Armin Laschet bei Markus Lanz Ein Interview wie ein Stierkampf

Mit gezielten Lanzismen wiegte der Moderator seinen Gast Armin Laschet in Sicherheit – und brachte ihn dann zur Strecke wie ein Matador das orientierungslose Rindvieh.
Talkgast Laschet: An der Grenze des Lavierens

Talkgast Laschet: An der Grenze des Lavierens

Foto: ZDF

Stierkampf ist ein Kulturgut, das in Deutschland nur wenige Freunde hat. Allzu grausam, wie der Matador das orientierungslose Rindvieh zur Strecke bringt. Lange sieht es so aus, als würde er mit seinem Opfer nur tanzen, spielerisch, bevor am Ende doch Blut in den Sand der Arena sickert. So in etwa hat Markus Lanz es am Dienstagabend auch mit Armin Laschet getan.

Eine Viertelstunde braucht Lanz, bevor er angreift. Eine Viertelstunde, in der er sich selbst angreifbar macht, um besser angreifen zu können. Er gibt zu, bei irgendeiner Information sei ihm »die Kinnlade runtergefallen«. Etwas, das Maybrit Illner, Sandra Maischberger, Frank Plasberg oder Anne Will niemals sagen würden.

Als Laschet über Impfungen und Gefahren referiert, macht Lanz einen überflüssigen Einwurf (»Thrombose, ne?«), den er sofort zurücknehmen muss: »Ach so, nee, hohe Gefahr in der Ansteckungsgefahr meinen Sie, Entschuldigung«. Es sind taktische Blößen, die er sich gibt. Wie der Matador, der dem Stier den Rücken zuwendet.

»Doch, doch, das war meine Frage!«

Mit seiner leutseligen Vorgebeugtheit macht er die übrigen Gäste zu seinen Hilfstruppen. Aus den Augenwinkeln bekommt er mit, wer nickt, und sagt das dann auch: »Herr Palmer nickt schon!«.

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Und so nimmt er endlich Bezug auf Angela Merkel bei Anne Will – und den CDU-Vorsitzenden in die Zange: »So, jetzt einmal politisch, Herr Laschet. Wo haben Sie am Sonntagabend gesessen, als die entscheidenden Sätze fielen?«

Ein typischer Lanzismus. Die Ankündigung, jetzt werde es politisch, knüpft er an die denkbar unpolitische Frage, wo zum Teufel Laschet gesessen hat, als ihn die Kanzlerin maßregelte. Der Stier schnaubt, ahnt die Falle und beantwortet den banalen Teil der Frage: »Ich hab Anne Will geguckt.«

»Sie waren zu Hause?«, hakt Lanz nach, als wäre das die Frage, und Laschet geht der Harmlosigkeit auf den Leim: »Nein, ich war in Berlin…« Lanz: »Sie waren in Berlin? Was haben Sie erwartet, und was haben Sie bekommen?«. Laschet ahnt, dass es jetzt keinen Ausweg mehr gibt, und stottert mit Blick in den Studiohimmel kopfschüttelnd: »Nein, also die, die …«, Lanz sofort: »Doch, doch, das war meine Frage!«

Laschet spielt die Machtkarte. Er habe sehr lange mit der Kanzlerin gesprochen, »über vieles gesprochen«, was, so sein Subtext, hier nicht hergehört und möglicherweise viel, viel wichtiger ist als das, worüber Lanz gerne reden möchte. Okay?

»Wir beide kennen uns lange und gut genug«

Nicht okay. Lanz zeigt den Einspieler von »Anne Will«, in dem die Kanzlerin deren Frage, ob Armin Laschet gegen den Beschluss verstoßen habe, »den er mit Ihnen verfasst hat«, mit einem deutlichen »Ja!« beantwortet. Lanz stellt fest: »Es war die Kanzlerin selbst, die NRW ins Spiel gebracht hat. Sie sagt dazu das erste Mal: NRW. Sie betont extra NRW.«

Das ist der harte Teil, den Lanz sofort wieder gefährlich einschmeichelt: »Und wir beide, Herr Laschet, kennen uns lange und gut genug, wir schauen uns dabei tief in die Augen: Das war kein Zufall.«

Der Treffer sitzt, man sieht es Laschet an. Er setzt sein rheinisches Lächeln auf, plötzlich kleinlaut, und schnalzt es weg: »Ich glaub schon.«

Der Stier, Laschet, wendet sich nach links, er habe mit der Kanzlerin telefoniert. Dann besinnt er sich, dass er das eben schon mal versucht hat, und wendet sich nach rechts, es gehe um die Sache. Jetzt ist Lanz nah genug, um zuzustechen. Er betont jedes Wort einzeln: »Entschuldigung, Sie sind der neu. gewählte. CDU. Chef. Herr Laschet«. Und diese Geschichte sei in der Sekunde, in der Merkel sie aussprach, mit ihm verbunden: »Ich meine, es geht jetzt um was. Sie beschädigt Sie.«

