Asyl-TV-Show in den Niederlanden Zur Ausweisung ein Koffer voll Geld

Abgelehnte Asylbewerber am Buzzer: Die geplante Quiz-Sendung "Raus aus den Niederlanden" erregt die Gemüter in Holland. Ist sie zynisch und menschenverachtend - oder doch nur wieder eine TV-Provokation mit gutem Zweck wie zuletzt die Organspende-Show?

Provokantes Quiz "Weg van Nederland": Asylbewerbern ein Gesicht geben
DPA/ Desmet

Provokantes Quiz "Weg van Nederland": Asylbewerbern ein Gesicht geben


Amsterdam - Ist das nur ein Bluff oder meinen die das ernst? Der TV-Sender VPRO hat eine Quizsendung ankündigt, in der die landeskundlichen Kenntnisse von abgelehnten Asylbewerbern getestet werden. In "Weg van Nederland" (etwa: "Raus aus den Niederlanden") bekommen "fünf abgelehnte Asylbewerber die Chance, ihre Kenntnisse über die Niederlande unter Beweis zu stellen und damit einen Koffer voll Geld zu verdienen".

Das sei, so schreibt VPRO auf seiner Website, "ein nettes Nebeneinkommen für jemanden, der schon in kurzer Zeit die Niederlande verlassen muss". Der Geldkoffer ist freilich nicht gerade riesig: 4000 Euro verspricht der Sender dem Sieger - "für einen Neuanfang im Land seiner Herkunft". Dass Asylbewerber nach jahrelangem Ringen um Bleiberecht viel "über unser Land, die niederländische Sprache und die niederländische Kultur wissen", mache sie zu interessanten Quiz-Kandidaten.

Kein Asylbewerber? Dann winkt eine Karibik-Reise

Allein die Vorstellung verschafft so manchem eine Gänsehaut: Da sollen fünf Menschen, die eigentlich nichts lieber wollen, als sich im sicheren und sauberen Oranje-Königreich eine neue Existenz aufzubauen, gegeneinander kämpfen und dafür Fragen nach dem Königshaus, zu Kunst, Geschichte und Geografie der Niederlande beantworten. Des Landes, das sie angeblich in Kürze und notfalls mit Polizeigewalt rausschmeißt.

Wie Moderator Waldemar Torenstra in einem Werbespot für "Weg van Nederland" verkündet, können auch Zuschauer mitspielen, die als Landesbürger keine Abschiebung zu befürchten haben. Ihnen winkt als Hauptpreis eine Badereise in die Karibik. Nein, so viel Zynismus kann einfach nicht ernst gemeint sein.

Die Programm-Macher von VPRO wollen sich dazu zwar vorerst nicht verbindlich äußern. Doch alles andere als ein inszenierter TV-Bluff, mit dem auf die Praxis der Abschiebung "durchprozessierter abgelehnter" Asylbewerber aufmerksam gemacht werden soll, ist fast nicht denkbar. Zumal die Quiz-Sendung nicht als Serie angelegt ist, sondern als einmalige Show, die in einem speziellen Format für Fernseh-Experimente läuft - im Rahmen der einwöchigen Aktion "TV Lab" (TV-Laboratorium).

"Weg van Nederland" sei immerhin "eine Möglichkeit, abgelehnten Asylbewerbern ein Gesicht zu geben", sagt Roek Lips, Sendeleiter beim Kanal Nederland 3, auf dem die VPRO-Sendung laufen wird. "Bei TV Lab geht es natürlich darum, Grenzen auszuloten."

Die "Kandidaten" sind laut VPRO "gebildete" Leute - unter ihnen einen Studentin der Luftfahrttechnik, die in Kürze zurück nach Kamerun müsse, und ein Student slawischer Sprachen, der demnächst in seine Heimat Tschetschenien abgeschoben werde.

