Armut-"Tatort" aus München Hoho in Hartz-Hausen

Hartz IV mit Humor? Bei den Münchner "Tatort"-Ermittlern Batic und Leitmayr wird die im TV-Krimi verbreitete Betroffenheitsmasche mit Ironie gekontert. Gut so! Der aktuelle Fall um die Machenschaften einer Benefiztafel verheddert sich jedoch zwischen Elendsreport und Sozialgroteske.

BR

Die Krimikolumne von


Welche menschliche Misere sie auch unter die Lupe nehmen - Witze werden bei ihnen fast immer gerissen. Das hat nichts mit Zynismus zu tun, sondern mit Professionalität. Schließlich versehen Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) seit gut 20 Jahren ihren Fernsehpolizeidienst. Hätten sie sich in jedem Fall vor Gefühl überschlagen, würde es sie längst nicht mehr geben. Im Vergleich zu den immer ein bisschen zu heißlaufenden Empörungsautomaten Schenk und Ballauf im Kölner "Tatort" agieren sie anteilnahmsvoll, aber unaufgeregt.

Auch bei der Besichtigung der größten Hartz-IV-Tristesse, so wie am Sonntag in der aktuellen Folge des BR-"Tatort", bleibt bei den grauen Buben aus München Zeit für ein bisschen Spaß - auf eigene Kosten, das versteht sich.

"Jugo forscht" heißt es diesmal bei den ewigen Autofahrten von Verhör zu Verhör. Denn ausgerechnet der Kroate Batic, bei Dienstantritt 1991 der erste deutsche Fernsehermittler mit Migrationshintergrund, stellt bei Mundart-Quizshows im Radio seine Kennerschaft in Sachen bayerische Regionalidiome unter Beweis. "Ivo, der Dialektforscher", frotzelt Franz, der Urbajuware.

Und zum Frotzeln im Auto bleibt diesmal eben viel Zeit, weil die beiden Kommissare permanent zwischen München-Bogenhausen und dem Glasscherbenviertel hin- und herdüsen müssen. Das aktuelle Mordopfer stammte aus dem Münchner Nobelviertel - wurde aber an einer Billigtankstelle im Sozialbau-Quartier mit dem eigenen Jagdgewehr erschossen, da muss man viel durch die Stadt kurven. Die Verbindung ist bald hergestellt: Der Tote organisierte für die Hartzer aus dem Viertel eine Tafel.

Zahnpflege mit Magenbitter

Was zum billigen Kontrastprogramm zwischen Arm und Reich hätte geraten können, wird in "Jagdzeit" (Buch: Peter Probst, Regie: Peter Fratzscher) zum doppeldeutigen, wenn auch riskanten und nicht immer ganz stilsicheren Spiel mit den kulturellen Zuordnungen: Denn der Tote aus Bogenhausen war längst selbst einem Rationalisierungsprogramm in seiner Firma zum Opfer gefallen; um seine Frau bei sich zu halten, tat er so, als sei alles beim Alten. Das nötige Kleingeld besorgte er sich, indem er den armen Teufeln im Glasscherbenviertel deren heimliche Ersparnisse abluchste.

"Ich bin arm, aber nicht blöd", sagt einer der Arbeitslosen zu den Kommissaren. Ein schöner, stolzer Satz, der so leider nur auf sehr wenige Bewohner der sozialen Randzone zutrifft. Wie sich herausstellt, hatte der Ermordete leichtes Spiel bei den Hartzern.

Gelegentlich können die Filmemacher nicht recht die Balance halten zwischen Elendsreportage und Sozialgroteske. Gleichzeitig werden schlüssig die Überlebensstrategien skizziert, mit denen sich die Arbeitslosen und ihre Kinder durchzubringen versuchen.

