Kommentar zum Online-Kanal von ARD und ZDF Fernsehen muss Fernsehen bleiben

Zum ersten Mal dürfen sich ARD und ZDF ohne Rücksicht auf ihre rechtliche Bestimmung als TV-Sender im Internet breit machen. Was für den neuen Jugendkanal noch in Ordnung sein mag, darf auf keinen Fall zur Regel werden.

SWR-Intendant Peter Boudgoust: Werbung für den Jugendsender
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SWR-Intendant Peter Boudgoust: Werbung für den Jugendsender

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Es klingt erst einmal wie eine Niederlage für ARD und ZDF. Einen Jugendkanal im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, wie von den Sendern gewünscht, wird es nicht geben. Die Politik genehmigte "bloß" ein Jugendangebot im Internet.

Aber was heißt hier "bloß"? Erstens war die Idee, Jugendliche massenhaft dazu zu bringen, ein konventionell ausgestrahltes Fernsehprogramm zu nutzen, ohnehin rührend anachronistisch. Zweitens ist Online so gut wie alles möglich, was im TV möglich ist - umgekehrt eher nicht. Und drittens lässt sich mit 30 bis 40 Millionen Euro zwar nur ein sehr dürftig bespielter Fernsehkanal finanzieren - für ein Internetangebot ist das jedoch ein ziemlich hübsches Sümmchen.

Die eigentliche Pointe ist aber eine ganz andere. Die Entscheidung der Ministerpräsidenten reicht viel weiter. Sie befreien ARD und ZDF - erst einmal nur für dieses Projekt - im Internet von allen Fesseln. Zum ersten Mal dürfen sich die Anstalten ohne Rücksicht auf ihre rechtliche Bestimmung als Fernsehsender online breit machen.

Das Netz braucht ARD und ZDF nicht

Bislang waren ARD und ZDF Fernsehsender, die nebenbei auch im Internet tätig sind. Tagesschau.de darf es nur geben, weil es die "Tagesschau" gibt. Die "Heute-Show" gibt es online nur, weil es die "Heute-Show" auch im normal ausgestrahlten Programm gibt. Die Begründung dafür war stets: ARD und ZDF sind Fernsehsender und sollen es auch bleiben. Sie sollen nicht mit ihren Beitragsmilliarden andere Online-Medien plattmachen können, die sich meist nur mühsam über Werbung finanzieren.

Natürlich ist es richtig, manche sinnlose Beschränkungen der vergangenen Jahre wieder einzukassieren. Etwa die umstrittene Regel, nach der TV-Sendungen im Internet nur sieben Tage lang abrufbar sind. Das war bloß eine bürokratische und Nutzer-unfreundliche Vorschrift.

Doch was für das Pilotprojekt Jugendkanal in Ordnung ist, darf nicht zur neuen Grundregel werden. Einfach hopplahopp alle Grenzen für ARD und ZDF einzureißen und ihnen das Internet zu überlassen, als sei es ihr ureigenster Auftrag auch noch das Netz mit öffentlich-rechtlichem Anstalts-Programm zu überziehen - das wäre mehr als dreist. Und es wäre durch nichts legitimiert, den Rundfunkbeitrag schleichend in eine Rundfunk- und Internetabgabe zu verwandeln. Das Internet - nicht mal der deutsche Abschnitt - braucht ARD und ZDF nicht, um Vielfalt zu sichern. Das wäre dann endgültig Verschwendung von Gebührengeld.

insgesamt 99 Beiträge
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chem_trailer 17.10.2014
1. Schwachsinn – her damit!
Wozu ist das dolle "freie Internet" eigentlich da, soll sich tummeln, wer möchte. Bei den öffentlich Rechtlichen im Internet dürften jedoch keinerlei Beiträge einfließen. Sollen die doch eine eigene Abteilung aufmachen, die ihre Produktionen ebenfalls werbefinanziert über Wasser halten müssen. Ich denke, das Problem wird sich schnell als Luftnummer entlarven, da die Herrschaften so niemals überleben werden. Einige wenige neue Sender im Netz, ich bitte euch …... Entscheidend ist immer die Qualität, und wenn sie tatsächlich gut ankommen – tja, dann müssen andere halt dichtmachen oder sich ins Zeug legen. Echte Konkurrenz im freien Mark, das tut den staatlichen Gebührenschluckern sicherlich gut.
pan-orama 17.10.2014
2. Falscher Blick
Der Aussage des Artikels kann ich weder zustimmen noch nachvollziehen, geht der Verfasser doch mit einem falschen Blick an die Sache. Das die erhobene Rundfunksteuer von ARD u. ZDF, gleichwohl ob man den direkten Anschluss nutz oder nicht eine vollumfängliche Nutzung beiden Sender via Internet rechtfertigt sollte sich von allein verstehen!
syracusa 17.10.2014
3. das entscheidende Kriterium
Das entscheidende Kriterium ist nicht der Übertragungsweg, und ist noch nicht mal die "Rundfunkartigkeit", also die Zeitgleichheit von Verbreitung und Konsum. Relevant ist vor allem, ob die Zielgruppe hinreichend durch staats- und kommerzferne mediale Inhalte versorgt wird. Das ist IMO bei Jugendangeboten nicht der Fall. Der ÖRR muss hier, um seinem Grundversorgungsauftrag gerecht zu werden, durchaus die Medien und die Technologien nutzen, die von der Zielgruppe favorisiert werden.
marthaimschnee 17.10.2014
4.
Die Grenzen zwischen Fernsehen und Internet existieren aber bereits nichts mehr!
morillo 17.10.2014
5. Ich glaube..
.. für die Befürchtung das ARD und ZDF aufgrund der starken Subventionen privatem Angebot Konkurrenz müsste man erst mal von der Annahme ausgehen, dass die öffentlich Rechtlichen auch etwas produzieren was sich im Nachhinein tatsächlich jemand ansieht. Das halte ich für eine eher gewagte Vermutung
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