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25. Oktober 2013, 10:23 Uhr

München-"Tatort" von Dominik Graf

Unterm Dirndl wird korrumpiert

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Investorenalarm in München: Das arme Westend wird totsaniert, Bagger schaufeln eine Leiche frei. 20 Jahre nach seinem Meisterstück "Frau Bu lacht" liefert Dominik Graf einen aggressiven "Tatort" über Bausünden in der Bayern-Metropole.

Alles verschwindet. Häuser und Straßen, Farben und Gerüche. Da verliert selbst die alte Münchner Supernase Hauptkommissar Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) die Orientierung in der Stadt. Am Anfang dieses erbarmungslos zerklüfteten "Tatort" kurvt Leitmayr im Auto durchs Westend, wo er sich vorübergehend in die Wohnung eines Freundes eingemietet hat. Doch auch das Navi versagt in diesem in stetigem Umbruch befindlichen Viertel. Überall wird aufgewertet, überall werden neue Gebäude hochgezogen, überall wird der Verkehr umgeleitet. In einer Baugrube legen Bagger eine Leiche frei.

Ein "Tatort" über Mord und Stadtplanung, in Szene gesetzt von Dominik Graf, der in seinen Filmen immer wieder mit aggressiver Melancholie die Veränderung urbaner Lebensräume beleuchtet hat. In dem ansonsten missratenen Episodenfilm "Deutschland 09" bannte er die in Deutschland so vernachlässigte Nachkriegsarchitektur in ein auf verblassendes Super-8-Material aufgenommenes Filmessay. In der Auftaktfolge des Münchner "Polizeiruf" mit Matthias Brandt ließ er den Neuankömmling traurig durchs gewienerte Schwabing ermitteln, wo sämtliche Erinnerungen an die wilden sechziger und siebziger Jahre wegsaniert worden sind. Die Städte schämen sich für ihr Erscheinungsbild; mit den als Schandflecken empfundenen Bauten, so Grafs These, tilgen sie oft auch ihr Gedächtnis.

Da trifft es sich, dass zeitgleich mit Grafs neuem München-Krimi nun ein "Tatort"-Buch veröffentlicht wird, das den Themenkomplex Architektur und Verbrechen behandelt. An dem grandios bebilderten Werk mit dem Titel "Schauplatz Tatort", erschienen im Callway-Verlag, hat auch der Münchner Kommissardarsteller Udo Wachtveitl mitgeschrieben. Kein Zufall, denn in keinem anderen "Tatort"-Revier wurde bislang so genau Stadtteil für Stadtteil vermessen, wurden so genau die jeweiligen Wohnverhältnisse ausgeleuchtet - oft im Selbstversuch der Ermittler.

Frau Bu lässt grüßen

In dem Buch gibt es auch ein Interview mit Dominik Graf, das symbolträchtig auf einem Platz im ehemaligen Olympischen Dorf in München geführt wurde. Eben einer dieser Orte, für die Stadtplaner nicht gerade leidenschaftliche Verwendung gefunden haben und der auch schon in Grafs München-"Tatort" "Frau Bu lacht" eine Rolle spielte. Viele halten den Krimi von 1995 für den besten "Tatort" aller Zeiten. Fast 20 Jahre nach dem Meisterstück, in denen Graf keinen weiteren "Tatort" lieferte, sondern lieber mit dem handlicheren "Polizeiruf" experimentierte, sind die Erwartungen hoch.

Wer will, kann eine gewisse Nervosität aus dem Projekt herauslesen. Das Drehbuch zu "Aus der Tiefe der Zeit" stammt vom Fernsehveteran Bernd Schwamm, der einst für legendäre Vorabendserien wie "Der Fahnder" oder "Auf Achse" geschrieben hat. Muss man sich mal vorstellen: Hits wie "Der Fahnder" liefen auf dem Sendeplatz, wo heutzutage die Infantil-Krimis aus der "Crime and Smile"-Reihe der ARD gezeigt werden. Noch ein Grund für aggressive Melancholie. Graf, der ebenfalls für den "Fahnder" gearbeitet hat, treibt nun für Schwamms Städtebau-Krimiplot seine in den letzten Jahren kultivierten Stilmittel auf die Spitze: Siebziger-Jahre-Zooms, harte Schnitte, diskontinuierliches Erzählen und fliegende Ortswechsel fordern den Zuschauern höchste Konzentration ab.

Der mit einem Korruptionsskandal einhergehende Leichenfund im armen Westend führt direkt in eine Familientragödie im wohlhabenden Pullach: Hier residiert in einer maroden Villa die ehemalige Kunstschützin Magda Holzer, genannt "Calamity Jane" (Erni Mangold), mit missratenem Sohn (Martin Feifel) und gefährlich patenter Schwiegertochter (Meret Becker). Die Villa nahe der Isar droht vom Hang abzusacken, das Familienimperium wackelt. Da hilft auch nicht die Eventagentur, die Sohn und Schwiegertochter betreiben. Die beiden haben ihre Fühler in das von den jungen, hippen Leuten entdeckte Arme-Leute-Quartier Westend ausgestreckt, die Frau pflegt nützliche Verbindungen zur Stadtverwaltung. Im Dirndl oder auch mal luftiger bekleidet. Drinnen in den sanierten Gebäuden feiern die Eventmanager mit den Reichen ihre Partys, draußen demonstrieren Studenten-Flashmobs gegen Mietwucher.

Was für ein Gegensatz: Hier der aufgewertete Ghetto-Charme des Westend, dort der verwitterte Wohlstand von Pullach. Das Familienunternehmen der Holzers baut auf einer Begebenheit aus der Stunde null auf, ein Nazi-Onkel spielt eine Rolle. So schlägt Graf einen weiten Bogen: von der Architektur der Nachkriegsmoderne zur Städteaufhübschung der Gegenwart, von der Entnazifizierung zur Gentrifizierung. Als "Tatort"-Volkspädagogik taugt sein Krimi trotzdem nicht, da er das Städterätsel nicht handlich sozialökonomisch auflöst. Auch hält sich die Empathie in Bezug auf die studentischen Gentrifizierungsgegner in Grenzen.

Stattdessen liefert Graf mit "Aus der Tiefe der Zeit" einen mentalitätsgeschichtlichen Stream of Consciousness. Mit viel Gram über den Erneuerungswahn in deutschen Städten - und viel Liebe für das, was unter diesem Erneuerungswahn begraben wird.


"Tatort: Aus der Tiefe der Zeit", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD. Zeitgleich stellt sich Regisseur Dominik Graf auf tatort.de bei einem Social TV Event den Fragen der Zuschauer.

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