Mag bei den Figuren auch das eine oder andere Klischee auf die Spitze getrieben worden sein - dass das Herz der Macher dann doch für die Entrechteten schlägt, ist unverkennbar. Am deutlichsten kann man das vielleicht an den beiden zentralen Frauen der Geschichte erkennen - die beide in einer ganz eigenen Form der Lethargie vor sich hinvegetieren: Während Hartz-IV-Ruine Tini Bürger (Katja Bürkle), die Mutter einer kleinen Mordzeugin, sich morgens mit Magenbitter die Zähne putzt, schleppt sich Opfergattin Leonie Zach (Angela Ascher als barock-bajuwarische Luxusbrumme) im Kimono zwischen Bett und Canapé hin und her.

Schmarotzertum? In diesem Hartz-IV-Stück mit Haha-Effekt ist die moralische Stoßrichtung trotz riskant ausgespielter Asi-Folklore vollkommen klar.


"Tatort: Jagdzeit": Sonntag 20.15 Uhr, ARD



insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
beobachter1960 08.04.2011
1. .
Ich habe einen echt ausgefallenen Vorschlag: Macht mal wieder einen Tatort einfach so. Ein Verbrechen, Ermittlung und Schluß. Keine ARD-Themenwoche, keine gesunde Ernährung oder so. Von mir aus spielt die größten Kriminalfälle Deutschlands noch mal nach.
Sleeper_in_Metropolis 08.04.2011
2. Titel
Zitat von beobachter1960Ich habe einen echt ausgefallenen Vorschlag: Macht mal wieder einen Tatort einfach so. Ein Verbrechen, Ermittlung und Schluß. Keine ARD-Themenwoche, keine gesunde Ernährung oder so. Von mir aus spielt die größten Kriminalfälle Deutschlands noch mal nach.
Hehe, das könnten die Öffentlich-Rechtlichen dann ja möglicherweise auch noch als die inhaltlich-radikale Modernisierung verkaufen, von der sie sonst immer nur träumen ;)
jüttemann 08.04.2011
3. ...
Zitat von Sleeper_in_MetropolisHehe, das könnten die Öffentlich-Rechtlichen dann ja möglicherweise auch noch als die inhaltlich-radikale Modernisierung verkaufen, von der sie sonst immer nur träumen ;)
Dann müssten sich die Drehbuchschreiber ja wirklich einmal anstrengen, denn seit den 70ern sind die Grundelemente eines Krimis doch immer gleich: Der Mörder wohnt in einer Villa .....
Analogalex, 08.04.2011
4. Wie wahr!
Zitat von beobachter1960Ich habe einen echt ausgefallenen Vorschlag: Macht mal wieder einen Tatort einfach so. Ein Verbrechen, Ermittlung und Schluß. Keine ARD-Themenwoche, keine gesunde Ernährung oder so. Von mir aus spielt die größten Kriminalfälle Deutschlands noch mal nach.
Dieses moralinsaure, zeigefingerhebende Verwursten vermeintlich brandaktueller sozialer Verwerfungen in der einstigen Vorzeige-Krimireihe ist gleichsam nervig wie lächerlich. Wann gibt es endlich mal wieder einen einfachen, aber spannenden und bitterbösen Plot, der im kollektiven Gedächtnis bleibt und es in die ewige TopTwenty-Charts der Tatorte schafft? Wann?? Gibt doch gute Storyboards en masse. Grüßle
Pepito_Sbazzagutti 08.04.2011
5. ....
Zitat von AnalogalexDieses moralinsaure, zeigefingerhebende Verwursten vermeintlich brandaktueller sozialer Verwerfungen in der einstigen Vorzeige-Krimireihe ist gleichsam nervig wie lächerlich. Wann gibt es endlich mal wieder einen einfachen, aber spannenden und bitterbösen Plot, der im kollektiven Gedächtnis bleibt und es in die ewige TopTwenty-Charts der Tatorte schafft? Wann?? Gibt doch gute Storyboards en masse. Grüßle
Dazu müssten Sie dann erstmal die alten, grantigen Tatort-Kommissare (Haferkamp, Trimmel, Veigl) ausgraben. Mit den aktuellen Weichwürsten kommt doch nichts Vernünftiges zustande.
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