Arte-Doku "Lebt wohl, Genossen!" Der Riese wankt

Systemdämmerung im Osten: Die aufwendige Doku "Lebt wohl, Genossen!" porträtiert den Zerfall der Sowjetunion. Der Kultursender Arte setzt dabei gekonnt auf eine bunte Inszenierung - die Geschichte eines Untergangs in Protestliedern, Streitgesprächen und Nachrichtenschnipseln.

ARTE / Czech TV

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Am 25. Dezember 1991 sitzt Michail Gorbatschow vor einer grau-grünen Tapete an einem hölzernen Schreibtisch. Die Worte, die er kurz darauf spricht, sollen den Niedergang der einstigen Supermacht UdSSR besiegeln: "Ich trete zurück vom Amt des Präsidenten der Sowjetunion." 70 Jahre hatte das kommunistische Regime da schon in Moskau geherrscht, hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg Satellitenstaaten einverleibt und war zur atomaren Supermacht aufgestiegen. 1975 lebte fast die Hälfte der Weltbevölkerung im Einflussbereich der Sowjets.

Nur 16 Jahre später ist der Siegestaumel dem sang- und klanglosen Niedergang gewichen. Der russische Regisseur Andrei Nekrasov war da gerade 33 Jahre alt - genauso wie der Erzähler in seinem Doku-Sechsteiler "Lebt wohl, Genossen!", den der Kultursender Arte ab Dienstag in drei Doppelfolgen zeigt. Doch nach dem Rücktritt Gorbatschows erfasst den jungen Mann kein Glückgefühl, keine Aufbruchstimmung, im Gegenteil: Etwas in ihm stirbt in diesem Augenblick. Im Zwiegespräch mit seiner Tochter erzählt er später: "Der für mich großartigste Gedanke aller Zeiten nach dem Christentum, der Sozialismus, war tot."

Seine Tochter kann diese Gedanken nicht verstehen. Sie ist in den achtziger Jahren im Westen aufgewachsen, als das Regime längst Risse durchzogen, die nicht mehr zu kitten waren. Als Geschichtsstudentin beschäftigen sie vor allem die Gräueltaten des Regimes, Zwangsarbeit, Massenmord, Stalin und der Gulag. Trotzdem sucht sie den Dialog mit ihrem Vater, der die Alltagswirklichkeit der Diktatur eben nicht nur aus Büchern kennt, sondern selber ein Teil davon war. "Ich will dich doch aber verstehen", sagt sie. "Und das System, in dem du gelebt hast."

Das Gespräch zwischen dem in verklärten Erinnerungen schwelgenden Vater und seiner kritischen Tochter ist der rote Faden der Doku-Reihe. Zwanzig Jahre nach dem Zerfall der Sowjetdiktatur soll in dem medienübergreifend angelegten Projekt aus den sechs jeweils einstündigen Filmen, einer Web-Seite und einem Buch den Vorboten der Systemdämmerung nachgespürt werden.

Zwölf Sekunden Spaß, neun Jahre Haft

Programmdirektor Christoph Hauser hatte die Erwartungen an das Projekt im Vorfeld selber nach oben geschraubt: Die Dokumentation sei eine der wichtigsten und aufwendigsten Produktionen seit der Gründung des Senders vor rund 20 Jahren, sagte Hauser. Ein Budget von 2,6 Millionen wurde für "Lebt wohl, Genossen!" aufgewendet, 100 Zeitzeugen befragt - davon alleine 30 für das Bonusmaterial auf der interaktiven Web-Seite - und mehr als 300 Stunden Material ausgewertet. 15 europäische Sender sollen die Serie nun ausstrahlen.

Die setzt - getreu der selbst verordneten neuen Ausrichtung auf publikumswirksame Formate - auf bunte Zusammenschnitte von Schnipseln aus sowjetischen Filmen, regimekritischen Liedern, Fernsehnachrichten und privatem Archivmaterial anstelle von Historikermonologen. So wird keine stringente Auflistung der ohnehin bekannten zentralen Fakten präsentiert, sondern der Geschichte durch Zeitzeugen ein individueller Anstrich verpasst.

Denn neben dem Redenschreiber von Leonid Breschnew und der damaligen Sekretärin von Lech Walesa, Bozena Rybicka, kommen auch Arbeiter und Musiker zu Wort. Der Rumäne Paul, damals Student, erzählt zum Beispiel davon, wie sich in Zeiten der Mangelwirtschaft vor einer Metzgerei in seiner Nachbarschaft regelmäßig Menschentrauben ansammelten, in der Hoffnung, am nächsten Morgen dort vielleicht etwas kaufen zu können.

Eines Abends sei Staatschef Nicolae Ceausescu dort vorbeigekommen und habe gefragt, warum die Menschen für Fleisch anstehen müssten. Man solle das Problem lösen. "Und was taten die Behörden?", fragt Paul. "Das Geschäft wurde geschlossen, ein Friseurladen daraus gemacht und die Metzgerei in einer Straße wieder eröffnet, auf der Ceausescu nie fuhr."

Einen anderen persönlichen Einschnitt schildert der tschechische Arbeiter Andrej Stavingha. Er erinnert sich an den 23. August 1973, als er, ein einfacher Arbeiter, genug hatte von den Russen und ihrem System. In der Nacht deponierte Stavingha mehr als ein Kilo Sprengstoff unter der Statue von Klement Gottwald, dem Mitbegründer der kommunistischen Partei Tschechiens. Zwölf Sekunden brannte die Lunte, dann stürzte die Statue in einem hellen Feuerschein zu Boden. "Ein toller Anblick." Neun Jahre musste er für sein kurzes Aufbegehren hinter Gittern verbüßen.

Doch der Protest in der Bevölkerung ging weiter, trotz Polizei, Geheimdienst und politischer Repressionen, die von einer Garde überalterter Männer im Politbüro dirigiert wurden. "Das Volk rief: 'Wir wollen freie Wahlen!' ", berichtet Paul Cozighian. Er wurde Zeuge der letzten Rede Ceausescus im Dezember 1989 und machte Filmaufnahmen davon. "Es war das erste Mal, dass ich so etwas hörte. Ich hatte eine Gänsehaut, als ich drehte. "

16 Jahre nachdem der selbsternannte Sprengmeister Stavingha seinem Ärger über die politischen Verhältnisse Luft machte, hatten Bürger wie er das System offenbar dauerhaft ins Wanken gebracht - höchste Zeit, dass auch sie ihre Geschichten erzählen können.


"Lebt wohl, Genossen!", dienstags, 24./31. Januar und 7. Februar, 22.00 Uhr, Arte



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