"ARDcheck" zur Haushaltsgebühr Die große Rechtfertigungsshow

Die Einnahmen der ARD steigen dank der zwangsweisen Haushaltsgebühr - aber was macht der Sender eigentlich mit dem ganzen Geld? Das wollten die Verantwortlichen erklären und stellten sich dafür Fans und Feinden. Eine bizarre Veranstaltung.
"ARDcheck" mit Buhrow (l.) und Marmor: Ständiges Ringen ums Geld

"ARDcheck" mit Buhrow (l.) und Marmor: Ständiges Ringen ums Geld

Foto: NDR/Thorsten Jander

Wenn sich der ARD-Vorsitzende und NDR-Intendant Lutz Marmor gemeinsam mit WDR-Intendant Tom Buhrow dem Publikum stellt, dann nicht aus Spaß an der Freude. Mit der Einführung einer zwangsweisen Haushaltsgebühr von 17,50 Euro stiegen die Einnahmen der Öffentlich-Rechtlichen auf über acht Milliarden Euro jährlich - das entspricht ungefähr dem Budget der Bundesrepublik für Entwicklungshilfe oder dem Reingewinn eines Konzerns wie Apple. Daraus erwuchs nebenbei für das teuerste Rundfunksystem Europas auch die Notwendigkeit, sich beizeiten für sein Tun und Lassen zu rechtfertigen.

Das haben die Intendanten nun erstmals getan, und vor allem Buhrow schien an der Live-Sendung durchaus großen Spaß zu haben. Marmor dagegen geriet sogar ins Stottern, wenn er sich mal selbst loben konnte - also immer.

150 kritische Zuschauer hockten um die in ARD-Farben gehaltene Manege, in der Buhrow und sein Kollege an einem Pult aus transparentem Kunststoff wacker Rede und Antwort standen: 90 Minuten lang, unterbrochen nur von kurzen Einspielern und atmosphärischen Schwenks über den Hamburger Hafen.

Im Grunde, so Moderatorin Sandra Maischberger, kreiste die bizarre Veranstaltung um zwei Fragen. Was macht ihr mit meinem Geld? Und kann ich euch überhaupt noch etwas glauben? Schnell stellte sich heraus, dass die Wünsche der meisten Zuschauer eher bescheiden sind. "Warum wird so viel Fußball gesendet?" - Weil viele Leute das sehen wollen, aber es gibt auf den Dritten auch Kanu, Rudern, Turnen. "Warum gibt es nicht mehr Handball und Segeln?" - Handball ist mal gescheitert, Segeln ist zu teuer, da braucht man zehn Kameras und Hubschrauber.

Allmählich pirschte sich der "ARDcheck" an ein zentrales Problem heran, nämlich die Überalterung des Publikums. Warum ist das tolle ARD-Wunschkonzert eingestellt worden? Marmor bedauert, dass heutzutage "der Musikgeschmack zu sehr gespreizt ist" und verweist auf Florian Silbereisen und den "Eurovision Song Contest", das gäbe es doch auch.

Und endlich sagte ein junger Mann aus dem Publikum, bei Netflix, Amazon oder Sky sei er sein "eigener Programmdirektor". Was denn die ARD mache, um ihn zurückzuholen? Marmor: "Ich hoffe, dass Sie noch Nachrichten oder Sport gucken, das ist unsere Domäne!"

Da wackelt was

Es folgten weitschweifige Erörterungen über die staatsrechtlichen Hürden auf dem Weg zu einem jugendgerechten Angebot im Internet, das Maischberger an die Adresse des Fragestellers abmoderierte, das dauere alles noch lange, "so zehn Jahre, dann sind Sie auch nicht mehr so jung und gehören wieder zur Zielgruppe".

Alle Fragen nach der Qualität im fiktionalen Bereich beantworteten Buhrow und Marmor mit bedauerndem Blick aufs Geld. Es reicht halt nicht, es reicht nie. Für das, was eine einzige Folge "Homeland" koste, "machen wir drei bis vier 'Tatorte'". Warum schaffen es dann die Briten ("Sherlock") oder die Skandinavier ("Borgen")? Marmor bat um Geduld. Man habe mit der enorm teuren Groß- und Koproduktion mit Sky, "Babylon Berlin" von Tom Tykwer, schon etwas Feines vorbereitet. Buhrow halblaut: "Ich habe gehört, das wackelt." Irgendwas mit der Finanzierung. Marmor verdutzt: "Das wackelt?"

Gottschalk, "Tatort", Pensionen

Schon saßen da Matthias Opdenhövel, der etwas über den Sport erzählte und Sabine Postel, die mit spürbarem Grimm etwas über den "Tatort" wissen wollte, sie sei schließlich "nicht als Petersilie" geladen worden. Die 14 Cent, die von der monatlichen Gebühr in die "Tatort"-Produktion wandern, sind ihr zu wenig. Man arbeite mehr für weniger Geld, und das bei einem solchen Aushängeschild. Marmor: "Das Geld ist bei uns knapp", es sei "ein ständiges Ringen".

Weiter ging die Tour d'Horizon über die ARD mit dem vielen Geld für Gottschalk ("war ein Fehler") und den enormen Pensionsrückstellungen für Direktoren und Intendanten ("sehr kompliziert"). Und man musste schon ein glühender Fan verwaltungsrechtlicher Detailfragen sein, um etwa bei Buhrows Ausführungen zu diesem Thema nicht einzuschlafen.

Auftritt: Advocatus Diaboli

Gerade noch rechtzeitig war der Medienjournalist Hans Hoff geladen. Weil er als Advocatus Diaboli auftrat, färbte sich sogleich die Bühne teuflisch Rot statt Blau. Hoff "grillte" Marmor im konfrontativen Einzelgespräch, indem er ihm die Aussage von BR-Veteranin Bettina Reitz vorlegte, die sich als Fernsehfilmchefin als "Sterbehelferin des Öffentlich-Rechtlichen" gefühlt haben will. Marmor: "Wie soll ich denn darauf eingehen?", also wirklich.

Als Maischberger zuletzt die Wende zum "Lügenpresse"-Vorwurf einleitete und sich mit Anne Will über die Entstehungsgeschichte des Merkel-Interviews im Besonderen und die Einladungspolitik in die Talkshows im Allgemeinen austauschte ("Das weißt du genauso gut wie ich!"), war es eigentlich schon zu spät. Nicht uninteressant, wie der ARD-Korrespondent Udo Lielischkies das Zustandekommen einer "russlandfeindlichen" Fehlinformation erklärte und auch seine Chefs jeden Verdacht einer Beeinflussung "von oben" weit von sich wiesen, aber zu spät.

Der "ARDcheck" wirkte weitenteils wie eine Hauptversammlung vor Kleinaktionären, die versehentlich ins Abendprogramm gerutscht ist und bei der zwei blasse Manager auf Entlastung des Vorstands hinwirken - die Geschäftsführung soll gebilligt, die Arbeit gewürdigt und das Vertrauen ausgesprochen werden. Eine Übung in Transparenz, ein beflissenes Ausstellen staatstragender Relevanz. Das mag man traurig, verlogen oder rührend finden. Zum Vergleich sähe man aber auf jeden Fall jetzt gerne mal einen "RTLcheck".

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.