nicht zu stellen, oder gar einfach mit einem läppischen satz wegzuwischen dient nur der eigenen bequemlichkeit bzw. dem erhalt eines menschenverachtenden systems, das nur marginal bereit ist, wirkliche lösungen zu erarbeiten und anzubieten.
Sie verwechselns offenbar die Begriffe "Sinn" und "Grund". Das erklärt auch, weshalb Sie offenbar den Autor nicht verstanden haben. Oder was hat die Frage nach den tiefen Spuren und den offenen Fragen, die ein Suizid bei den Hinterbliebenen hinterlässt, mit Ihrem Wutausbruch über Krankenhauskeime zu tun? Mir erschließt sich der Sinn Ihres Beitrags nicht, der Grund allerdings ist offensichtlich: Frustabbau.
karx11erx 18.01.2012
4. Verwechslung
@autocrator: Wenn Sie aufhören würden, Ursache mit Sinn zu verwechseln, würde ihnen vielleicht auffallen, wer hier wirklich gequirlte ... Sätze hinterlassen hat.
autocrator 18.01.2012
5. wo
wo hat denn der artikelautor denn diesen gequirlten satz her (zitat): "Ein Tod stiftet nun mal keinen Sinn, ein Freitod schon mal gar nicht." auweia. ein suizid hat immer einen sinn – und sei es nur der für den selbstmörder, in seiner ganz konkreten individuellen situation, seinem erleben, seiner umwelt. und wie oft wird einfach "sterben gelassen"? - jährlich krepieren in Deutschlandesh 15.000 patienten an krankenhauskeimen, das ist seit jahren bekannt, niemand unternimmt etwas dagegen, am wenigsten die verantwortlichen in den krankenhäusern und den zuständigen gesundheitsbehörden & -ministerien ... das hat auch einen sinn! - und sei's bloß der: sich bloß keine arbeit machen, die verfehlungen der vergangenheit nicht zugeben müssen, keine schadensersatzklagen am hals haben, kein zusätzlicher mehraufwand mit mehrkosten betreiben müssen. sinnlos gestorben wird ganz selten. der sinn ist nur oft für die hinterbliebenen oder die verantwortlichen kein angenehmer, der sich leicht verteidigen ließe. Die sinnfrage nicht zu stellen, oder gar einfach mit einem läppischen satz wegzuwischen dient nur der eigenen bequemlichkeit bzw. dem erhalt eines menschenverachtenden systems, das nur marginal bereit ist, wirkliche lösungen zu erarbeiten und anzubieten.
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