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ZDF-Dokusoap "Auf der Flucht": Laufsteg ins Flüchtlingselend

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Asyl-Doku-Soap bei ZDFNeo Böhser Onkel gibt den Guten

Als ob das Dschungelcamp auf Tour geht: Für das ZDFNeo-Format "Auf der Flucht" reisen Boulevardsternchen Mirja du Mont und Ex-Böhse-Onkelz-Mitglied Stephan Weidner quer durch Afrika und Nahost - wie echte Flüchtlinge.

Gleich am Anfang kommt Dschungelcamp-Atmosphäre auf. Da werden den Teilnehmern von "Auf der Flucht" die Handys abgenommen. Was bei der RTL-Survival-Show Dr. Bob erledigt, das übernimmt beim ZDFNeo-Selbstversuch "Auf der Flucht" allerdings ein seriöser Nahost-Experte.

Mit der gleichen sachlichen Jovialität wie der Buschmann Dr. Bob weist Daniel Gerlach, im Hauptberuf Chefredakteur des Orient-Fachmagazins "Zenith", mit dem auch SPIEGEL ONLINE kooperiert, die sechs unvorbereiteten Kandidaten in ihre Aufgabe ein: Drei von ihnen sollen in umgekehrter Richtung via Italien die Route von Flüchtlingen aus Afrika bereisen, die anderen drei via Griechenland die Route von Flüchtlingen aus dem Irak. Und das mit den gleichen Mitteln wie die Iraker oder Afrikaner, ohne Geld, mit sehr wenigen Rechten.

Ist das noch Unterhaltungsfernsehen oder schon Bildungsprogramm? Beides zusammen - so dürften das jedenfalls die Macher von "Auf der Flucht" sehen. Das Kompositionsprinzip wurde von Reallife-Soaps wie dem RTL-Dschungelcamp kopiert; dem voyeuristischen Fressen für den Zuschauer wird aber auch versucht, journalistisches Futter beizumengen. Etwa die immer wieder in den Erzählstrom eingefügte Anmerkung, dass im letzten Jahr 65.000 Menschen Asyl in Deutschland beantragt haben. Wir sind schließlich beim ZDF. Infos müssen sein.

Spaß aber auch. Die Auswahl der öffentlich-rechtlichen Scheinasylbewerber folgt voll und ganz dem Dschungelcamp-Prinzip. Die Teilnehmer wurden nach Dramapotential gecastet; dass einige von ihnen Publicity dringend nötig haben, so die Rechnung, dürfte sie die zugewiesenen Rollen noch ergebener spielen lassen.

Verschwunden im Tränenbach

Da ist zum Beispiel Mirja du Mont, die als "Model" arbeitet, aber vor allem als Ehefrau von Adelsdarsteller Sky du Mont überschaubare Berühmtheit erlangt hat. Ihr kommt der Part der Heulsuse zu. Ob vor Elendskulisse in den Slums von Rom oder einfach nur im Gespräch mit Flüchtlingen - sie tätschelt und flennt, sobald die Kamera angeht.

Dabei hat sich das Anhängsel des wandelnden FDP-Werbebanners Sky("Das stärkste Mittel gegen Links") sehr klar geäußert zur Flüchtlingspolitik: Die Dritt-Staaten-Regelung, wonach Flüchtlinge in dem europäischen Land bleiben müssen, in dem sie ihren Antrag auf Asyl gestellt haben, findet sie in einem Einspieler aus der Zeit vor der Reise richtig - "sonst hätten wir ja alle hier". Kaum aber hört sie in Italien die Leidensgeschichte eines Afrikaners, herrscht Taschentuchalarm und sämtliche eiserne Grundsätze gehen den Tränenbach hinunter.

