ARD, ZDF und der Angriff aufs Kapitol Bedingt sendefähig

Während der Sturm auf das US-Kapitol die Welt in Atem hielt, liefen im öffentlich-rechtlichen Hauptprogramm Reise- und Historien-Dokus. Haben ARD und ZDF ein Live-Problem?
Trump-Anhänger zerstören Kameras vor dem US-Kapitol: »Reporter mit Sicherheitsleuten rausschicken«

Trump-Anhänger zerstören Kameras vor dem US-Kapitol: »Reporter mit Sicherheitsleuten rausschicken«

Foto: Ken Cedeno / imago images/UPI Photo

Dass Claus Kleber hin und wieder dazu aufruft, das Fernsehgerät einzuschalten, dürfte niemanden erstaunen. Als Moderator des »heute-journals« im ZDF ist Kleber eines der wichtigsten Gesichter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, immer wieder wirbt er für das Programm seines Senders. Am Mittwochabend, als in Washington D.C. Tausende wütende Trump-Anhänger und -Anhängerinnen die Stufen des Kapitols erklommen und die Büroräume der Abgeordneten verwüsteten, hatte Kleber allerdings einen anderen Ratschlag.

»Unfassbare Szenen im US #Capitol«, schrieb der Moderator um 20.38 Uhr auf Twitter, dazu den Programmhinweis: »#CNN einschalten Sofort«. Ein ZDF-Mann, der seine knapp 300.000 Fans zur amerikanischen Konkurrenz schickt – ein seltsames Manöver. Angesichts des Programms, das der öffentlich-rechtliche Rundfunk zur selben Zeit sendete, aber vermutlich keine schlechte Idee. Während sich in der Hauptstadt der USA ein gewaltbereiter Mob seinen Weg durchs Parlament bahnte, zeigten ARD und ZDF nämlich munter Dokumentationen: »Balkan Style« und »Die Liebe des Hans Albers« schienen wichtiger als der Sturm auf die Demokratie.

Ein Geschenk für die private Konkurrenz

Einer der härtesten Kritiker dieser Programmgestaltung ist ausgerechnet einer seiner intimsten Kenner: Ulrich Deppendorf, ehemals Tagesschau-Chef und bis vor wenigen Jahren Leiter des ARD-Hauptstadtstudios, sah in dem versuchten Staatsstreich der Trump-Fans ein Jahrhundertereignis. Da erwarte er flächendeckende Berichterstattung. »Das Erste hätte spätestens ab 21.45 Uhr ein durchgehendes ›ARD extra‹ senden müssen«, sagt Deppendorf, »Was kleinere Sender schaffen, müsste der ARD auch gelingen.«

»Dass Claus Kleber einen Tweet absetzt, man solle CNN schauen, kommt einer Kapitulation gleich«

Ulrich Deppendorf

Mit ehemaligen Chefredakteuren ist es ein bisschen wie mit ehemaligen US-Präsidenten. Im Idealfall halten sie sich mit Kritik an ihren Nachfolgern lieber zurück, niemand wünscht sich fiese Kommentare von der Seitenlinie. Umso größer muss man sich Deppendorfs Verzweiflung vorstellen: »Dass Claus Kleber einen Tweet absetzt, man solle CNN schauen, kommt einer Kapitulation gleich«, sagt er.

Die Kritik Deppendorfs trifft den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zur Unzeit. In der Dauerdebatte über eine Erhöhung des Rundfunkbeitrags, die der Landtag von Sachsen-Anhalt Anfang Dezember verhindert hatte, verwiesen ARD und ZDF immer wieder auf ihre herausragenden Sondersendungen in Krisenzeiten. Ob Corona oder Terror: Nie sei das Vertrauen in die Rundfunkanstalten höher, nie seien die Quoten stärker gewesen. Wenn die Bürger Fragen haben, werden sie in der Primetime beantwortet, das zumindest ist der Anspruch der Programmmacher. Hans Albers hin oder her. Tatsächlich waren es in der Nacht des versuchten Staatsstreichs Konkurrenzsender wie ntv oder das Liveangebot der »Bild«-Zeitung, die den Öffentlich-Rechtlichen zumindest zeitweise Zuschauer abtrotzten.  

»Wir müssen sorgfältig sein, nicht nur schnell.«

Beim ZDF kann man die Kritik nur zum Teil nachvollziehen. »Wir hätten rein technisch um 20.30 Uhr ins Programm grätschen können«, sagt Wulf Schmiese, Redaktionsleiter des »heute-journals«. Auch ein Vorziehen der späteren Hauptausgabe habe man erwogen, sich aber bewusst dagegen entschieden. »Wenn man alles stehen und liegen lässt, um schnell auf Sendung zu gehen, kommt man über das pure Draufhalten nicht hinaus«. Sein Team, weniger als ein Dutzend Leute, habe die zusätzliche Zeit genutzt, um Rechte abzuklären, Fakten zu prüfen und die Sendung vorzubereiten. »Wir müssen sorgfältig sein, nicht nur schnell«, sagt Schmiese.