Laschet schwitzt nur deshalb nicht, weil er gut geschminkt ist. Er schüttelt lächelnd den Kopf, so, als wisse er mehr: »Ich empfinde das nicht so.« Lanz beharrt, Laschet empfindet noch immer nicht so, angeblich, also schaltet der Moderator vom Politischen wieder ins Menschliche: »Aber Sie haben sich doch nicht gefreut darüber, Herr Laschet?«

Damit bekommt er ihn wieder auf die Beine, der Ministerpräsident spricht mit begütigend verschränkten Händen von einem »unterschiedlichen Akzent in einem kleinen Detail«, auf das Lanz sogleich die Lupe richtet: »Unbedingt. Aber nicht abends vor fünf Millionen Leuten, am Sonntagabend zur besten Sendezeit!« Laschet zupft an seiner Krawatte, er hat jetzt Durst. Die Sache!

»Ich freu mich ja«, sagt der sportliche Matador, »dass Sie sich heute Abend dem Gespräch hier stellen, aber noch mal«, und jetzt der Todesstoß: »In München sitzt einer«, der würde es »riechen, wenn einer angeschossen ist«. Der sage, »wieder öffentlich« und »auch nicht zufällig«, dass es nicht angehe, wenn Bund und Länder sich zerfleischen.

»Das ist wahr«, piepst Laschet und greift nach dem Wasserglas. Lanz hat ihn da, wo er ihn haben wollte. Er kommt aus der Reserve und lobt sein Bundesland, auch brauche er »keine Belehrungen« von anderen Ministerpräsidenten: »Ist so«, setzt er hinzu und stellt das Wasserglas wieder ab.

Stille, dann Lanz: »Also Sie sind doch angefasst?« – »Nein!« – »Klar!«

»Ach, Herr Lanz …«

Ob er denn »angefasst« sei, bietet Lanz an, weil die Werte der CDU in den Keller rauschen? Der Stier folgt nur allzu gern der Finte und stürmt in sein Verderben. Jaja, es gebe »Dinge, die die Leute ärgern«, wie »Impfstoff, Masken, Tests, die unsägliche Mallorca-Entscheidung«.

Lanz hat mitgezählt und schaut auf seine Hand: »Alles Bund«, also alles die Schuld von Angela Merkel? Die einen neuen Liebling hat, Markus Söder? Und: »Was muss passieren, dass Sie verzichten?« Laschet kraftlos: »Ach, Herr Lanz…«, darauf Lanz vergnügt: »Ist 'ne gute Frage!«

Hat denn er, Laschet, sich mit seiner Rede vom Montag nicht »im Grunde abgesetzt«, als er die »Behäbigkeit« der Republik kritisierte, und sei das nicht »der Bruch mit der Politik von Merkel?«

Laschet läuft auf den letzten Zylindern seiner Jovialität. Es fehlt zum völligen Absturz nur noch der rhetorische Strömungsabriss. Nein, meint er, das sei »eine Analyse des Landes« gewesen. Lanz lachend: »Das ist das Gleiche, bitte, Herr Laschet, wo ist der Unterschied?« Er wirkt, als wolle er das wirklich wissen. Dabei ist seine Arbeit in dieser Arena im Grunde erledigt, mit Bravour.

Jetzt geht er zum komödiantischen Teil über: »Herr Laschet, wer hat denn jetzt 16 Jahre regiert?«

»Das hat doch damit nichts zu tun!«, protestiert Laschet.

»Doch!«

»Nein!«

»Doch!«, lacht Lanz, die Hand am Kinn.

»Nein, nein, nein, nein«, wimmert Laschet.

»Nicht?«, lauert Lanz.

»Na ja«, seufzt Laschet und läuft erneut in den Säbel, »es hat damit auch zu tun…«

»Doch! Gut, dass wir uns darin einig sind«, resümiert Lanz: »Es ist die Bestandsaufnahme der Arbeit der Kanzlerin.«

Mit der Bestandsaufnahme seiner eigenen Arbeit ist Armin Laschet an diesem Abend gescheitert. Von Markus Lanz hat er sich an die Grenzen seines Lavierens treiben lassen – und darüber hinaus. Vielleicht hat er sich in dieser Sendung sogar endgültig um seine Option aufs Kanzleramt palavert.

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Natürlich ist es schwerer, die Inhaberin des Throns in die Mangel zu nehmen als den Thronprätendenten. Trotzdem fragt man sich, wie kurz wohl der Prozess wäre, den ein Markus Lanz in dieser Form derzeit wohl mit Angela Merkel machen würde.