Vorbilder: Organ-Show und Schlingensief

Die Debatte um die Sendung erinnert viele an die Aufregung um eine Organspende-Show beim kommerziellen Sender BNN vor fünf Jahren. Der hatte angekündigt, dass in "De Grote Donorshow" Kandidaten, die eine neue Niere brauchen, um das Spenderorgan einer jungen, unheilbar kranken Frau kämpfen würden. Am Ende wurde die "Show" als Bluff entlarvt. Man habe nur auf das Problem des Mangels an Spenderorganen aufmerksam machen wollen, erklärte BNN. Immerhin ließen sich seinerzeit viele Niederländer als potenzielle Organspender registrieren. Wie die Reaktionen nach der Ausstrahlung von "Weg van Nederland" ausfallen, ist ungewiss.

Völlig neu ist die Idee ohnehin nicht. So mancher, der auf die VPRO-Ankündigung reagierte, verwies auf den vor einem Jahr gestorbenen deutschen Regisseur und Aktionskünstler Christoph Schlingensief. Er hatte im Jahr 2000 bei den Wiener Festwochen mit seinem Filmprojekt "Ausländer raus! Schlingensiefs Container" für Aufsehen gesorgt. Um auf die weit verbreitete Fremdenfeindlichkeit im Westen hinzuweisen, wählte er das Modell der Voyeur-Show "Big Brother". In seinem Container agierten Asylbewerber als Kandidaten, die vom Publikum rausgewählt werden konnten - und zwar nicht bloß aus dem "Big Brother"-Haus, sondern gleich aus dem Land.

Thomas Burmeister, dpa

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insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
Nr82136 30.08.2011
1. ...
Zitat von sysopAbgelehnte Asylbewerber am Buzzer:*Die geplante Quiz-Sendung "Raus aus den Niederlanden" erregt die Gemüter in Holland. Ist sie zynisch und menschenverachtend*- oder doch nur wieder eine TV-Provokation mit gutem Zweck wie zuletzt die Organspende-Show? http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,783392,00.html
Logischer wäre eine Show "Kom eens binnen" (Komm mal rein), in der an einer Grenze Asylbewerber durch beantworten von Fragen um Einlass bitten können. Per Voting wird eventuell ein Aufenthaltstitel vergeben. Wer nicht gewinnt darf, nein muss sich Linda d-Moll on the G-String anschauen.
Maynemeinung 30.08.2011
2. Die haben doch schon vorher den Hauptgewinn
Freiwillig sind die ja wohl nicht in Holland geblieben.
Pepito_Sbazzagutti 30.08.2011
3. Publikums Wille
Zynisch und menschenverachtend ist diese Show wohl nicht, sondern eher das TV-Format, das ein Teil der Niederländer sehen möchte. Genau wie in Deutschland gibt es doch wohl auch dort genügend Leute, die sich gern an Menschen weiden, denen es viel schlechter geht als ihnen selbst. Außerdem: Welcher Sender produziert schon eine TV-Show, die nicht schon in der Planung von einer "repräsentativen" Gruppe von Zuschauern abgenickt wurde?
Chris110 30.08.2011
4. Verrückt geworden?
Wohl den Verstand verloren? Das geht nie auf Sendung; und falls doch, wird die Firma bestimmt eine Klage abbekommen. Das ist komplett daneben. Allein die Idee ist schon daneben.
pinkwoolf 30.08.2011
5. Wie beliebt
"Da sollen fünf Menschen, die eigentlich nichts lieber wollen, als sich im sicheren und sauberen Oranje-Königreich eine neue Existenz aufzubauen, gegeneinander kämpfen und dafür Fragen nach dem Königshaus, zu Kunst, Geschichte und Geografie der Niederlande beantworten. Des Landes, das sie angeblich in Kürze und notfalls mit Polizeigewalt rausschmeißt." Nein. Des Landes, in dem sie sich eine Existenz aufbauen wollen und über welches sie vielleicht auch zwei oder drei Sachen wissen sollten. Kein Interesse? Dann hält sich mein Mitgefühl in Grenzen.
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