Noch eiserner sind die Grundsätze von Bloggerin Katrin Weiland, die Thilo Sarrazin verehrt und der im ZDF-Camp die Rolle der Krawallnudel zukommt. Vor der Reise ließ sie noch ein paar markige Sprüche gegen Asylsuchende ab. An dem Gitter eines griechischen Internierungslagers aber, an dem sich unter unmenschlichen Bedingungen Flüchtlinge aus dem Nahen Osten drängeln, steuert sie ihre Aggressionen in eine andere Richtung: "Perversion in Reinkultur", schreit sie in die Kamera. Bekehrung auf die brutale Tour.

Ob diese auch bei Kevin Müller, einem Ex-NPD-Mitglied aus Berlin, wirkt? Ihm kommt der Doku-Soap-Part des Querulanten zu. Ausgetreten aus der rechtsradikalen Partei sei er, weil die ihm zu "demokratisch" gewesen sei. Er esse auch mal gerne "ausländisch", bei Schwarzen denke er aber sofort an Aids. Was anfangen mit so jemandem? Auf der Fake-Flucht durch Italien und Afrika droht er immer wieder das Experiment abzubrechen, überall wittert er Feinde. Irgendwann im Flüchtlingselend von Rom sagt der Irre im Deutschwahn: "Es ist das erste Mal, dass ich Mitleid empfinde."

Bis der letzte umgedreht ist

Die Reality-Show als gesellschaftspolitische Konfrontationstherapie: Folgt man der Logik von "Auf der Flucht", braucht man nur ein paar starke Bilder und Emotionen, schon hat man auch den letzten Xenophoben umgedreht. Aber taugt eine anpolitisierte Doku-Soap als Debatteninstrument? Dreht man Kandidaten und Zuschauer nicht einfach per Bildermassage um, statt Denkprozesse in Gang zu setzen? Und vor allem: Darf man das geballte Flüchtlingselend an den Rändern Europas in einem Unterhaltungsformat ausstellen?

Wie die Kamera sich an Flüchtlingslagerzäunen und Baracken in Italien oder Griechenland weidet, damit eine Yellowpress-Tränentrine wie Mirja du Mont ihre Haltung überdenkt oder ein Springerstinkstiefel wie Kevin Mülller beim Migranten um die Ecke essen geht, ist zumindest schwierig zu nennen. Und dass ausgerechnet Stephan Weidner, früher Mitglied der unter Rechtsrockverdacht stehenden Böhsen Onkelz, auch noch dabei ist, lässt das Ganze erst recht zweifelhaft erscheinen.

Dabei freut man sich am Ende gar über ihn. Eigentlich erscheint der Musiker, der zumindest früher wenig Anzeichen machte, er hätte etwas dagegen, dass Neonazis seine Texte mitgrölen, als ideales Missionierungsobjekt. Aber hier gibt er sich gleich am Anfang bereits missioniert: "Man kann Leute, die an der Tür klopfen, nicht einfach abweisen. Ich bin ganz klar pro Asyl."

Weidner verkneift sich auf der Flüchtlings-Show-Rallye des ZDF jeden markigen Kommentar, versteckt sich vorsichtig hinter seinen Haaren, die er, so sagt er selbst, sehr lang trägt, um sich schon symbolisch von den Glatzen abzusetzen, für die er früher gesungen hat. Der Mann beherrscht das Spiel mit den Bildern. Umso bemerkenswerter sein Auftritt in Athen. Dort trifft er auf Asylsuchende, die zuvor Opfer eines rechtsradikalen Angriffs geworden sind, und zeigt Solidarität. Beinahe, so möchte man glauben, echte Solidarität. Als eines der Opfer als Spätfolge der rechtsradikalen Gewalt zusammenbricht, bittet Weidner, dass die Kameras ausgemacht werden, auf dass die von ZDFNeo heimgesuchten Flüchtlinge ihre Ruhe haben.

Für eine Show wie "Auf der Flucht", deren Konzept auf der größtmöglichen Zurschaustellung des Flüchtlingsleidens baut, fast schon eine subversive Handlung.


"Auf der Flucht - Das Experiment", donnerstags, 22.15 Uhr, ZDFNeo

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