Schwarz-Rot-Talk bei Jauch Die Von-der-Leyen-Show

Thema bei Günther Jauch war Merkels neue Mannschaft, tatsächlich ging es nur um eine: Ursula von der Leyen. Die neue Verteidigungsministerin dominierte den ARD-Talk. Die anderen Gäste und der Moderator machten es ihr leicht.

Von der Leyen bei Jauch: Die kommende Kanzlerin?
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Von der Leyen bei Jauch: Die kommende Kanzlerin?

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Fehler in der Programmankündigung der ARD: Mit Bedauern teilte die Redaktion der Talkshow "Günther Jauch" am Sonntagabend mit, dass versehentlich ein falsches Thema an die Medien weitergegeben worden sei. Der Titel "Merkels neue Mannschaft - wie werden wir jetzt regiert?" habe selbstverständlich nichts mit dem Inhalt der Sendung zu tun gehabt. Vielmehr habe die Sendung unter dem Motto gestanden: "Ursula von der Leyen äußert sich zur sicheren Zukunft unserer Nation".

Dies, verehrte SPIEGEL-ONLINE-Leser, war ein Scherz. Völlig falsch ist, dass die Redaktion von Günther Jauch im Anschluss an die Sendung irgendeine Form von Richtigstellung herausgegeben hat. Nicht ganz so falsch dagegen ist die These, dass es sich bei Jauchs Sendung am Sonntagabend tatsächlich zu großen Teilen um eine Soloshow der stellvertretenden CDU-Parteivorsitzenden, bisherigen Bundesministerin für Arbeit und Soziales und künftigen Bundesverteidigungsministerin handelte.

Andere müssen erst höchste Ämter in Bundes- oder gar Weltpolitik erreichen, bevor sie die ARD mit dem Privileg eines Einzelinterviews am Sonntagabend adelt. Bei von der Leyen genügten die gewohnt staatsmännische - oder anders formuliert: extrem zahnlose - Moderationstechnik Günther Jauchs und die etwas fragwürdige Besetzung der Talkrunde, um sie zur Hauptdarstellerin zur machen - dabei hatte auch sie außer Allgemeinplätzen nicht viel zu bieten.

Man wünscht sich Marietta Slomka

Doch Gregor Gysi, als Vorsitzender der stärksten nicht an der Regierung beteiligten Bundestagsfraktion, der Linken, nun eigentlich Oppositionsführer, hätte man, wenn man es nicht besser wüsste, an diesem Abend für einen Altbundespräsidenten halten können - so sehr um ewige Werte wie den Frieden bemüht, trat er auf. Dazu lieferten Ingo Zamperoni, scheidender "Tagesthemen"-Moderator und künftiger ARD-Korrespondent in Washington, und die "Zeit"-Redakteurin Elisabeth Niejahr ein Beispiel mustergültiger journalistischer Zurückhaltung, angesichts derer man sich fast schon Marietta Slomka herbeigewünscht hätte. Und dann war da noch Andrea Nahles, scheidende Generalsekretärin der SPD und designierte Nachfolgerin von der Leyens im Arbeitsministerium. Sie taute exakt um 22.38 Uhr auf, als die Sprache auf die Rente mit 63 kam. Aber da war die Sendung bereits so gut wie vorbei.

Eines sich hartnäckig haltenden bundespolitischen Allgemeinplatzes zufolge wird das Verteidigungsministerium als Sprungbrett für die sogenannten höheren Aufgaben apostrophiert. Seit Helmut Schmidt (und der ist immerhin schon seit 41 Jahren nicht mehr Verteidigungsminister) allerdings hat es kein Amtsinhaber mehr zu Höherem gebracht, dafür war so mancher seiner Nachfolger in dem Ministerium in Affären verstrickt oder musste den Posten aus anderen Gründen vorzeitig räumen - von Georg Leber über Manfred Wörner, Rudolf Scharping, Karl-Theodor zu Guttenberg bis hin zu Thomas de Maizière.

Ob von der Leyen nun tatsächlich die kommende Kanzlerin der Bundesrepublik sein wird, ist deshalb keinesfalls gesagt - was die Politikerin bei Jauch aber nicht davon abhielt, aufzutreten, als ob sie eigentlich schon Kanzlerin wäre. Oder zumindest eine Generalistin, die zu derart vielen Themen eine profunde Meinung hat, dass sie die Regierung notfalls wahrscheinlich auch ohne weitere Fachminister führen könnte.

"Ungebrochener Rückhalt für unsere Soldatinnen und Soldaten"

Von der Leyen äußerte sich zu Deutschlands veränderter Rolle in der Welt und zur Notwendigkeit von Investitionen in Forschung und Bildung. Sie betonte die Bedeutung einer gut funktionierenden Wirtschaft und die solider Finanzen. Sprach dann sehr ausführlich über die Mütterrente. Streifte kurz die Wichtigkeit eines "ungebrochenen Rückhalts für unsere Soldatinnen und Soldaten". Erwähnte ihr Ziel, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch im militärischen Sektor voranzutreiben. Ließ zudem das Problem posttraumatischer Belastungsstörungen nach Kampfeinsätzen anklingen. Berief sich auf "kleine Leute" und "junge Menschen". Und lobte, dass es gut sei, dass mit der Berufung Sigmar Gabriels zum Superminister nun der Antagonismus zwischen Umwelt und Wirtschaftsministerium überwunden sei.