Quotentechnisch hat dem ZDF diese Taktik nicht geschadet: Fast neun Millionen Zuschauer sahen das »heute-journal« am Mittwochabend, auch beim jungen Publikum war der Sender mit 17 Prozent Marktführer. Außerdem gibt es ja Alternativen. Tagesschau24 sendete die Bilder aus Washington praktisch live, Onlinezuschauer konnten sich bei »ZDFheute live« über die aktuellen Entwicklungen informieren. Phoenix, der Gemeinschaftssender von ARD und ZDF, unterbrach sogar als erster deutscher Sender die laufende Sendung, wegen der abgebrochenen Parlamentsdebatte im Kapitol hatte er ohnehin ein Loch in der Programmgestaltung. Die Berichterstattung war da, heißt es aus den Sendern – zumindest für diejenigen, die wussten, wo sie suchen mussten.

Claus Kleber ärgert sich mittlerweile, die eigenen Kollegen vergessen zu haben. »Gestern hätte ich besser auch auf ›ZDF heute‹ verwiesen«, sagt der Moderator, »die waren gut und waren dran«. Online müsse das Angebot »noch bekannter werden«, glaubt auch ZDF-Vize-Chefredakteurin Bettina Schausten, damit man auch im Netz zu einer festen Adresse werde, die »Zuschauer in solchen Lagen ansteuern«. Nur: Wie soll das gelingen, wenn im Hauptprogramm nicht dafür geworben wird?

Innerhalb der ARD gibt man sich in dieser Frage mittlerweile einsichtig. Einen Hinweis auf den Ereigniskanal Phoenix könne er sich künftig gut vorstellen, sagt Marcus Bornheim, erster Chefredakteur von ARD-aktuell. Auch Programmdirektor Volker Herres, der die Sendungen im Ersten aus München koordiniert, sagt: »Dieser Hinweis wäre gestern Abend richtig gewesen«. Ansonsten aber habe man alles richtig gemacht: Die Zuschauerinnen und Zuschauer seien im Ersten »fortlaufend« informiert worden. Das ist durchaus wörtlich zu verstehen: Ab 21.14 Uhr habe das Erste einen »Breaking-News-Crawl« eingeblendet, der sich langsam krabbelnd über die untere Hälfte des Bildschirms schlich. Und schließlich habe man »Die Liebe des Hans Albers« sogar zugunsten der Tagesthemen abgebrochen.

Sicherheitsleute für US-Kollegen

Die Haltung verwundert angesichts der schwierigen Lage, in der sich die Öffentlich-Rechtlichen befinden. ARD und ZDF stehen vor der Aufgabe, ihr Programm ständig neu zu hinterfragen und zu legitimieren – gerade wenn es um die vielen Kanäle und Plattformen geht, die Kritiker als zu teuer empfinden. Das sehen auch einige in der ARD so. In Hamburg, wo Tagesschau und Tagesthemen entstehen, habe man sich noch früher für eine Unterbrechung eingesetzt, heißt es aus der Redaktion – der Flaschenhals liege in der Münchner Programmdirektion. Dass die Albers-Doku schlussendlich vorzeitig beendet wurde, sei richtig gewesen, sagt Marcus Bornheim.

Als Claudia Buckenmaier, Leiterin des Washington-Studios, schließlich um 23.00 Uhr deutscher Zeit im Hauptprogramm erschien, hatten viele Trump-Fans das Kapitol bereits wieder verlassen – und ihre Wut mittlerweile gegen die Medien gerichtet: Ein ZDF-Mikrofon wurde kurzerhand geklaut, Buckenmaier brach eine Schalte aus Sorge um ihr Team ab.

Insofern hat man innerhalb der ARD mittlerweile andere Sorgen als die Kritik von Ex-Chefredakteuren. Bornheim bangt um die Sicherheit seiner Kolleginnen und Kollegen in den USA. »Die Bedrohung von Reporterinnen und Reportern der ARD nimmt immer größere Ausmaße an, im Inland und im Ausland«, sagt er. Künftig könnte man auch in den Vereinigten Staaten dazu übergehen, Reporter mit Sicherheitsleuten rauszuschicken. Unter anderem bei Pegida- und Corona-Leugner-Demos ist das in Deutschland bereits Standard. In den USA war man bisher ohne den Schutz ausgekommen.