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Crossmedia-Projekt "About: Kate": Tot oder lebendig?

Foto: Ulmen Television/ Arte

Crossmedia-Serie "About: Kate" Hilfe, ich habe 'nen Netzabsturz

Endlich eine Serie, die wirklich neues Fernsehen ist - und daher gar kein Fernsehen mehr. In "About: Kate" versucht eine junge Frau dem Social-Media-Terror à la Facebook zu entfliehen. Die Zuschauer sind bei dem Crossmedia-Projekt per Web und Smartphone mit dabei. Und smarter Witz auch.

Tot oder lebendig? Affäre Viktor oder Pfleger Ingo? Goethe oder Schiller? John Lennon oder Mick Jagger? Madonna oder Lady Gaga? Ryan Gosling oder Rob Pattinson? Für die fast 30-jährige Kate stellt sich das Leben als Abfolge ständiger Statements und Entscheidungen dar. Zu allem eine Meinung haben, sie zu allem sofort herausblasen - und das am besten per Smartphone oder Social Media. Doch plötzlich ist Kate die digitale Denke, das Ja/Nein und zack, gepostet! fremd. Sie weiß nicht mehr, wer oder was sie ist und steht überfordert vor ihrem Leben. Immerhin, auf die erste Frage weiß sie eine Antwort: "tot". Aber dafür hat sie sich ja auch in eine Nervenklinik einweisen lassen.

Auszeit vom Ich-sein - geht das in der Ära von Status-Updates noch? In dem crossmedialen Serienprojekt "About: Kate" steht der Einfluss digitaler Medien auf unseren Alltag gleich doppelt im Mittelpunkt: Er hat Hauptfigur Kate (Natalia Belitski) eine Psychokrise just vor ihrem 30. Geburtstag beschert - und er ist selber essentieller Bestandteil des Projekts.

Während die Fernsehfolgen zu "About: Kate" ab diesem Samstagabend auf Arte zu sehen sind, sind die Social-Media-Stränge bereits vor knapp einem Monat gestartet. Auf Facebook  hat Kate Dinge empfohlen und gepostet, auf einer Arte-Centerpage  sind die Arbeiten der ehemaligen Kunststudentin zu sehen, mit Hilfe von Apps lassen sich TV und Internet schließlich verbinden - und im Idealfall spiegelt sich darin die fragmentierte Lebenswirklichkeit einer jungen Frau in Berlin.

Danke für die Überforderung!

Aber, Vorsicht: Wem die Welt der Twitterer und WhatsApper fremd ist, der wird sie durch "About: Kate" nicht verstehen lernen. Nach dem Prinzip "it takes one to know one" verweigert die Serie den amüsiert-distanzierten Blick auf die vermeintliche Generation Facebook und erzählt stattdessen szene-immanent. Der zuckende Tanz von David Byrne, die Geschlechterkritik von Bikini Kill - ohne popkulturelles Vorwissen kommt man bei "About: Kate" nicht weit. Überforderung ist damit Eintrittspunkt und Problem zugleich: Um zu verstehen, warum Kate aus dem Strudel der Nonstop-Entscheidungen heraus will, muss man selbst schon mal dringesteckt und mitgespielt haben.

Das Von-allem-zu-viel-und-zu-schnell spiegelt sich auch in der parallelen Aufbereitung der Serie in den Social Networks und auf dem Smartphone wider. Wo sich relevante Informationen oder originelle Mitmach-Möglichkeiten in dem Stream von Postings und Spielchen verbergen, ist eine sich schnell erschöpfende Herausforderung. Aber wann hat man sich vom Fernsehen sowie von dessen crossmedialer Weiterführung das letzte Mal so richtig überfahren gefühlt?

"About: Kate" leistet es sich, exklusiv zu sein. Wo andere ähnlich ambitionierte Crossmedia-Projekte der Öffentlich-Rechtlichen versuchten, durch Krimi-Plot ("Wer rettet Dina Foxx?", ZDF) oder Polit-Thematik ("Alpha 0.7", SWR) ein möglichst großes Publikum anzusprechen, konzentriert sich "About: Kate" ganz auf die zielgruppengenaue Ansprache. Dass die gelingt und zum Teil sogar richtig begeistert, liegt an Janna Nandzik, der Regisseurin und Autorin der Serie.

Nandzik hat bislang hauptsächlich als stellvertretende Geschäftsführerin und Produzentin bei Ulmen TV, der Produktionsfirma von Christian Ulmen, gearbeitet. Als Autorin hat sie sich bereits mit der Serie "Die Snobs - Sie können auch ohne Dich" hervorgetan, die 2011 für den Grimme-Preis nominiert worden war (und mittlerweile komplett und umsonst auf ulmen.tv  zu sehen ist). Ulmen und Wilfried Hochholdinger spielen darin die titelgebenden Snobs, die auf einem Golfparcours einen nur halb freiwillig rekrutierten Caddy (Frederick Lau) nach Lust und Laune drangsalieren. Die Miniserie fiel dramaturgisch etwas holprig aus, bestach aber durch ihre eigenwillige Kombination von groteskem Humor mit literarischen und filmhistorischen Zitaten - und machte neugierig auf Nandziks nächste Projekte.

"About: Kate" erfüllt die Erwartungen absolut: Die große popkulturelle Sensibilität und der Mut zum hochtourigen Assoziieren bestätigen Nandzik als einzigartige Stimme unter den jungen Fernsehmacherinnen. Der crossmediale Überbau der Serie wirkt in dieser Hinsicht fast unnötig. Statt Social-Media-Experimenten wüsste man lieber eine ARD-Vorabendserie im Stil von "Berlin, Berlin" oder eine Late-Night-Comedy, die wirklich kreativen Spielraum hat, in ihren Händen. Aber das kann nach Kate ja noch kommen. Ja oder ja, liebe Öffentlich-Rechtliche?

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