Homo-Talk bei Günther Jauch Wider alle Logik

Sollen Homo- und Hetero-Ehe gleichgestellt werden? Das Verfassungsgericht tendiert dazu - doch die Konservativen in der Union bremsen. Bei Günther Jauch konnte man beobachten, welch merkwürdiger Argumente sie sich bedienen. Zum Glück gab es in der Talkrunde einen 75-Jährigen, der die Sache gerade rückte.

Es sind harte Zeiten für die letzten Konservativen in der Union. Wenig ist ihnen geblieben, seit ihnen die merkelsche Modernisierung den Glauben an Kernkraft und Wehrpflicht nahm. Jetzt geht es um den letzten verbliebenen Markenkern, die traditionelle, die "bürgerliche" Familie aus Vater, Mutter, Kind und nicht Papa und Vati oder Mama und Sabine.

Wer noch nicht wusste, wie dieser Kampf geführt wird, den das Verfassungsgericht gerade mit seinem Urteil zum Adoptionsrecht schwuler und lesbischer Paare befeuert hat, der konnte sich in der Talkshow von Günther Jauch einen Eindruck verschaffen. Besonders erbaulich war der nicht, eher schon bizarr, wenn nicht sogar ärgerlich.

Bisher durften Partner in einer Homo-Ehe das adoptierte Kind ihres Lebensgefährten nicht adoptieren. Das verletze den Gleichheitssatz des Grundgesetzes, urteilte Karlsruhe. Künftig soll diese Art der Adoption nun doch möglich sein. In der Rechtsentwicklung der vergangenen Jahre ist dies ein weiteres Signal zur vollständigen Gleichstellung von Homo- und Hetero-Ehen.

Eine solche Gleichstellung wäre durchaus im Sinne von 70 Prozent der Bundesbürger. Keineswegs aber in dem von Katherina Reiche, hauptberuflich Staatssekretärin im Umweltministerium, mindestens ebenso sehr aber christdemokratische Familienpolitikerin mit dem überaus selbstgewiss vertretenen Anspruch, die sogenannte Mehrheitsgesellschaft zu repräsentieren, deren Fortbestand angeblich allein durch Ehen zwischen Mann und Frau gesichert werden könne.

Jedes Mal, wenn sie das betonte, klang es so, als hätten - wider alle Logik - andere Familienmodelle einen Geburtenrückgang zur Folge. Und sie betonte es sehr oft, in immer neuen Variationen, zitierte Mal um Mal die Privilegierung der Ehe im Grundgesetz und pries so nachdrücklich die Weisheit von dessen "Vätern und Müttern", dass man sich kaum gewundert hätte, wenn sie auch noch darauf verwiesen hätte, dass das Grundgesetz zum Glück kein Produkt einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft sei.

Sorge um den Fortbestand der Gesellschaft

Selbstverständlich ist Frau Reiche aber auch gegen Diskriminierung, so dass ihr homosexueller Parteikollege Stefan Kaufmann, der sich als erster CDU-Abgeordneter geoutet hat, wenigstens in dieser Hinsicht nichts zu befürchten hatte. Doch es kam der Moment, in dem auch er mit dem Ausdruck leiser Verzweiflung bekannte: "Ich kann Ihnen nicht mehr folgen." Das war, als Frau Reiche allen Ernstes behauptet hatte: "Die bürgerliche Ehe soll diskreditiert werden."

Da wurde es dann auch Henning Scherf, dem früheren Bremer Bürgermeister, zu bunt. Gelassen, aber mit sichtlichem Stolz hatte er zuvor von seiner fünfköpfigen Regenbogenfamilie berichtet, bestehend aus seiner Tochter, deren Frau sowie einem schwulen Paar und einem Kind. Sie sei "auf dem völlig falschen Dampfer", hielt der sozialdemokratische Altvordere der jungkonservativen CDU-Frau vor. Sie habe ganz offensichtlich ein Problem mit der Verfassungswirklichkeit. Und Thomas Welter, ein Volkswirt, der mit seinem Partner seit 20 Jahren zusammenlebt, zehn davon als Ehemann, und zwei Kinder in den USA adoptiert hat, brachte es etwas entnervt, aber treffend auf den Punkt: "Ich nehme doch niemandem etwas weg!"

Aber das schien Frau Reiche und den ihr zur Seite stehenden "FAZ"-Journalisten Reinhard Müller wenig anzufechten, auch nicht die Einschätzung Jauchs, dass doch gerade das Familienleben etwa des Herrn Welter ein durchaus bürgerliches sei. Auch das weitere, eindrucksvolle Beispiel einer lesbischen Ehe mit zwei überaus wohlgeratenen erwachsenen Kindern half da wenig. Ebenso wenig wie Hinweise des Moderators und der anderen Gäste darauf, dass die Gesellschaft nun einmal bunter geworden, die Akzeptanz unterschiedlicher Lebenskonzepte gewachsen sei, nicht nur in Prenzlauer Berg, sondern selbst im Westerwald, und dass die Union ja ohnehin spezielle Probleme in den Großstädten habe. Nicht einmal Wolfgang Schäuble, dessen jüngste Bemerkung vom Wandel der Werte ins Spiel gebracht wurde, vermochte da etwas auszurichten.

Immer wieder fiel Frau Reiche nur die Sorge um den Fortbestand der Gesellschaft ein. Ersatzweise verwendete ihr Mitstreiter Müller Textbausteine wie "Keimzelle" oder "millionenfach gelebtes Durchschnittsmodell" und fiel, ohne ansonsten Nennenswertes beizutragen, lediglich dadurch auf, dass er die gesamte Frage der Gleichstellung homosexueller Paare als "Rechtsrandgebiet" abqualifizierte, wogegen sich Familienvater Welter ausdrücklich verwahrte. Kaufmann wiederum gab zu bedenken, dass es in Deutschland zwar nur 67.000 Homo-Ehen gebe, aber drei bis vier Millionen Homosexuelle.

Es war letztlich Henning Scherf, mit 75 Jahren der Älteste in der Runde, der gewissermaßen die Möbel gerade rückte. Mit einem temperamentvollen Plädoyer für Liberalität und Toleranz mit Verweis auf Skandinavien, die Niederlande und mittlerweile sogar die USA ließ er die weltanschauliche Gegenseite alt aussehen. Die Nachkriegszeit mit ihren antiquierten Traditionen sei nun endgültig vorbei.

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