Öffentlich-rechtlicher Rundfunk ARD und ZDF schließen ihre Mediatheken zusammen

Wer Böhmermann abruft, kriegt Kebekus empfohlen: ARD und ZDF vernetzen ihre digitalen Plattformen. Können die gerade unter Beschuss stehenden Anstalten so die jungen Leute erreichen?
ARD und ZDF vernetzen ihre Mediatheken: »Gemeinsame Erlebniswelt«?

ARD und ZDF vernetzen ihre Mediatheken: »Gemeinsame Erlebniswelt«?

Foto: Soeren Stache / picture alliance/dpa

Der ARD-Vorsitzende Tom Buhrow schwärmt von einer »gemeinsame Erlebniswelt« für das Publikum von ARD und ZDF und macht einen »Riesen-Quantensprung« aus. Der ZDF-Intendant Thomas Bellut feiert das Projekt als ein »Best-of des öffentlich-rechtlichen Systems«. Wo man am Montag bei der gemeinsamen Pressekonferenz auch hinhört, es fallen nur Superlative.

Die beiden öffentlich-rechtlichen Frontmänner Buhrow und Bellut verkünden, dass die Mediatheken ihrer beiden Anstalten von nun an eng miteinander vernetzt werden. Es soll da zwar keine gemeinsame Supermediathek unter einer Internetadresse entstehen, aber man plant, die Plattformen beider Senderverbünde algorithmisch miteinander zu verlinken, sodass ein gemeinsames Referenzsystem im Netz entsteht. Schon an diesem Montag soll der Schulterschluss beginnen.

Erst »Bad Banks«, dann »Tatort«?

Konkret wirkt sich die Allianz zum Beispiel auf das Vorschlagsystem der jeweiligen Mediathekenseite aus: Wer die Thrillerserie »Bad Banks« beim ZDF abruft, könnte zukünftig danach den »Tatort« von der ARD empfohlen bekommen. Wer die ARD-Satiresendung von Carolin Kebekus geschaut hat, dem wird das »ZDF Magazin Royale« mit Jan Böhmermann nahegelegt. Fraglos werden die beiden Sender durch die Kooperation ein größeres, leuchtenderes Schaufenster bekommen.

Die Pläne fallen in eine Zeit, da die Ministerpräsidenten eine Novelle des Medienstaatsvertrags diskutieren, die die Befugnisse der Öffentlich-Rechtlichen neu regeln soll. Es geht im Kern darum, dass ARD und ZDF in die Lage versetzt werden, schneller und flexibler auf die Anforderungen der Digitalisierung und des immer segmentierteren Fernsehmarktes reagieren zu können. Im Herbst soll darüber abgestimmt werden. Die Anstalten, so formulierte es die für den Neuentwurf zuständige Rundfunkkommission der Länder, sollen ihre »publizistische Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit« bewahren.

Der Zusammenschluss der Mediatheken ist ein erster Schritt in diese Richtung. Bellut machte deutlich, dass es bei dem Unterfangen auch darum ginge, US-Streamingdiensten wie Netflix »Konkurrenz« zu machen. Gleichzeitig stellte er fest, dass die strategische Allianz keineswegs den Anfang einer weitergehenden Fusion bedeute.

Jagd aufs junge Publikum

Der Vorschlag, ARD und ZDF zusammenzulegen, wurde in der Vergangenheit immer wieder aufgegriffen, unlängst von der Mittelstandsunion von CDU und CSU, deren Vertreter den Rundfunk zu teuer und zu unbeweglich finden. Die Debatte wurde zuletzt auch unter dem Eindruck des Streits um die Erhöhung des Rundfunkbeitrags geführt, die das Land Sachsen-Anhalt gestoppt hatte. Mit der Allianz im Netz, durch die keine Extrakosten entstehen sollen, beweisen die getrieben und angezählt wirkenden Öffentlich-Rechtlichen erstmals wieder eine gewisse Initiative im Ringen um Relevanz und Akzeptanz.

Gerade findet ein großer Umbau der hiesigen Fernsehlandschaft  statt. RTL und ProSieben haben prominente jüngere News-Fachkräfte wie Pinar Atalay oder Linda Zervakis bei ARD und ZDF abgeworben. Gleichzeitig müssen die Öffentlich-Rechtlichen überlegen, wie sie ihre Inhalte an jene Publikumssegmente vermittelt bekommen, die ihr Wunschprogramm inzwischen eben vor allem auch mittels Streamingdiensten wie Netflix zusammenstellen. Kurz gesagt: Die privaten Sender in Deutschland wollen politischer werden, die Öffentlich-Rechtlichen jünger.

Die gemeinsame Mediathekenoffensive ist eine erste Wegmarke, um vom ewigen Image der 60-plus-Anstalten wegzukommen. Im Coronajahr 2020 sollen sich die Abrufzahlen bei den Plattformen beider Häuser nahezu verdoppelt haben. Nun will man offenbar die Dynamik nutzen, um junge Leute anzusprechen, die fast gar nicht mehr linear schauen.

Ob über die gefeierte Kebekus-Böhmermann-Verlinkung tatsächlich das »öffentlich-rechtliche Ökosystem« entstehen kann, von dem am Montag auf der Pressekonferenz geträumt wurde, muss sich allerdings noch zeigen. Selbst wenn ARD und ZDF eine Art Superalgorithmus zum Anlocken von Zuschauerinnen und Zuschauern unter 40 finden: Laufen ihnen weiter ihre jüngeren Talente zu RTL und ProSieben davon, wird ihnen dieser Superalgorithmus auch nichts nutzen.

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