Irgendwann erwähnte sie sogar den Namen Angela Merkel - um dann zu betonen, sie wisse mittlerweile, dass die Kanzlerin längerfristig an dem Plan gearbeitet habe, ihr das Verteidigungsministerium anzuvertrauen.

Jauch ging auf diese wahrscheinlich nicht ohne Grund platzierte Andeutung nicht ein - und ließ sich so die Gelegenheit entgehen, von der Leyen direkt mit der Frage zu konfrontieren, welche Ambition sie aufs Kanzleramt habe.

Es blieb der "Zeit"-Journalistin Elisabeth Niejahr überlassen, den Ehrgeiz von der Leyens, der sie ein großes Maß an "Einfühlsamkeit und Härte" attestierte, anzusprechen, als sie sagte, dass der SPD-Chef Sigmar Gabriel "wohl den gleichen Job anstrebe" wie sie. Von der Leyens Augen wurden schmal. Maskenhaft versuchte sie, ein, wenn nicht freundliches, so doch zumindest neutral wirkendes Kameragesicht zu wahren, doch der Raubvogelblick verriet sie. Es war der einzige vielsagende Moment der ganzen Sendung - doch allein dafür hat sie sich trotz aller Schwächen gelohnt.

Wie die ARD allerdings das Konzept der Polit-Talkshow durch vier Jahre Große Koalition retten will, wäre angesichts der einschläfernden Einstimmigkeit dieses Abends eine interessante Frage. Noch viel bedeutsamer aber ist die, ob Demokratie nicht geradezu zwangläufig Widerspruch braucht. Sie wurde nicht diskutiert.

insgesamt 77 Beiträge
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jonas4711 16.12.2013
1. Hat es der Michel
noch nicht kapiert? VdL ist "Muttis" Geheimwaffe. Wenn die Frau ihr "Göschle" (schwäbisch für "große Klappe") aufmacht und wie ein Maschinengewehr losrattert, nimmt jeder Feind reisaus. U N D sowas ist doch Qualifikation pur für diesen Job. .....Größeren Mist als die Traumtänzer mit Plagiat vor ihr kann sie auf dem Wochenmarkt auch nicht einkaufen.....
the great sparky 16.12.2013
2. optional
nein, ich zähle nicht zum konservativen lager - ganz im gegenteil, das vorweg. was einem bei dieser jauch sendung ganz klar wurde, ist die tatsache, dass man es einerseits mit einer macherin zu tun hat und die andere es offensichtlich nur über die quote kommenden dienstag ins ministerinnenamt schaffen wird. da wo die eine es schafft, die moderation einer sendung zu übernehmen, belässt es die andere beim honigkuchenpferd-grinsen und sonnt sich in der am selben tag veröffentlicheten meldung, sie werde ministerin. deutlicher kann man ein kompetenzgefälle gar nicht präsentieren.
bumminrum 16.12.2013
3. Mutter Theresa
Es war gruselig zu erleben, wie Frau vdL. beim Thema Mütterrente die Fakten verdrehte. Der Griff in die von den wenigen Angestellten und Arbeitern finanzierte Kasse zur Gewährung von Wahlkampfgeschenken der CDU ohne langfristige Gegenfinanzierung wurde zum persönlich Samariterwerk dieser Frau. Ihre persönliche Rente bezieht sie wie die Entscheidungsträger nicht aus diesem Topf. Dazu die völlig farblose Frau Nahles...das wird schlimm in den nächsten Jahren. Der Moderator stellte kaum kritische Fragen und wirkte wie Teil einer Propagandaschow zu Erich H. Zeiten. Diese Sendung kann man so auch absetzen.
Manfred Leiterer 16.12.2013
4. Herrschaft der Hausfrauen
Zitat von sysopDPAThema bei Günther Jauch war Merkels neue Mannschaft, tatsächlich ging es nur um eine: Ursula von der Leyen. Die neue Verteidigungsministerin dominierte den ARD-Talk. Die anderen Gäste und der Moderator macht es ihr leicht. http://www.spiegel.de/kultur/tv/ard-talk-von-der-leyen-bei-guenther-jauch-a-939238.html
Ich denke das BRD Volk sehnt sich nach bodenständigen Herrschern. Merkel wird diesen Wunsch befrieden und Leyen als neuen Herrscher inthronisieren.
meckerkopp100 16.12.2013
5. Verteidigungsministerium kein Spielzeugladen
Mal sehen ob Frau Von der Leyen nach den ersten Toten - unter ihrer Verantwortung - immer noch so souverän auftritt.
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